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Nun an Dein Briefchen , beste Emma. Allein da muß ich mit Wenigem (es ist eben das Wort selbst das Wenige) die Kürze entschuldigen. Du weißt, wenn einem Stoff schon ausgegangen ist, so ist dann das Andere nur mit allgemeinen Notizen zu beschreiben. Was die Notizen angeht, so achte diese nur nicht tiefer, als Dein wirklich herrlicher Brief. Jeder Mensch ist nur nach dem Willen zu beurtheilen. Bei mir Halbgelehrten sieht es aber sonst ganz traurig aus; jede Kleinigkeit, jede Spitze von einer Sache muß erzählt werden, um ein Ganzes zu bilden. Dafür kann ich als der Schwächere u Jüngere wohl mit Recht u Fug einmal ein kleines Aufsätzchen erbitten, und wenn es nur nicht mit den Briefformularen anfängt; ein Brief soll es nicht sein, aber ich will es dazu machen. Nicht wahr? Die Bitte erfüllst Du? Keine Silbe soll veruntreuet werden; Zum Voraus sage ich Dir mit einem Mal, daß kein Vorwand, nicht der größte gelten darf, etwa in einem Brief nachher; ich gebe gewiß darauf Acht u merke mir den 23 July 1821, an dem ich nach Deinem Wunsche für den Sonnabend (für Heute) den Brief wegschicke. Du bist ja nicht in den Händen eines Oesterreichischen Beobachters , der Dich u uns Alle ganz pünktlich vor der Welt beschrieb. Was des Vaters Gesundheit betrifft, so bitte ich Dich um Alles willen, schreib mir jede Veränderung, überhaupt seine jetzige Stimmung. Ihn muß endlich Baireut umstimmen, das doch keinen rechten Genuß für diesen Mann gibt. Nur auf ein halb Jahr möchte ich ihn in Erlangen haben, da ist ja Schubert, Kanne u der trefliche Schelling. So schlecht manche Seiten der Universität sind bei den Lehrern, so unterrichtend auf der andern der ungeheure Wechsel der Meinungen; an einem Tag hört man dergleichen 2 gerade das Entgegengesetzte behaupten. Jeder Wechsel bei ihm muß wohl thun u wenn nur die Hoffnung an das Alte u das Sehnen ihn erquickt. Wie froh kehrte er von München nach Euch zurück ? Oder ist ein hier auch das Verhältniß wie bei Otto ? |2 Oder ein Abscheu gegen das gelehrte Treiben? Das geht vielleicht jedem so u der Gelehrte selbst kann ja mit seinem Wissen nicht Jeden überschütten. Voß freut sich gewaltig auf ihn; er wartet auch sehnlichst auf ein Briefchen von dem lieben Vater . Deinen u der Mutter Zeilen las er mit Freude – ihm theile ich Alles mit, also bin ich hier schon entschuldigt. Wenn Du den guten Emanuel wieder siehst, grüße ihn doch recht herzlich. Zwei Geburttage gingen mir ohne Wissen vorüber , aber der dritte nächstfolgende soll nicht vergessen werden. (ich glaube, es ist gar Deiner ...) Über die kleinen Luf i t hiere (Vögel genannt) in des Vaters Stube hast Du mir ja ein ganzes Repertorium gegeben. Vielen Dank; Nun weiß ich doch die Veränderungen u wenn Alles noch so ist, wenn ich zu Euch komme, wird mir nichts unbekannt sein. Noch muß ich Dich auf etwas aufmerksam machen – Du erinnerst Dich des (herrlichen) Gedankens mit der Jakobsleiter u vergaßest vielleicht, daß Du zweimal die Leiter angeführt. Dort ma chte lte ich sie im Gedanken aus – hier sah ich sie mit lebendigem, andern Volke besetzt, das zu ihrer unbewußt u mit Leichtigkeit kommt oder – fliegt.

