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Meiningen den 6n Febr. 1805.

Wohlgeborner Herr,
Hochzuverehrender Herr!

Ihr Verehrtestes vom 27n v. M. erhielt ich mit vielem Vergnügen. In unserer feilen, kaufmännischen Zeit ist es ein doppelt grosses Glück für den poetischen Menschen der sich so gerne aus den bürgerlichen Verhältnissen hinausdenken möchte, einen edlen Verleger zu gewinnen , der Selbst Gelehrter und feiner Kunstkenner ist, der sich nicht schämt der Empfindsamkeit seines eignen Gefühls die gewöhnlichen Rücksichten nachzusetzen, und dadurch der gute, großherzige und geschmackvolle Beförderer der wahren schönen Literatur geworden ist, welchen das Vaterland in Ihnen – ich sage bekanntlich nicht zu viel – vor allen seinen Verlegern anerkennt. – Es ist hierbey mein freudiger, und mit einer gewissen Rührung gefasster Vorsatz, in Ewr. Wohlgeboren mehr als meinen Herrn Verleger, auch einen – Freund für mein Herz zu erwerben; ich danke Ihnen recht warm für Ihr edelmüthiges Zutrauen; und wenigstens Ihre Meynung über mich (als Mensch, der auch Pflichten für Sie übernimmt) soll in der Folge immer gewinnen, nie aber durch Nachlässigkeit oder Interesse getäuscht werden. – Viel schreiben werde ich nicht, und die Plane für mein ganzes Leben sind überhaupt etwa auf 10 Bände berechnet – wäre es doch nicht für diese zu kurz! Auch ist unter meinen Romanen dieser zweyte schon der letzte. Dann werden einige dramatische Arbeiten, und zuletzt ein Messias (der das Reinmenschliche von jenem Göttlichen, unabhängig von Klopstocks Apotheosen und Satanisten darstellt) erscheinen, wenn ich zu letzterem genug Ruhe und eignen Lebenswerth erlange. Übrigens noch verschiedene künstlerische Beschreibungen, und Ansichten von der Kunst und Natur.

Wollen Sie mich nun aufnehmen, und auch für mein Wohl immer redlich besorgt seyn, woran ich nicht im Geringsten zweifle, so sey dieser Bund zwischen zwey Deutschen hiermit geschlossen!

Für heute verzeihen Sie einen etwas langen Brief. Denn ich bedarf Ihres Raths, und muß mich über unsern Akkord vollständig erklären.

Leider hat mir Hanisch in Hildburghausen – unter Vorspiegelung eines schönen Äussern und der hier selbst zu besorgenden Korrektur – meinen ersten Roman "Wilibalds Ansichten des Lebens" entlockt, und hält nun beyde Bedingungen nicht, wodurch ich leider in meiner literarischen Laufbahn, wenigstens nach meinem Gefühl, schon Anfangs einen Stoß leide. |2 Ich liebte dieses MSC. so sehr, und es hätte wohl ein besseres Schicksal verdient! Er hat es indessen, und will es nicht herausgeben, wiewohl ich ihm Entschädigung angeboten habe; alle Klagen sind daher vergebens. – Allein, da der Akkord nur auf 600 Exemplare gemacht ist, und er das Werk in der Ostermesse mit nach Leipzig nehmen wird, so könnten vielleicht Ewr. Wohlgeboren dort durch gütige Empfehlungen bey Ihren grossen Bekanntschaften das Gute für mich bewürken, daß Hanisch einen starken Absatz machte. Was sind 600 Exemplare eines Romans bey 2-300 Buchhändlers, wenn eine so wichtige Rekommendation bekannt würde? Sobald es fertig ist, und sollte es auch nur 14 Tage vor der Messe seyn, will ich Ewr. Wohlgeboren ein Exemplar zur Einsicht übermachen. Ich bitte sehr, es zu lesen, und Sich seiner anzunehmen, wenn es dieses verdient. – Auf diese Art könnte ich dann, wenn das Buch etwa Beyfall finden, und sich zur 2ten Auflage qualificiren sollte , (in Hamburg habe mir einige Freunde starken Absatz verheissen) wohl ganz von H. los kommen, da es in dem Contract ausdrücklich heisst: "Bey einer zweyten Auflage soll ein neuer Akkord gemacht werden." – Glauben Sie nicht, daß ich mich hierdurch frey machen könnte, da ich ihm beweisen kann, daß er seinen ersten Akkord nicht gehalten hat? – Hierüber erbitte ich mir Ihren freundschaftlichen Rath.

Was die "reisenden Maler" betrifft, so wünschte ich folgendes von Ihnen gefälligst erörtert.

