Edition Umfeldbriefe

Von Ernestine Voß an Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen. Heidelberg, 28. August 1811, Mittwoch

Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1
Heidelberg den 28 August. 1811.

Vorgestern um halb drey sind wir gesund und froh heimgekehrt. An der Pforte empfing uns unser Heinrich mit ofnen Armen, auch gesund und froh! und nach wenigen Minuten waren wir schon mitten im Gespräch über unsern herlichen Bettenburger. ich konnte es nicht aushalten den Vater allein reden zu lassen, ich muste thun was die Weiber gerne thun. Was er gesagt und gethan, und wie er uns gepflegt, und uns in allen Eken bey sich, das Gefühl des Eigenthums gegeben hatte. In welchen Grade uns wohl bey Ihnen geworden, daß fühlen Sie selbst besser als ich es Ihnen sagen kann. Wie wohlthätig wird noch lange, daß Nachgefühl bey uns sein! Wenn wir selbst einmal fühlen daß wir recht artig gewesen sind, so wollen wir uns selbst die Belohnung geben, nach der Bettenburg zu reisen. Die erste Nachricht von uns hat Ihnen der Liebe Herr Amtmann gebracht. Der machte uns den kurzen Auffenthalt in Schweinfurt so angenehm als möglich, führte uns zu seiner reifen Mutter und Schwestern , und zeigte uns so viel von der Schönheit der Gegend als sich in der kurzen Zeit thun ließ. Die langweilen Gespräche an der Wihrttafel wolten uns gar nicht behagen. Wir tranken eure Gesundheit, und wusten bestimmt daß auch die unsre Getrunken ward. Der Wihrt im Raben gab uns für 25 Fl einen herlichen Wagen, herliche Pferde, und einen auserlesnen Kutscher! |2 es gieng immer rasch, und stets mit gehöriger Vorsicht. Bis Würzburg waren wir sehr still, wir hatten noch zu lebhaft das Gefühl das alles in der Welt ein Ende hat! Um sechs saßen wir schon im Schwann , und schwazten uns heiter in unsern Stübchen, welches die schöne Aussicht uber den Mayn hat, wo sich so viel lebendiges regt. Voß rauchte sein Pfeifchen. Die Sonne gieng uns aber nicht so schön unter, wie hinter der Strohhütte, auf der Spitze des Berges! Im kleinen Zimmer mochten wir nicht essen, da musten wir bis neun S w arten wo die Gesellschaft speißt. Hier fanden wir den Major Moser , der sich angelegentlich nach Ihnen erkundigte. Sein Plaz am Tische war dem unsern fern, und wir fühlten auch daß keine Wahlverwandtschaft zwischen uns statt habe. Zu Voß seiner Rechten saß ein ehrenvester Holländer, der stumm sein Mahl verzehrte, bis ihn en t d lich die noch nicht süßen Trauben in eine Art von Begeistrung brachten, in die er uns auch zu versetzen wünschte, welches ihn aber nicht gelang. Zu meiner linken saßen drey Studenten die viel dumme Späße machten. Halb eilf legten wir uns zu Bette, Voß schlief gleich ein, meine Absicht war seinem Beyspiel zu folgen, aber dicht neben uns wohnte ein Reisender, der noch viel Lerm machte, singend gieng er zu Bette, und als er eingeschlafen war, fieng er an laut zu reden. Um sechs fuhren wir weiter. Es war ein herlicher Morgen. Von Ihrem [...] den ich mir bey der Klara |3 ausgebeten, hatte ich mir selbst gemacht. In Bischofsheim wurden die Rebhüner zum Frühstück herbey geholt. Voß verzehrte ein ganzes und sagte mit einer Art von Begeistrung: So ein Rebhuhn thut doch eine gewaltige Wirkung. Wir klingten herzhaft an auf euer Wohl! Der herliche Bruder in Bundorg lebt bey uns immer mit den Ritter zugleich! Die Flasche Wein, die nicht schlecht war machte uns recht beredt. Die ganzen zehn glücklichen Tage haben wir wieder durchlebt! Ein ganz leidliches Mittagsmahl hielten wir in einem Dorfe. Mein halbes Feldhuhn ward ausgeschlagen. Gegen sieben erreichten wir in Schepflenz das Posthaus, welches uns gleich nicht so ganz leidlich erschien. Der Herr Postmeister der zugleich Beker war , nahm die Briefe in Empfang, während er die Semmel und Prezel im heißen Ofen schob. Wir aßen unten eine sehr trockne Forelle, und sahen einen im BackOfen ausgetrockneten jungen Hahn, darauf an ob er sich essen ließ, es schien uns aber zu bedenklich. Doch ward mein Feldhuhn wieder ausgeschlagen, und Voß hatte so viel Respeckt für sein großes Brodt, daß er trockne Semmel aß. Eine Flasche Seltzer Wasser zum Wein genossen wir mit großen Danck. Um halb zehn giengen wir unser Schlafstübchen, das Getümmel im Hause und auf der Gasse kündigte uns aber vorher an, daß wir nicht schlafen würden. Voß bekam ein großes Bette, ich einen aus in ein Bett verwandelten Lehnstuhl, der sich dem |4 Auge darstellte als ob mitten darüber ein Galgen erbaut wäre. Durch diesen Galgen kroch ich auf meinen Ruhetrohn. Wie die Menschen allmählich still wurden, fingen die Hunde an zu bellen, und nach Mitternacht klopfte eine Staffette das Haus wieder wach! Doch sezten wir uns hinter im Wagen weil wir dem eignen Hause nahe waren. Unser Kutscher theilte unsre Sehnsucht zu Hause zu kommen, und fütterte um zehn Uhr Hafer ohne auszuspannen. Da ward auch mein Feldhuhn verzehrt und dabey angeklingt wie sichs versteht. Wie wohl wir uns jzt fühlen, davon ließ sich noch viel sagen, aber es geht noch halb wie im Rausch mit dem reden wie mit dem Handeln. Da werden Besuche angenommen, und gegeben, dann dazwischen alles Reise Geräht in Ordnung gebracht, und in Haus und Garten geprüft ob alles in guten Wohlstandt erhalten ist. Da giebt es denn auch zu unsrer Freude nichts, daß wir anders wünschten, als ein Kirschbaum der verdorrt ist. Voß wolte auch noch einige Zeilen schreiben, aber er ist hingegangen daß neu gebohrne Töchterlein zu begrüßen. Den herzlichsten Danck von uns beyden für alles Liebe und Freundliche, was Sie uns wissend, und unwissend gethan, von den lezten bin ich in Versuchung Ihnen noch einmal ein Register zu senden. Gott vergelte es durch dauernde Gesundheit. Die Herzlichsten Grüße den Lieben Bruder, und den lieben Schulers wenn sie noch da sind, dem Herrn Amtmann und allen Hausgenossen. Wie gerne hörte ich mich noch ZwillingsSchwester und Heinrichs Mutter nennen! E.V.

Zitierhinweis

Von Ernestine Voß an Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen. Heidelberg, 28. August 1811, Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1106


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: Faksimile Baumbachhaus Meiningen (ehemals Slg. König),
1 Dbl. 8°, 4 S.