Du gabst mir noch einen großen Trost für Henne ; daß nemlich die Ankunft des Vaters manches ändern könne. Ich denke mir lebhaft den Empfang des Pakets, [...] das ih m n umstimmte – aber ich meinte es gewiß gut u wie konnte den Abstand nicht begreifen, den Henne zu seinen Gedichten, der Vater zu seinen Werken fühlt , noch mehr den Unterschied zwischen Beiden. Son ä a chst wächst auch dann das Vertrauen v. Henne u er glaubte Einer unter den Hunderten zu sein, dem allein der Vater hülfreich ist. – Für das Andenken auf der Bürgerreuth kann ich nur das an einen vergangenen Spatziergang zum Gegengeschenk machen – O könnte ich Euch, ihr Lieben, nur den Rücken unserer Bergstraße oben abschneiden u um die rauhen Fichtelberge knüpfen, da würde Heidelberg noch dahin versetzt. Einen Neckar habt ihr ja . |3 Bei der Versetzung der Menschen wollte ich nicht Richter sein u – heißen, wenn ich es sein sollte. Darin wird die Rheingegend zu sehr gelobt. Heute will ich noch auf unser Schloß gehen u sehen, ob ich euch nicht was bringen kann. Von der Odilie hörte ich dießmal nicht eine Silbe; daß sie lebte, konnte ich mir nur aus "uns 3 Übrige" was Du bei der Geburttaggeschichte vorbrachtest, schließen; und ich erwartete doch ein kleines Blättchen! Den jungen Komiker aus Schwaben habe ich noch nicht die Ehre gehabt kennen zu lernen; von seinen Landsleuten kann ich hier genug hören u auch Komisches, denn sie bilden eine Gesellschaft. Die Se ine Nation muß man sonst loben, wenn auch das Gerücht sie, wie Wind die Blätter von dem Baum in den Staub bringt d.h. in die gemeine Menschenart. Soviel ich aber nun Briefe von Dir oder der lieben Mutter bekomme kein Wort wird erwähnt, ob ihr etwa nach Heidelberg oder den Rhein wol euch hinwünschtet , oder nicht? Oder ist es nicht so u freuet ihr euch heimlich u wollt Andern nicht die Freude des Mitfreuens lassen? Mich wunderts sehr, wie ein so kleiner Ort euch immer das Centrum der Welt bleibt; wenn man euch die Wahl ließe, ihr würdet doch wieder nach dem alten Baireut zurückkehren. Habt ihr lange von Julius oder der Grosmutter nichts gehört. Ich bitte die Mutter, dieser noch gar nichts Vorauszusagen, ob ich etwa nach Berlin komme; denn gesetzt, ich sollte bei ihr Unterkommen finden, müßte ich mich auch vielen akademischen Unfreiheiheiten aussetzen. Ich will hierüber erst Thüngen ausführlich befragen u dann das Nöthige Euch schreiben. Blumen habe ich eine Zeit lang etwas sorgfältig bewahrt; mir brachte sie ein kleiner Junge, den ich von Zeit zu Zeit Papier u Federn gab. Nun sind aber Rosen u dergleichen Blumen verblüht. Da Du n d och dem guten Vater von Zeit zu Zeit mit Abschreiben p. hilfst, so liest Du wahrscheinlich |4 auch seine neuesten Gaben. Sind das auf seine Lebensbeschreibung oder auf einen Roman sich beziehende Dinge. Immer wird nach jener gefragt und mein ewiger Entschuldigungsgrund, den ich einmal zufällig von ihm hörte – ist, daß Persönlichkeit und Erinnerung an trauriges Schicksal ihn abhält. Ist das wahr? Der Mutter schicke ich hier ein Blättchen, was ich eigentlich zum Zerreißen bestimmt habe; allein ich glaubte, es wäre doch eine Art Menge auch ein Trost für Unbedeutendes, ja Schlechtes. Sage das der Mutter, als Entschuldigungsgrund. Die Mutter Voß läßt Euch Alle herzlich grüßen; Gott gebe, daß die Frau ihre jetzige Stärke behält. Wenn Du einst hieher kommst u sie noch lelen , wirst Du Dich nicht wenig über S s ie wundern; ein 4eckiges Haus in der Mitte ungefähr der Stadt zeigt jedem Fremden einen eignen Anblick; ich bin ungefähr einer der glücklichen Nachbarn, wenn es darauf ankommt; allein jeder Heidelberger kann sich zum Nachtbaren des Anderen weit entfernten machen; so nahe sind die Häuser u – so wenig ist der Nachbar geschätzt. Kannst Du mir noch ohne weitere Umstände sagen, ob der Vater am Ende des August kommt? Wegen mancher Studenten wäre mir es wichtig; denn die passen ganz gewaltig auf ihn. Ist die gute Muller immer gesund gewesen? auch an ihrem Geburttag recht heiter? Ach könnte ich doch mannich mal bei euch sitzen, statt hier auf den harten Bänken! Nun alles dergleichen muß auch sein u die Ernte ist desto grösser. Küsse die Odilie recht ordentlich, aber von mir u sage, ich wäre etwas böse auf sie wegen des Schweigens. Küsse Deinen Vater u Deine Mutter u halte Dein Versprechen, schreibe bald, entschuldige mich auch bei jenen meiner Kürze wegen. Bald will ich mehr folgen lassen. Gott segne euch! Grüße Emanuel u alle Deine Freundinnen. Dein Max.

Zitierhinweis

Von Max Richter an Emma Richter. Heidelberg, 21. Juli 1821, Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). Textredaktion der Briefe von Max Richter: Dürten Hartmann. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1020


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Bl. 8°, 4 S. Auf S. 1 aolR vfrH (?): An Emma.


Korrespondenz

Wie aus dem Brief hervorgeht, wurde er erst am 23. Juli 1821 abgeschickt.