1.) Wie sich wohl mein MSC. zum Druck erhalten wird? Nach Ansicht einiger Ihrer Ausgaben würde wohl die 10 geschriebene Bogen, welche Sie von mir bereits in Händen haben, auch 10 gedruckte Bogen ausmachen. – Ich wünschte dieß auch deßwegen genau zu wissen, weil ich mich mit dem Schluß des ersten Bandes nach der schon mir bekannten Sicke des zweyten richten möchte, und weil hierbey

2.) eine Hauptsache folgende ist: Das Werk wird in gewisser Rücksicht mein Hauptwerk, weil ein gewisser Kunstplan darin verwebt werden soll, der bereits fertig ist , und mein ganzes Streben seit 15 Jahren ausmachte. Hier nur wenige Worte darüber. Es ist der Plan, eine allgemeine deutsche Kunstschule in irgend einer deutschen Stadt für das ganze deutsche und ausserdeutsche Kunstpublikum, auf eine allgemeine Subskription, zu gründen, die auf englische Manier von Statten gehen soll. Der Plan ist mit grösster Mühsamkeit ausgearbeitet, hat bereits am Münchner Hofe, wo er im Museum niedergelegt ist, einiges Glück gemacht, indem mir die Kurfürstin ein einer sehr schönen Antwort alle mögliche in ihrer Macht stehende Unterstützung bey ihrem Gemahle versprochen hat, welchen meine Freunde und die geniale Fürstin selbst bereits damit bekannt gemacht haben. Gegenwärtig befindet er sich auch in den Händen des Hz. von Gotha, von dem ich noch keine Antwort habe, der aber ausdrücklich ihn zu sehen verlangt hat, also sehr wahrscheinlich wenigstens auch etwas wenigstens thut, wenn die Sache losbricht. |3 Wäre mein seliger Herr, Herzog Georg, am Leben geblieben, so wäre die Sache jetzt schon weit gediehen; aber der Tod hat ihn mir zu früh geraubt. – Abstrahirt nun aber vom Gelingen oder Nichtgelingen des Planes selbst, so ist doch der Gedanke völlig neu, und gegenwärtigen Roman habe ich dazu ausersehen, ihn (in einem Kunstgespräch zwischen den drey Malern) zum ersten mal dem Publikum beyzubringen, da seine besondere Expedition und Beförderung an die hohen Häupter pp einen eignen Kostenverlag erfordern würde, den ich noch nicht zu machen im Stande bin. Dieses Kunstgespräch (woran hinten in einer Note die Subskription wirklich eröffnet werden soll) wird vielleicht 8-10 Bogen ausmachen, und die Frage ist, ob wir schon es zu Ende des ersten Bandes, zu Anfange des zweyten, oder ganz zuletzt als Anhang einrücken wollen? Für das letzte wäre ich nicht, weil ausserdem gar mancher Leser es überschlägt. Zu Anfange des zweyten Bandes wäre es mir am liebsten, da dort die Geschichte des Romans selbst noch in ihrer Ruhe ist, die Leser also am meisten für die Episode sich hinzugeben geneigt seyn dürfte. Doch wünschte ich Ihren eignen Rath hierüber. In der Ankündigung des Werks muß auch schon gesagt werden, daß man dem Romane einen recht starken Absatz wünsche, weil dadurch eine neue Kunstmotion tendirt werde, zu welcher vom Romane die ersten Kosten genommen werden sollten. Denn ich will, sobald wir einverstanden sind, im Buche selbst einen Theil des Honorars zur ersten Eröffnung der Subskription durch mich selbst, nennen, und entweder hier oder bey der Stadt Leipzig wirklich deponiren, mit der Erklärung, daß das Geld einer bestimmten Armenanstalt zuwachsen solle sobald binnen einer gewissen Zeit der Plan nicht zu Stande komme; unter welchen Bedingungen ich auch alle übrigen ersten Beyträge geleistet zu sehen wünsche. Ich selbst habe übrigens kein vermögen.

3.) Das Äussere des Romans wünschte ich schön und elegant, doch wären die Kupfer vielleicht nicht nothwendig, weil sie so viel kosten. Auch bitte ich Sie, hierüber erst Sich zu bestimmen wenn Sie "Wilibalden" gelesen haben, worinn einiges über die Kupfer gesagt ist. Wenigstens wünschte ich nur eine allgemeine Allegorie, Mythe pp auf dem Titel – nicht gern eine Szene aus dem Werke selbst, da der Oktavformat wegen der Kleinheit keinen wahren Ausdruck der Gesichter zulässt.

