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Meiningen den 14n Sept. 1805.

Wohlgeborner Herr,
Verehrungswürdiger Freund!

Ich bin zeither in Liebenstein und Altenstein gewesen , wo ich drey Zwecke zu erreichen hoffte. Der erste betraf meine Gesundheit, und ist leider verfehlt! Der zweyte meine Maler – und dieser gelang in jener reizenden Natur besser. Drittens machte ich dort die Anlage und die Gerippe zu "Zehn humoristischen Briefen aus dem Georgsbade zu Liebenstein" wozu mein alter Freund Krauß von Weimar ( den ich nicht mit dortigem Industr. Compt. zu vermischen bitte ) zugleich zehn recht sehr gerathene Zeichnungen entwarf. Wir wünschen nun, das Werkchen in 4to gedruckt und rsp. gestochen zu sehen , und haben beschlossen, Ihnen, verehrtester Mann, den Verlag davon gehorsamst anzutragen, ehe wir irgend einen andern Schritt thun. Sollten Sie dazu geneigt seyn, so steht Ihnen der erste Brief und eine Zeichnung zur Ansicht zu Befehl. Das Sehen haben Sie umsonst. Es ist con amore geschrieben, muß aber freylich noch gar sehr durchgearbeitet werden, da ich bis jetzt nur den ersten Brief fertig gemacht habe, und ununterbrochen an den Malern feile.

Auf die Ankunft des ersten Bandes der Maler hoffte ich, verabredeter Maassen Ende Julii – Ende Augusts – und es scheint, ich soll auch bis Ende Septembers hoffen. Daher rufe ich mit David: Herr, wie lange willst Du mein so gar vergessen!

Aber tausend Dank für Ihren lieben, theilnehmenden Brief über Wilibalden, den ich richtig vorfand! Guter Mann, es wäre wohl noch vielmehr daran zu tadeln, als Ihre schonende Feder bezeichnet! Ach, die ächte Kunst ist so schwer, und nur in seltnen Momenten theilt sie sich uns wahrhaft mit — Nehmen Sie indessen vor lieb – die Maler sind schon viel besser – die Briefe werden noch besser werden, und dann hoffe ich an mein wahres Fach, das Drama, zu kommen – das soll dann gewiß endlich gut werden, und Sie mit meinen Fehlern versöhnen. Dieß hoffe ich auch zum Theil schon vom Anfange zu den Malern – dem Kunstgespräch . Herzlichen Dank übrigens, daß Sie mein liebes Büchlein so gern auf- und annahmen, und so bald lesen wollten! – Nichts vermag uns (wenigstens mich) so schön zu unterstützen, so geschwind und angenehm zu berichtigen und mir in der Bildung fortzuhelfen, als das Urtheil einzelner trefflich denkender Männer. Der grosse Haufe führt uns mit seinem Lob und Tadel fast immer ins Verderben. Wehe dem, welcher für ihn arbeitet.

Die Ärzte versprachen mir vom L. Bade Heilung für mein Übel, welches gichtischer Art – vielleicht geerbt – ist; aber ich bin völlig getäuscht worden. Jetzt sagt man mir, ich könnte ein alter Mann werden, aber meine Knie könnten wohl noch steifer werden – ein trauriger Trost für |2 einen Mann von 36 Jahren, der ein leidenschaftlicher Fußgänger ist!

Da durch die theure Kur meine Finanzen natürlich sehr leiden mussten, so setzte es mich freylich in Verlegenheit, als ich die bewußten 100 rth. nicht erhielt, die Sie mir doch nicht abgeschlagen hatten, weßhalb ich darauf rechnete. Ich musste mir daher freylich mit einigem Schaden helfen. Doch, es geht ja in der Welt nicht immer gleich zu. – Aber für diese Mich. Messe sind Sie wohl eher zu Zahlungen aufgelegt, und schlagen es mir nicht ab, wenn ich Ihnen durch Israels Söhne eine Anrechnung auf 220 rth., den 18n Oct. zahlbar, präsentiren lasse. Es ist freylich viel – und viel verlangt, daß ich bitte, in den zweyten Band mit mir hinein zu rechnen, den ich noch nicht abgeliefert habe. Aber er ist so gut als fertig, und Sie machen, wie ich vermuthe, in der Mich. Messe Ihre besten Einnahmen. Helfen Sie mir – und Sie sollen mich künftig desto bescheidner in meinen Bitten finden. – Sie glauben nicht, wie schlimm es hier herum ist! – Sollten Sie aber doch meine dringende Bitte abschlagen wollen oder müssen – dann bitte ich nur, mich mit umgehender Post zu erschrecken, damit ich nur nicht protestirt, und mein kleiner mir so werther Credit nicht vernichtet werde! – Aber ich hoffe dießmal ganz auf Ihre Freundschaft, weil – Noth da ist.

Für Ihre gefällige Empfehlung des Herrn Steinacker danke ich sehr, und bin so frey, einen Brief einzulegen. Ich hatte in der falschen Meynung gestanden, daß Sie auch einen gewöhnlichen Buchhandel etwablirt hielten. Wollten Sie die mir gütigst gesandte Correspondence de Milady Cecile auf seine Rechnung befördern, oder mir den Preiß davon melden, damit ich Ihnen das Geld übermachen kann, und Sie doch nur einmal das Meininger Geld auch zu sehen bekommen?

Meine Herzogin fragt, wie es komme, daß sie kein Journal für Frauen erhalte?

Vor der Messe hoffe ich doch gewiß, noch den 1n B. der Maler zu erhalten! Wann können Sie nun das MSC. zum 2ten brauchen?

Leben Sie wohl, verehrter Freund, und vergessen Sie nicht

Ihren

treuen
JEWagner.

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Georg Joachim Göschen. Meiningen, 14. September 1805, Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1042


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Textgrundlage

H: SBB, Slg. Autogr., Wagner, Johann Ernst, Bl. 2
1 Bl. 4°, 2 S. Neben der Anrede vfrH: 5 Bogen.


Korrespondenz

Auf S. 2 aoR mkittig Präsentat: Meiningen d 14 Sept1805 | Wagner