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Korrespondenz

Von Johann Ernst Wagner an Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen. Meiningen, 30. Mai 1811, Donnerstag

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Meiningen den 30n Mai 1811.

Wohl, mein verehrter Freund! Wir wollen einander nicht loben, sondern nur lieben – und wir wollen sehen, wer das am längsten hält. Tausend Dank für Ihren – wollt' ich sagen Deinen – aber es schickt sich doch mein Seel nicht ganz – lieben Brief und den des guten Heinrichs , den ich dankbarlichst wieder anlege. Noch hab' ich dieser mir unaussprechlich theuern Seele nicht gedankt – denn ich muß meinem Briefe an ihn Dein Bild beylegen, welches noch nicht fertig ist. Anton hat so viele Stunden – und die Jungen beyde hängen jetzt so sehr an dem Zeichnen der neugrünenden Fluren und Bäume, daß der Kleine in seinen bestellten Arbeiten jetzt erst bis zur Vollendung von Wangenheims verlangtem Portrait von mir, gelangt ist. Heute und morgen, denke ich, soll er Öhlenschlägern fertig bringen . (denn w [...] as Du, Bester, bestellst, muß gleich seyn und also flux in die Ordnung seiner übrigen Bestellungen eingreifen) Wird der hübsche Schwarzkopf fertig, so bringen ihn Dir Schwendlers gleich mit, die übermorgen zu Dir reisen wollen. Da nun diese Gelegenheit so schön ist, so kann ich mich nicht enthalten, Dir auch mein für Wangenheim bestimmtes Porträt hierbey zur Ansicht mitzusenden, da Du neulich etwas von Anton auf der Burg gütigst zu sehen verlangtest, ehe er selbst kommt. Verzeihe aber die Kühnheit, bester Mann, wenn ich Dich bitte, das Bild sodann wieder wohl einpacken und an den guten Wangenheim über die Post nebst dem anliegenden Briefe gütigst abgehen zu lassen. – Ich kann nicht wohl anders. Denn sehen musstest Du doch, ob Anton Fortschritte gemacht hat – und – wozu dann erst das Bild wieder hieher senden? Gewiß Du verzeihst mir, daß ich Dich um Wachstuch und Postgeld bringe!

|2 Studniz ist heute fort. Der Fuß hatte sich gebessert, und er ertrug ihn mit vieler Gelduld, die sonst nicht seine Sache ist. Wir haben gar manches Freundeswort von Dir gesprochen, Du Engelsritter! Die ganze Bettenburg haben wir mit einander durchrepetirt – und überall tratst Du uns wieder als Staffage in der herrlichen Landschaft entgegen, die wir dann stets wieder auf eine Zeitlang allein betrachteten. Du bist – – pst!!!

Abends.

Öhlenschlägers Porträt wird fertig, und ich lege es Dir nicht allein unter dem Gemäldekasten an, sondern sende auch durch Schwendlers , welche die Güte haben wollen, es mitzunehmen, das Original mit grossem Danke zurück. Der Mensch gefällt mir sehr wohl, er sollte aber besser gemalt seyn. Es ist so wenig Schatten zu sehen, daß Anton die Schattenseite anfangs nicht errieth und daher auch keinen eigentlichen Schatten anbringen konnte. Es ist immer eine mißliche Sache, aus dem verdammten Miniaturgekritzel Etwas ins Grosse zu zeichnen – doch hoff' ich, wirst Du die Ähnlichkeit nicht vermissen. Aus dem Grossen ins Kleine erhält sich die Ähnlichkeit leichter. — Vergleiche es nun gütigst mit dem Original, und befiehl, ob Du es so haben, oder anders gemacht wissen willst – denn mich dünkt, Studniz habe gesagt, Du wollest es zweymal gemacht haben. Gieb dann das Original S.s wieder mit und laß uns Deinen Willen wissen, auch die bestimmte Zeit, wann es fertig seyn soll – ob schwarz oder in Farben u. s. w. Das alles soll dann pünktlich geschehen, so wie Alles was Du von uns befiehlst – und wären es unsre Herzen, die Du freylich schon hast!

Innigen Dank für die freundliche Erlaubniß, daß meine Jungen Dir, Du gute Gestalt, nahen dürfen! – Ich hoffe, daß sich die Sache machen wird. Freylich versäumen Sie mir viel Latein, Deutsch und Griechisch – und in dieser Rücksicht bin ich sehr gei jetzt noch sehr geizig gegen sie, da ihr Lehrer jetzt in recht gutem Zuge ist. Aber, was ist das alles gegen eine Reise fürs Herz und die Kunst? – Ich meynte daher, ich liesse die Vögel aus, damit sie den guten Adler thronen sehen. – Die beste Zeit dazu wäre wohl für |3 uns die zwischen dem 15n und 30n Junius. Aber ich hoffe, daß Du dem Anton erlaubst, ausser Dir, auch noch so viele Truchsesse als möglich zu zeichnen. Besonders wünschte ich den "Wilhelm T." zu sehen, von dem Studniz behauptet, es könne wohl ein zweyter Du werden – – das wäre ich denn doch äusserst begierig näher zu beleuchten! Studniz wünscht, ihn auch sich zu vergegenwärtigen. – Wir wollen die Herren Vettere, Oheime und Schwägere nicht zu lange mit Sitzen plagen – denn alles kann ja mit schwarzer Kreide abgethan werden, da die Handzeichnungen eines Schülers ohnehin mehr werth sind, als seine Gemälde. Aber freylich von Dir Selbst, Geliebter, wünschte ich denn doch, Du sässest ihm nun einmal lange, ruhig und gründlich, nemlich zum Pastell. –

Wohlan, wenn nichts dazwischen kommt, so sende ich Dir die Jungen in Gottes Namen auf Dein gütevolles Wort und entschuldige mich nun nicht weiter deßhalb bey Dir – denn Du bist mein und ich bin Dein! ––– Aber ich schreibe Dirs vorher erst noch.

Meine Frau hustet von neuem – der Husten ist unheilbar! – Vielleicht wagte ich es wirklich, Studnizens Einladung nach Tepliz zu folgen, wenn sie gesund würde. Aber freylich – angenommen auch dieß – brächte ich nicht doch meinen Freund vergeblich ums Geld?

Verzeih, Allerbester, das viele und unordentliche Geschreibsel! Du hast mich nun auf ewiges Du und Du – und so musst auch Geduld mit mir haben!

Ewig

Dein

treuer
JEWagner.

Vater und Jungen umklammern Dich! H. Vossen und seinem würdigen Vater will ich die beyden Lieferungen von meinem J v. N. zur Einsicht und gütigen Beurtheilung mittheilen, die ich bis jetzt von Griesbach wieder zurück habe. – Adieu, Riese! Adieu Engel! Adieu Mensch!

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen. Meiningen, 30. Mai 1811, Donnerstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1101


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Textgrundlage

H: Baumbachhaus,
1 Dbl., 3 S.

Überlieferung

D: Briefe über den Dichter Ernst Wagner, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 2, Schmalkalden: Varnhagen 1826, S. 155-156 (stark gekürzt, ungenau).

D: Ernst Wagner’s sämmtliche Schriften, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 12, Leipzig: Fischer 1828, S. 256-257