Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Johann Ernst Wagner an Friedrich von Müller. Meiningen, 1. Februar 1811, Freitag

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Meiningen den 1. Febr. 1811.

Welch eine freundliche Erscheinung waren mir Ihre lieben Zeilen , verehrter Freund, theurester Langeschweiger! – Tausend Dank für das schöne Büchlein des gemüthlichen Mayers . Es ist eine vortreffliche Lektüre bey meinem Jesus von Nazareth. – Und – wie rühren Sie mich, schöner lieblicher Sänger, durch Ihre gar zarten romantischen Hinweisungen in die kräftige Lutherszeit! Auch unterschreibe ich das "Er ist dir nah' verwandt" für den edlen Voigt von ganzem Herzen – und ich weiß aus unsern einstigen gemeinschaftlich geäusserten Gefühlen über den Trefflichen, daß auch s S ie es aus der Fülle des Herzens dichteten – denn er schien uns, da wir ihn in L. bewunderten, das grosse Problem zu lösen, wie ein Staatsmann Gemüth haben, und hohes Gemüth bewahren könne. Das Andenken dieser guten, rechtlichen und ehrwürdigen Gestalt ist seitdem tiefer und tiefer in meinem Herzen eingegraben und soll ewig zu meinen allerwerthesten Erinnerungen heilig gesammelt bleiben – – Unter uns: ich wollte voriges Jahr Ihrem Herzog, den ich wirklich wahrhaft verehre, unter unbekanntem Namen ein Gedicht zu seinem Geburtstage senden, in welchem seine Reichthümer gegen Napoleons Besitzthum gehalten waren – denn mich dünkte damals, er müsse das erfahren, und es müsse seinen ganzen edlen Stolz himmlisch stärken. Darinn stand denn (Göthe möge mir verzeihen – auch brauchte er gar nicht eifersüchtig zu seyn, da er auf seine Art groß ist!) dieser Mann der ungeheuren Kraft, dieser gemüthsgrosse Voigt oben an! – Doch, daß ich mich anders entschloß und die Ode cassirte, war in mehr als einer Rücksicht wohl sehr weise. – Unser Feuer jagt uns zuweilen im Sturme vor sich her, ereilt uns bald selbst und verzehrt uns lebendig! – Aber wäre ich so glücklich, (da jetzt Einige behaupten, meine Existenz könne sich würklich wieder herstellen, so wäre dieß Glück auch nicht unmöglich!) noch einmal in Weimar zu seyn, diesen Rechtlichen einigemale noch zu sehen und durch Ihre data von ihm vollends zum Ausbruche meiner Begeisterung zu gelangen – er sollte sicher unbesungen nicht die Welt verlassen – ich wollte Euch dann auch einmal Verse machen, die Euch gefallen sollten – denn man gebe mir einen solchen Gegenstand – und ich mache die herrlichsten Gedichte !!! (Doch schon das Ihrige ist ein Beweis, welche Verse entstehen, sobald man nur zu einem wahrhaft grossen Menschen spricht.) Sobald die Zeit erscheint wo der lebende Horaz wieder den lebenden Mayen besingen |2 darf, dann wird es wieder neu sich schaffende, ächte Horaze geben. – Sie mein junger kräftiger Freund können diese Frühlingszeit erleben. Dann denken Sie an mich in einem stillen Grabe – und singen Sie unsern Voigt! – Friede und Glück sey mit der würdigen Gestalt!

Ja, ad vocem Grab! Ich befinde mich in der That besser und leichter, als heute vor einem Jahr, und danke Gott dafür an jedem lieben Morgen – ja ich denke wirklich zuweilen Studnizens liebevollen Vorschlag, mich im Sommer nach Töpliz zu bringen – wiewohl ich an eigentliche Wiederherstellung nicht wohl glauben, und daher diese grossen Kosten nicht wagen darf, da sie besser angewandt werden können.

Unser herrlicher Truchseß war 3 Wochen lang hier – fast alle Tage bey mir – empfieng Ihren Gruß – wollte ihn selbst lesen und grüsst Sie aus ganzer Fülle seines heiligen Menschenherzens. Anton hat ihn so hübsch gemahlt, und den schönen vorweltlichen Riesen so ganz lebendig getroffen, daß ihn meine theure Herzogin zu ihren Bildchen hängen will. – Meine Jungen sind ehrlich und fleissig – das Übrige muß sich finden.

Meine Isidora (die Ihren Wunsch, nicht Isidorus zu heissen, ja schon längst im Mutterleibe erfüllt hatte – wie kommen Sie auf Isidorus – warum nicht gar Orientalis , oder "Ach- und Weh-im von Arnim" wie Tiek spricht! ) ist ein holdes Mädchen, die nach der OMesse hervortritt. Ein Hofroman, womit ich die Weiber wieder einmal ein wenig versöhnen muß, die im ABC so wenig

Eigentlich gar nichts – denn es ist bloß für Philosophen und Kinder geschrieben.
haben, und etwa denken möchten, ich könnte keine hübschen Geschichtchen mehr machen.

O, über die liebliche Frau Hofmarschalin von E.! So erinnert sich das gütige, anmuthige Weib noch meiner? Wohl mir – und wie könnte ich jemals ihres sanften bräunlichen Auges vergessen, das so mild auf mich niederschien! – Aber Ihre schönen braunen Damen thun mir das schreyendste Unrecht. Ich bin ein großer Verehrer der Braunen und Schwarzen. Aber mein liederlicher Fiebelschütze ? Bin ich denn etwa dieser? – – Behüte! Und, die Holden, Zarten sollten eigentlich mein ABC. gar nicht lesen. es ist ja nur für die derben Männer zugänglich – wehren Sie ihnen doch! – Übrigens, bester, haben Sie dennoch der schönen Luise auch ganz richtig geschrieben!

Millionen Grüsse an unser liebenswürdiges theures Minchen! Ach, sollte ich denn nicht noch einmal ihre liebe Hand fassen. – Sagen Sie mir doch recht bald, ob Sie nächsten Sommer nach Liebenstein reisen. Überhaupt, schreiben Sie mir bald, Allerbester!
Nun dann, ewig, ewig, ewig der Ihrige, mein theurer.

JEWagner.

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Friedrich von Müller. Meiningen, 1. Februar 1811, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1092


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Textgrundlage

H: GSA, 68/618, Bl 32-33
1 Bl. 8°, 2 S.