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Heidelberg am 8 Juny
1821.

Geliebte Odilie!

Du hast mir unendlich viel Freude gemacht durch Dein Briefchen ; fahre nur so fort, dann will ich immer größere schreiben und Dir manches ganz speziell von dem schönen Heidelberg erzählen. Dein Zahn- u Ohrenweh ist doch jetzt ganz vorbei! Ach mir that es l auch recht leid um Dir, da ich es las. Nun wirst Du aber blos wieder daran erinnert. Ich weiß wahrhaftig im Augenblick nicht, wie lange wir unsere Korrespondenz ausgesetzt hatten. Aber laß Dich nur nicht von der guten Emma überwinden; ich habe doch ziemlich viel zu thun u muß euch Alle versorgen, da kann ich freilich nur manchmal an Euch schriftlich denken. Was Du von einer "unendlichen Güte" schreibst, war gewiß auch Dein Ernst nicht, geliebte Odilie; denn laß es nur einstweilen bei der endlichen bewenden, sonst versteige ich mich in die Geisterwelt, in die Kobolden- u Zauberspukereien, wo es nicht lauter aussieht, wo mancher Zwerg oder Riese oder jenes graue Männchen nun das Dich auch einmal angepackt hat (weißt Du wol noch? Dort, wo man in die Harmonie geht, in jener Ecke an der eisernen Thüre, wohin uns oft der Vater führte, wenn wir im Harmonieconzert recht lustig gewesen waren, ich meine freilich schon 6 oder gar 7 Jahre) sein Wesen treibt. Nein, das laß ich weißlich bleiben u verstecke mich hinter die Bettdecke, wenn es einem eiskalt über den Leib läuft. Auch sprichst Du in Deinem [...] Br iefchen von elenden Briefen. Die sind erstens nicht solche, zweitens kannst Du alle diese täglich bessern, wenn Du mir recht oft schreibst. Ich will Dir immer recht herzlich antworten. Sehnst Du Dich vielleicht nach Heidelberg? Das kann ich kaum glauben, oder – Du kennst es nicht genug. Die Gegend ist freilich die schönste in Deutschland; aber die Menschen |2 würden Dir so fremd u stolz u widerwärtig vorkommen, daß Du gerne nach Baireut zu Fuße liefest. Hier sind vielleicht 5 – 6 Mädcheninstitute , aber ich kenne blos eines, was Dich u andere anziehen würde, das bei der trefflichen Heintz. Aber etwas ganz anderes ist es, bei einer solchen Mutter zu sein; die findest Du auf der ganzen Welt nicht; und so wirst Du Dich auch nirgend hinsehnen, wenn Du sie und Deinen Vater hast. Es ist das Beste, was wir unter uns haben; ich will gar nicht, daß Du Dich an die Weihnachten vom 5 oder 6ten Jahr an, nein, nur an das erinnerst, was [...] sie jetzt, wo ich Dir dieß schreibe u wo Du dieses liest, t an Dir u uns allen thun. Ohne diese an einem fremden Ort zu sein, wäre schlimmer als Dein Tod. Hier habe Dir ich Dir 3 kleine Blümchen gegeben; die eine von den Rosenblättern gib der lieben Emma, die große Blume der Mutter; das andere behalte für Dich oder denke dabei, daß ich ein die ganze Rose in meinem Stübchen habe u an sie rieche, wenn ich weiß, daß Du dieses liesest. Verschmähe dieses kleine Angebinde nicht. (Aber dabei muß ich Dich ganz leise (könnte ich es doch wirklich!) fragen: wann ist denn der Mutter Geburttag ? Mir schwebt immer der Juny u Juli durch die Sinne u weiß von keinem es recht. "Ist das recht?" wirst Du sagen. Ach leider bin ich darüber bekümmert, aber und deswegen fast blos, daß die Mutter an ihrem Geburttage glaubt, ich hätte nicht an sie gedacht; aber schreibe mir, wenn noch etwas Gut zu machen ist. Ich will's auch noch nicht glauben, daß ich die Zeit verfehlt habe. Nicht wahr, Du thust mir diesen Gefallen? Wie bist Du denn noch mit B. zufrieden? Gefallen Dir die Menschen? Nicht wahr, die Fanny Welden ist noch Deine Freundinn? Fast, glaube ich, ist sie |3 so groß, wie die Emma jetzt. Bringe ihr doch einen Gruß von mir; ich meine es gut mit der kleinen Schelmin; ihr Garten wird euch beiden gute Dienste thun; aber ihr könnt doch noch keine Kirschen essen; die sind hier in Menge auf den Bergen u in den Thälern. Künftigen Montag ist