Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Johann Ernst Wagner an Friedrich von Müller. Meiningen, 16. Januar 1810, Dienstag

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Meiningen den 16n Jan. 1809.

Den innigsten Dank, Bester, für Ihr freundliches Andenken und Begrüssen durch den schönen zwischen den Tyroler Wänden herrlich gebräunten Bruder ! – Wie triumphier ich über Ihr und der freundlichsten aller Frauen Wohlseyn! – An mir ist nicht viel mehr als Haut und Knochen, und es geht so ziemlich vorwärts, daß mein Ziel wohl in den schweren Würzlüften des Frühlings schimmern dürfte, wenn nicht etwa die Kälte es früher steckt. Aber, wie Gott will, der gute Gott, den ich ewig glaube, dem ich mich ergab! – Heiter und vergnügt bin ich, und selig wie immer! Auch arbeite ich noch mit Heiterkeit – und wenn ich Ihnen zur OMesse nichts mehr bringen kann, so will ich es doch dem ehrlichen Cotta noch anbefehlen – nur geht das Arbeiten sehr langsam bey meiner zunehmenden Schwäche. Meine theure Familie befehle ich Gott und der lieben freundlichen Menschheit, an die ich, wie Sie wissen, stets glaubte. Die Sorgen deßhalb bleiben freylich öftere Besucher – doch behält der süsse hoffende Glaube immer noch die Oberhand, so wie der Gedanke: daß doch noch schlimmere Sachen unabänderlich sind. – Meine Knaben habe ich in Gottes Namen der Malerey beyde gereicht; wenn ich nur noch 2-3 Versuche von ihnen geprüft haben werde, so wird mein Entschluß fest stehen. Der jüngere (Sie kennen ja die beyden Geliebten – beyde schön und freundlich und kräftig wie der Tag!) hat die glückliche Anlage zum Treffen, und mag Porträt- und Historienmaler werden, ich finde bey ihm gottlob sogar etwas mehr als Talent, nemlich Genie. Der ältere schwankt noch zwischen Landschafts- und Kopfzeichnung, und ist von grossem Willen und Fleisse. Beyde sollen sich nach meinem Willen vor der Hand nicht trennen, und die Theuren versprechen mir dieß. – Es müsste nicht gut seyn, wenn zwey einige Brüder nicht forkämen! – Wandern sie einst durch Weimars geliebte Thore – – o dann, mein allerbester Müller, wehe mein Andenken freundlich um Sie und Minna, und gebe Ihnen den Gedanken des Schutzes für die der Kunst entgegenstrebenden! Versprechen Sie mir das, alter deutscher Herzensfreund! – Meine Tochter und meine Wittwe wird Gott und meine wahrhaft edle (ach, warum nicht reiche!) Fürstin schützen – und die Knabenwenn sie so fortfahren, werden Jenen |2 bald Hülfe leisten können. – O, mein Müller – welcher herrliche göttlich schöne Spruch ist doch der: "Ich habe noch nie sehen des Gerechten Samen nach Brodt gehen!" – Zwar: Gott, wer ist gerecht? Aber ich war redlich – und meinen kleinen Hügel wird kein Fluch erschüttern! Die guten Menschen haben mich mehr geliebt, als ich verdiente – und mir ist kein Feind kund geworden. – So, Freund, so ist es denn möglich geworden, daß ich dennoch auch jetzt heiter bin. Mein heissestes Gebet ist um Geduld für die sich nähernden vielleicht langsamen Kämpfe der letzten Stunden.

O über die gute, edle, verwaisete Frau von Wollzogen! Immer drängt es mich, ihr zu schreiben, mit ihr zu weinen – aber ich wage es nicht, ihren bittern Schmerz zu schärfen! Geben Sie ihr doch meinen innigsten Gruß! Auch der edlen Frau von Schiller.

Ist es einmal an seiner Stelle, so danken Sie doch dem göttlichen Göthe in meinem Namen, daß er uns, noch weil ich geniessen konnte, die Wahlverwandtschaften gab! – Es freut mich recht insgeheim, daß dießmal die Philister (in Halle) zuerst sein Lob (auf ihre Art) geben und posaunen – denn nun weiß der geniale "Arme Mann" in Deutschland – der es noch nicht kaufen konnte, doch einstweilen, woran er ist, und kann desto eifriger Geld zum Ankaufe sparen. – Dank ihm, der göttlichen Seele, für jede hohe Gabe, die mich auf Erden erquickte!

Ade! Ade! Ich grüsse die theure Gattin! Bis zum letzten Augenblick, und dort ewig

Ihr

treuer
JEWagner.

Schreiben Sie mir doch einmal – ich liebe Sie so sehr!

Warum bekomme ich meinen Fichte nicht?

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Friedrich von Müller. Meiningen, 16. Januar 1810, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1082


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Textgrundlage

H: GSA, 68/618, Bl 25-26
1 Bl. 8°, 2 S.