Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Leonhard Schrag. Bayreuth, 15. Februar 1826, Mittwoch

Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1

Mein Herr!

Die heutige Anfrage durch einen Rechtskundigen wegen de r s Erhaltens Ihres Briefes mußte mich sehr befremden! Hätte ich voraussetzen können daß Sie bei einer Anfrage deren bestimmte Beantwortung noch nicht in meiner Macht lag, so dringende Absichten hatten, so würde ich alles Andere bei Seite gesetzt haben, um Sie aufzuklären; allein da ich von so schwierigen Besorgungen in Anspruch genommen war, so schob ich meine Erklärungen hierüber noch immer auf. Es ist mir leid wenn Sie Sich dadurch beleidigt gefühlt haben.

Jedermann sagt mir, daß eine Gesammtausgabe von den Werken eines Schriftstellers, etwas für sich Bestehendes, und von dem Einzelverkauf seiner Bücher völlig Losgetrenntes wäre, sobald die Herren Verleger derselben, das Recht behalten ihren Verkauf fortzusetzen.

Eben so sehr als daß ein Schriftsteller, wenn er in keinen Kontrakt mit dem Einzelnverleger sich seine Freiheit für die Zukunft nicht beschränkt hat, seine Opera omnia herausgeben kann wo er will: – Und es existieren in Ihren gegenseitigen Verhandlungen bei Herausgabe des Fibels gar keine Verbindlichkeiten für die Zukunft. a)

Daß Sie in einem Zeitraum von 15 Jahren kaum 1000 Exemplare absetzten, würde in jedem Fall die Zeit Ihrer Entschädigung 7½ Jahre hinausschieben, denn wenn friedliche Umstände, und ein ungefährdeter Absatz Ihnen nicht größeres Glück gewährten, können Sie billigerweise |2 nicht verlangen, daß die unbeschützten Nachkommen Jean Pauls, das Schicksal, an Gaben und Großmuth übertreffen sollen? Woran lag der geringe Absatz, entweder an dem Buche selbst, oder an der Höhe des Preises? Wenn der verewigte Schriftsteller 4 Fried'd'or pro Bogen eines so enggedrukten Buches empfing, was müssen Sie bei 1000 Exemplaren erworben haben, zu dem Verkaufpreise den Sie festgesetzt hatten? Gewis war Ihre Auslage gedeckt, und ein solcher Gewinn, der Sie wohl in den Stand setzen kann, dieses Buch zu zeitgemäßen Preisen, dem Publikum noch einmal anzubieten, und dann werden Sie sehen, daß Ihnen nicht 500 Exemplare übrig bleiben, für deren Rest wir Sie entschädigen sollen! b)

Der Zeitpunkt der Aufnahme des Fibels wird erst in 2¼tel Jahren eintreten, weil nach der Anordnung des seeligen Verklärten seine Werke in chronologischer Folge wie er sie geschrieben, erscheinen sollen. Bis dahin haben Ew. Wohlgeboren freien Spielraum für Ihren Absatz, welcher in der jetzigen unglücklichen Periode seines Verlustes für die Welt ? , unter günstigen Auspicien steht. c)

Einmal ist die Begierde des Publikums nach seinen Schriften größer als bei seinem theuren Leben, da auch die weniger gebildete Welt, wissen möchte, wer der Mann war, den die Welt so betrauert.

Zweitens weil die Gunst der Privilegien auch die Einzel-Ausgaben für Nachdruck schützt, da in Baiern, Würtemberg, und Baden, und wie ich gesucht, auch in anderen deutschen Staaten weder Einzel-Ausgaben, noch die Gesammt Ausgabe sie mögen Namen haben wie sie wollen nachgedruckt, und Nachdruck derselben, verkauft werden darf. d)

|3 Nach allem Diesen erwarte ich nun, daß Ew. Wohlgeboren Sich beruhigen, und alle die billigen Mittel zu Ihrer Entschädigung gebrauchen werden, die Ihnen selbst zu Gebote stehen. Kann es Ihnen L l ieb sein die Nachkommen eines geehrten Mannes zu verfolgen bedrängen , dem Sie nicht Selbst, Freund waren? Erwägen, bedenken Sie, die Vortheile die noch ein jeder Buchhändler durch den Absatz Jean Paulscher Schriften haben kann, und wenn er das Ausland zu Hülfe nehmen müßte! Schon sind die Thore der Literatur, nach Rußland geöffnet. In Schweden wird er übersetzt Suchen Sie alles was dem spekulativen Geschäftsmann möglich ist, auf; um das Buch ins Gedächtnis des Publikums hervorzurufen, und wenn nach 2¼tel Jahren der Zeitpunkt der Aufnahme in die Gesammtausgabe erschienen ist, dann wollen wir sehen, was Ihre Bemühungen geleistet haben. e)

Bis dahin könnte auch der strengste Richter für Sie keinen Rechtsgrund anerkennen, uns, ohnehin so Beraubte, zu einer Entschädigung zu verdammen.

Mit der Bitte um Entschuldigungen meines langen, durch die Umstände gebotenen Stillschweigens

Dero

ergebene Caroline
Richter geborene Mayer
Wittwe Jean Pauls

Baireuth
den 15t Febr.
1826.

Die Werke meines Mannes erscheinen in 12 Lieferungen, jedesmal 5 Bände von Messe zu Messe, und Fibel fällt gerade in die 7te Lieferungen.
Wie ergeht es nicht erst den anderen Verlegern neuerer Sachen. Katzenberger und Bücherschau und der Verleger würde es für eine Sünde achten von uns, der Familie Jean Pauls Entschädigung zu verlangen.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Leonhard Schrag. Bayreuth, 15. Februar 1826, Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1023


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BSB, Schragiana I
1 Dbl. 8°, 3 S.

Überlieferung

D: August Sauer: Johann Leonhard Schrag und Jean Paul. Kleine Beiträge zur Geschichte des deutschen Buchhandels und zur Charakteristik Jean Pauls, in: Euphorion, Bd. 2, 1895, S. 616-628, hier S. 626 f. (leicht gekürzt).


Korrespondenz

B: Von Johann Leonhard Schrag an Caroline Richter. Nürnberg, 30. Dezember 1825

Präsentat auf S. 4.: Richter, Caroline | Wittwe Jean Pauls | Bayreuth, 15 Feb. 1826. Zum weiteren Verlauf der Verhandlungen , die gütlich endeten, vgl. D, S, 627 f.