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Meiningen den 9n Jan. 1809.

Mein verehrtester Freund! Noch immer lief kein Bericht aus der Schweiz ein! O mein gutes, herliches Minchen – warum zaudern doch die unartigen Menschen mit ihrer kleinen armen Hülfe auch noch! Hätt' ich doch die Flüge der Hybläischen Biene und die Untrüglichkeit ihres Instinkts , damit ich jenen Tropfen der Heilung, der gewiß irgendwo für sie glänzt, suchen und saugen und bringen könnte, möchte er nun im sizilischen Quendel oder im unerträglichen Baldrian heimisch seyn! – Und nun – mitten in der Phantasie solcher Wünsche – sagt mir meine Frau mit der gewöhnlichen menschlichen Kühle "ich müsse eben noch ein wenig – Geduld haben!" Dazu isst sie Kuchen – und ich muß ihr obendrein in jedem Stücke recht geben!

Dennoch kann ich es nicht lassen, Ihnen zu schreiben, weil auch ich wieder in einer gewissen Angst lebe. – Das dramatische Produkt nemlich, wovon ich Ihnen schrieb, ward fertig, und an Studniz zur Prüfung gesandt , der es mit einem Homerskopfe versiegeln und zu seiner eigentlichen Bestimmung, an Göthe, gehen lassen sollte , wo es nun wahrscheinlich in diesen Tagen angelangt seyn wird. Ich habe den Gott gebeten, dem Anfänger seinen Rath nicht zu versagen, der, lebenslang so ganz ohne Freund und Lehrer, stets nur blinde Griffe zu thun vermochte. Das Stück könnte sich wohl in meinen Reisen, wovon der 2te Band Ostern bey Cotta erscheint, ausnehmen – es könnte sich auch wohl fürs Theater selbst eignen – wenn nicht eine gewisse Unbeholfenheit in der Form, die mich wie ein ewiger Fluch verfolgt, auch hier die gewohnten Krallen in meinen poetischen Nacken geschlagen hätte, weßhalb mir nun jetzt, da der Schritt geschehen ist, das Gewissen wie gewöhnlich wieder erwacht, und ich schon halb entschlossen bin, Cotta'n wieder aufzusagen, und diesen 2ten Band, gar wozu das Stück ein nothwendiger Theil ist, gar nicht drucken zu lassen – wenn ich nicht am Barometer unsrer Poesie ein günstiges Zeichen erblicke. – Ohnehin habe ich ja schon zu viel geschrieben!

Ich zweifle nicht daran, daß es der Gott sich vorlesen lässt – aber seinen Rath? Diesen giebt er wohl nur zu Sachen, die ihn würklich auf gewisse Weise ansprechen. Das schlimmste ist, daß es ein Produkt meiner frühesten Muse war , und nur erst jetzt bearbeitet ward. Es spricht übrigens mein ganzes Glaubenssystem aus, inwiefern und in wie weit ich mich zur neuen Schule bekennen kann, und inwiefern nie; nemlich in Rücksicht des vollkommensinnlosen Mystizismus. – Ein 2tes Exemplar des MSCptes, welches ich Ihnen senden wollte, war schon zur ½ fertig – und nun ist gestern mein Schreiber auf ganze 4 Wochen verreist!

Sie, edler Freund, Sie unaussprechlich Glücklicher – der Sie den Gott täglich zu sehen Gelegenheit nehmen und erhalten – o könnten Sie etwas für oder wider mich im fröhlichen Gespräche erlauschen, das meinen Entschluß bestimmte – wie verdient mächten Sie sich um mich, da es jetzt noch Zeit dazu ist! – Sobald es möglich ist, erhalten Sie selbst auch das 2te Exemplar und meine Bitte um Ihr eignes Urtheil. Denn Ihr, sein und Studnizens (des Mystikers) Urtheil, bilden für mich denn die vollständige Welt . – Verrathen Sie um Gottes |2 Willen die Angst meines Herzens nicht – mir ist, als sollte ich die erste Zeile drucken lassen!

Noch eine letzte Bitte, herrlicher Freund, wozu mich Ihr lieber Brief und die süssen Gedichte veranlassen; die mir meines Freundes süsse Gestalt seitdem oft wieder vorzauberten, oft ihn mir so wahrhaft lebendig darstellten, daß ich mit ihm in den schönen Erfurter Garten pp das Gedicht selbst mitzuleben glaube – ja daß ich jeden Blick des selenvollen Auges, mit dem er es lebte und dichtete, wiedererkenne und malen möchte! – Durchgehen Sie doch gütig Ihr Portefeuille, und senden Sie mir ein und andres schöne Lied für das Cotta'sche Morgenblatt, zu dem ich Sie von herzen einladen soll. Es bessert sich jetzt immer mehr – und Cotta's grosser Eifer verdient wirklich, daß nun endlich mehrere schönherzige Männer Antheil nehmen. Schlagen Sie mir es nicht ab, Bester!

Auch unser Thümmel, dieses ehrwürdige göttergleiche Hauptschwein, hat mir vor 8 Tagen einige wahrhaft gottesstädtische Zoten für das Mbl. gesandt , nachdem er sich ein Jahr lang nicht erbitten lassen. Seine Reisen enthalten keine herrlichern, und ich freue mich schon auf die Freude, mit der Sie sie lesen werden. – Lassen Sie sich erbitten, guter, Bester! Es mögen Verse oder Prosa seyn – überall wird doch der schöne, holde Mensch in die Anmuth meines Freundes gekleidet, durchblicken!

Ich weiß nichts von einem Briefe von Ihnen aus Eisenach. Auch mir ist kürzlich ein – zum Glück unbedeutender – Brief in der Nähe verloren gegangen. In Hoffnung, daß Sie die Güte haben, mir künftig nicht zu frankiren, mache ich heute den Anfang dazu. – In Berlin, sagt mir ein Freund, schmeissen Mägde und Bedienten sehr häufig die frankirten Briefe weg und vertrinken das Postgeld. Ich weiß persönlich, daß Sie bey Ihrem ehrlichen Lorenzo nichts zu fürchten haben; allein die oft so unbesonnenen Ausdrücke meiner Briefe machten mich schon einigemal zittern.

Dem edlen Weibe meinen Segen! – Was mich betrifft, so werde ich immer elender und schwächer – und der Geist – S. das Drama. Wenigstens wird er steifer, der arme Geist.

Ewig aber doch

Ihr
getreuer und ehrlicher
JEWagner.

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Friedrich von Müller. Meiningen, 9. Januar 1809, Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1067


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Textgrundlage

H: GSA, 68/618, Bl 19-20
1 Bl. 8°, 2 S.