4.) Über das Honorar meine Meynung zu sagen, fällt mir sehr sauer, mein verehrter Freund! Ich wünschte, Sie wollten und könnten mir für den Bogen 20 Thaler geben – es würde mir sogar leid thun, wenn Sie mir viel weniger geben. – Denn, ausserdem, daß man an manchen Bogen poetischer Darstellung oft 4 Wochen schreiben und klügeln muß, wenn ein Anderer täglich einen Bogen Roman liefern kann ( wie einer neben mir wohnt ) habe ich eine Frau und drey Kinder, und die Hauptsache, die Bestimmung eines Theils für die Kunstanstalt, kennen Sie aus obigem. – Allein, ich kann unmöglich fordern! Thun Sie an mir was Sie wollen und können. Am ersten zweifle ich nicht – vom letztern verstehe ich nicht viel. Wenn Sie mir wenig geben müssen, so spielen Sie dagegen das Werk dem Publikum desto wohlfeiler in die Hände, und ich will zufrieden seyn, daß nur die Sache der Kunst gefördert |4 werde. Haben Sie also die Güte, Selbst alle Bedingungen unseres Kontrakts (diese nur aber recht genau und vollständig) gefälligst aufsetzen zu lassen und mir recht bald zur Unterschrift zuzusenden, damit ich dann die Sache vor mir habe. – Sorgen Sie selbst für mich, guter, redlicher Mann; mich dünkt, ich werde Ihnen immer unbedingt vertrauen!

J. L. Heims letztere mineralogische Schriften, nemlich und "geologische Beschreibung des Thüringer Waldes" hat der Vfß. (hiesiger Geheimrath und mein Freund) an Hanisch gegeben. Von letzterem Werke ist der letzte Band noch im MSC. in des Vfß. Händen. Hanisch hat den vorletzten ganz erbärmlich gedruckt, wiewohl er das MSC. umsonst erhielt. Wäre Ihnen vielleicht mit einem solchen Werke gedient – so will ich einmal bey Hanisch insgeheim anfragen, ob die Auflage vergriffen ist, und ob er es herausgeben will. Der Verf. würde es gewiß sehr gerne sehen, wenn das Ganze umgedruckt und in einer schöneren Form ans Licht gebracht würde. Grossen Absatz für den Anfang verspreche ich Ihnen nicht; aber desto längeren, da es kein ephemeres Werk, sondern, nach allen Recensionen klassisch, und das allerbeste ist, und gut bleiben wird, solang der Thüringer Wald steht. Die tiefste Gelehrsamkeit und Gründlichkeit werden Ihnen alle Gelehrte bezeugen. Der Vfß würde auch für den letzten Band und das Ganze kein Honorar, oder doch ein sehr geringes nehmen. – Die Spekulation ist nur für einen grossen und ernsten Buchhändler; ob sie gut ist, werden Sie verstehen; wünschenswerth für die Welt ist sie gewiß. Aber diese Sache bleibe geheim zwischen uns beyden. Heim ist ein angesehener, reicher und eigner Mann.

Die gute A. Hendrich sendet Ihnen ihre wärmsten Grüsse, und das Versprechen, Ihnen nächstens zu schreiben und etwas zu senden. Ich bin ihr grosse Verbindlichkeit für die schätzbare Bekanntschaft mit Ewr. Wohlgeboren schuldig!

Der arme Spazier! Gegen die Einrückung in die eleg. Zeitung habe ich gar nichts – im Gegentheil macht mir Ihr edler Zweck Vergnügen, und lässt mich einen schönen Blick in Ihr Herz thun.

Den ersten Band meiner Maler kann ich Ihnen gleich nach der Ostermesse fertig liefern, sobald ich nemlich Ihre Meynung über das Kunstgespräch weis, auf die ich recht bald hoffe! Wahrscheinlich werden Sie aber doch beyde Bände erst in der Mich. Messe erscheinen lassen. Im Anfange Augusts kann ich alles sehr bequem abliefern. Müsste dieß eher geschehen, so bitte ich es mir gütigst zu melden.

Haben Sie doch die Güte, mir 1 Exempl. vom Journal für deutsche Frauen für meine gute Fr. Herzogin zu senden. Sollte sie es nicht mithalten wollen, so bringe ichs sonsten hier unter.

Verzeihung für diese lange Epistel! Mit grösster Verehrung

Ewr. Wohlgeboren

ganz gehorsamsterDiener
JEWagner.

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Georg Joachim Göschen. Meiningen, 6. Februar 1805, Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1035


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Textgrundlage

H: DSBM Leipzig, : Bö-GS/A/Wagner, J. E./Brief 2 : Kasten 14
2 Bl. 8°, 4 S. Auf S. 1 unter der Anrede vfrH mit Bleistift: "Sehr interessanter Brief bezüglich des Verlegers Göschen." Mehrere Unterstreichungen aus derselben Feder auf S. 1.


Korrespondenz

Auf S. 4 aoR mittig Präsentat: Meiningen, 6n Febr. 805. Wagner