ein großes Volksfest im Schwetzingergarten , von dem Du gewiß auch schon gehört hast. Alle Studenten fahren auf sechsspännigen, mit Eichenlaub bekränzten, von Musik begleiteten, großen – Leiterwägen durch die Stadt hinaus nach ihm. Ein solcher Wagen, wo auf beiden Seiten Bänke angebracht sind, faßt gegen 30-40 Mann. Aus der ganzen Umgegend k strömen die Leute zusammen; aus Mannheim, Speier, Worms, Karlsruhe pp. Der Garten hat gewiß eine Stunde im Umfang; das Gedränge der Menschen soll ungeheuer sein. Da wünschte ich wohl den Vater hier zu sehen haben , um diese Lustigkeit des Volks zu sehen. Ob ich hingehe, weiß ich noch nicht; aber – Was macht denn die gute Mutter? Ist sie wohl immer gesund u hat sie noch die rothen Bäckchen? Von der Amöne, Reizenstein, Dobenek u allen denen Baireutern erfahre ich ja gar nichts; freilich ist wenig zu erzählen, da a A lles den alten Ton fortgeht u doch in einem schlechteren, da er verstellt ist. Gehst Du oft mit der Mutter in an den schönen Sommerfeiertagen S spatzieren, Odilie. Aber noch eins habe ich Dir ganz allein zu sagen. Um nemlich nicht alles zu wiederholen, was ich Thüngens Brief (den ich eben vorher geschrieben habe) erzählt habe, nicht euch zu wiederholen, da ohnehin dieser mit einem Bindfaden umwundene Br. durch Baireut passiren kann u Euch allen vielleicht Freude macht, so schicke ich ihn zu lesen mit der Bitte, ihn mit dem Zugehörigen sorgfältigst einzupacken u gleich nach Berlin zu schicken; Und |4 Du gute Odilie wirst mir gerne diesen Gefallen thun. Wenn ja etwas verloren geht, vielleicht das kleine Zettelchen, so schreibe es mir u ich will es gerne noch einmal schreiben. Was|aber noch schöner wäre, hielt ich dafür, daß nehmlich einer von euch bei der Tante von Thüngen sich er vielleicht um eine Nachricht an ihn erkundige, oder um einen Gruß oder bei der Mdam Schireau , wo seine jüngste Schwester ist, um ein Briefchen an ihn. Das würde ihn dann viele Freude machen. Aber alles das lasse ich Dir, geliebte Odilie über u Deiner sinnenden Seele. Du wirst schon alles aufs schnellste besorgen, denn der arme Mensch wartet schon seit einigen Wochen auf einen Brief. Du wirst dich gewiß wundern, daß du jetzt einen Brief ganz allein bekommst; allein bald u noch morgen soll ein Päckchen den andern Lieben folgen , denen ich, besonders der Mutter, schon die Ursache sagen will. Ist es bei euch auch so rauh gestern gewesen? Hier fiel ein dicker Hagel. Das Wetter ist übrigens nicht so mild, wie ich nach den ersten Maitagen berechnete. Ich habe Dir nun fast nichts mehr zu schreiben u aus Mangel an historischem Stoff gebe ich Dir nur die einzige Mittheilung, die Dich freilich wenig interessiren wird, aber mehr dem Vater, dem ich die ganze Sache mehr mündlich auseinandersetzen will. Hofrath Kreuzer bekomt heute am 13. Mai einen Fakelzug von allen Studenten, ich allein u Feuerbach schließen uns aus redlichen Gründen aus. Die Ursache Veranlassung gibt Vossens höchst feindseliges u abscheuliches Betragen gibt gegen jenen ehrwürdigen Mann. Nun zu Ende, Du geliebte Odilie. Die Uhr ist ½ 4 U u ich kann unmöglich vor den Collegien an die andern Theuren schreiben. Bald bekommst Du wieder einen Gruß u vielleicht etwas mehr. Grüße herzlich den Vater, d. Mutter u Emma. Gott behüte Dich; noch in dieser Woche erfülle ich Sohnespflicht.

Leb wohl. Immer Dir treu. Allen Geliebten gib einen Kuß.
Leb wohl.

D. M.

Zitierhinweis

Von Max Richter an Odilie Richter. Heidelberg, 8. bis 13. Juni 1821, Freitag bis Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1017


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.


Korrespondenz

B: Von Odilie Richter und Emma Richter an Max Richter. Bayreuth, vor dem 8. Juni 1821

Zur Datierung: Wie aus den Ausführungen zum Fackelzug für Friedrich Creuzer am Ende des Briefes hervorgeht, wurde der Brief erst am 13. Juni beendet.