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Korrespondenz

Von Johann Ernst Wagner an Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen. Meiningen, 14. November 1811, Donnerstag

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Meiningen den 14n Nov. 1811.

Mein verehrtester Freund! Dein liebevoller Briefesgruß wurde mir gestern von dem braven Köniz – der besser im Herzen als auf den Füssen ist – in einer Stunde gesandt, wo ich ein wenig trübselig auf die Zeit blickte. Ein ehrlicher Mann (und ich selber) weiß doch jetzt wahrlich bey dieser verdammten Geldnoth endlich nicht mehr, wie er Kleider und Schuhe für fünf Menschen schaffen soll – geschweige denn am Sonntage eine Rademacher'sche Kalbskeule ! (Bruder, den rechtlichen Mann möcht' ich kennen – Studniz hat mir erst kürzlich seine Verfahrungsart entdeckt – und seit dem habe ich die liebliche Hanstein noch einmal so lieb!) Nun kurz, ich fluchte einmal recht nach Herzenslust und es war ausgemacht, daß ich zu Grunde gehen muß u. s. w. Da kam Dein holdes Briefchen , Du sehr- und hoch- und Vielgeliebter! Da sprang ein Tropfe der Ewigkeit in meinem Herzen auf, und ich war plötzlich wieder verjüngt. (Sieh doch um Gotteswillen den Artikel Quelle der Jugend in meinem ABC nach, das das Beste von all meinem Geschreibsel ist und bleiben wird.) – Dein Gruß erregte nemlich meine Phantasie wieder – und ich war geheilt. Ich dachte zwar noch immer an das – liebe Geld, (denn so lieb wird es mir ewig bleiben, wie der Artikel Geld im ABC besagt) aber ich verband nun den Gedanken an Dich mit demselben – ich schaute im Geist auf Dich und Deine eignen Geldnöthe hin, die ja wohl in dieser Zeit auch nicht fehlen können, und zwanzigmal mehr ins Grosse gehen müssen, als die meinigen. Darüber kam ich ganz in Deine herrliche Wirthschaft hinein – ich stand endlich ganz froh in ihrem schönen häußlichen Sonnenglanze da, welchen nichts trübte, als des liebenswürdigen Klärchens kränkelndes Bild – was aber jetzt hoffentlich auch wieder zur alten Kraft aufgeblüht ist. |2 Kurz, Geliebter, Deine holden Zeilen haben mich gesund gemacht. Ein Bild das sich gegen das unsrige (ich will bey obigem Geldmaaßstabe bleiben) in so vieler Rücksicht wie zwanzig zu eins verhält, vermag uns doch ausserordentlich zu stärken!!! Z. E. Du bist offenbar 20mal besser, klüger, ordentlicher, rechtlicher, wackrer, tapferer, menschlicher und herrlicher als ich – und ich dagegen habe zum umgekehrten Verhältniß gar nichts aufzuweisen, als etwa, daß ich noch 20mal poëtischer – d. h. beym Licht besehen doch nur, daß ich ein 20mal grösserer Narr bin als mit Respekt gesprochen Sie, gnädiger Herr! Woraus ich mir übrigens, unter uns gesprochen, allerdings vor Gott und der Welt ein wahres Vergnügen mache. –

Die bußfertige Schwendlerin wird Dir ja wohl nun das Unglück gemeldet haben, das ihr mit Correggio passirt ist. Zürne ihr nicht zu sehr – – – du glaubst nicht, wie sehr sich die erhitzte Magdalena sehnt, an deinem Busen Busse zu thun . Wahrlich, sie ist es werth, daß ein kräftiger Ritter, wie Du, ihr verzeihe und eine Thräne weihe —

Correggio gefällt mir wirklich recht wohl. Aber helfen kann ich Dir nicht: Aladdin sprach mich mehr an. Es sind im Correggio recht hübsche romantische Sachen und Gedanken – aber wir haben sie alle nur schon gar zu oft gehört – und du könntest sie insgesammt viel schöner in den Originalen nachlesen, bey Schlegeln und meinem göttlichen Tiek, Göthe u. A., wenn Du nur wolltest. Neue Charaktere, Gedanken und Situationen habe ich nicht gefunden – – – aber daß ihn Italien erwärmt und von seinen nordischkalten Axeln und Harlen zurückbringen wird, dazu macht dieser Correggio viele Hoffnung.Am Ende wird aber doch schwerlich etwas Grosses herauskommen, das alle Geister ergreift.

Ich bin ziemlich wohl und fleissig, Griesbach, Voß, Schwarz und Richter haben sich viele Mühe mit meinem heiligen Manuscripte gegeben – wie soll ich es ihnen verdanken! Ich Armer!

Anton freut sich auf Dein Sitzen. Mein Gott, es ist ja nun Winter – siehst Du denn den Schnee nicht, guter Engel? Und Klärchen, die ich von Herzen küsse, ist ja auch längst wohl, wenn du diese Zeilen liesest. Was hält Dich also noch ab, an unsere Herzen zu kommen, guter Ritter?

Ewig, ewigDeinJEWagner.

Es wird doch wohl nichts helfen: Der Ritter Chr. von T. wird doch wohl mit seinem Schlosse Bettenburg und einigen Landschaften um dieselbe her, in meinem "Thalheim, ein Roman von E. W." als Idylle auftreten müssen. Doch mündlich erst das Nähere und Ewr. Hochfreyherrlichen Gnaden Erlaubniß. Der ich übrigens in unterthäniger Ehrfurcht mir die Freyheit nehme zu seyn, Ewr. Hochfreiherrliche Gnadenunterthänig gehorsamster Johann Ernst Wagner.

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen. Meiningen, 14. November 1811, Donnerstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1115


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Textgrundlage

H: Faksimile Baumbachhaus Meiningen (ehemals Slg. König),
1 Bl. 4°, 2 S.

Überlieferung

D: Briefe über den Dichter Ernst Wagner, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 2, Schmalkalden: Varnhagen 1826, S. 160-163.

D: Ernst Wagner’s sämmtliche Schriften, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 12, Leipzig: Fischer 1828, S. 260-263.


Korrespondenz

A: Von Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen an Johann Ernst Wagner. Bettenburg, 23. November 1811

S. 1 aorR: Präsentat: Beantwortet den 3.ten December