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Meiningen d. 15ten Maerz
1812

Schwendlers Brief an Sie , mein theurer Freund, wird wohl meist von Geschäften handeln, da ihn jetzt, vornehmlich in diesen Tagen wegen Einquartirung seine Zeit kürzer als jemals zugemeßen ist. Ich übernehme es daher, Ihnen, von uns über unsern manches mitzutheilen, welches ich auch ohne Ihre Aufforderung an S. gethan haben würde. Aber! fast sende ich feurige Kohlen auf Ihr Haupt, indem ich Ihnen abermals schreibe, mehrere meiner Briefe haben Sie ohne Antwort gelaßen – – –

Ich war zugegen als W. Ihren Letzten nebst dem lieblichen Geburtstags Gedicht erhielt, er war unendlich gerührt von Ihrer Liebe und sagte mir mit thränenden Augen "ich liebe meinen Müller unendlich, gern hätte ich es ihm noch einmahl gesagt, doch das ist über meine Kräfte, bringe Ihm Freundin meinen letzten Gruß ewiger Liebe, Ihm, seiner Wilhelmina, meine Kinder lege ich an sein Herz, begegnet |2 er sie zuweilen im Leben, so sey er ihnen freundlich" – – das Andenken seiner Freunde that ihm überaus wohl, dann griff es ihn sehr an; selten sprach er sich darüber aus, aber oftmals, wenn ich sein sinnendes Schweigen beobachtet sagte er mir, "ich gedenke der Freunde!"

Die letzten Monathe seines Lebens waren eine Kette namenloser Leiden. Er erschien zwar dabey in einer Glorie, in welcher man ohne vermeßen zu seyn oft das Bild des Göttlichen Dulders zu erblicken glaubte, nur gar zu erschütternd war es für das befreundete Herz, den Geliebten so unaussprechlich leiden zu sehen. Er täuschte sich nie über die Gefahr seines Lebens, selbst da nicht, wo der Arzt und wir Alle neue und zuversichtliche Hoffnung schöpften. Ein an und für sich höchst gefährliches rheumatisches Nervenfieber überstand er glücklich und gerade zu, an den Folgen mußte er sterben. In Folge der Krankheit hatte er sich wund gelegen, diese wunden Stellen ergriffen die Schenkelknochen und da ein gänzlicher Mangel an Vegetation in seinen |3 Säften schon lange durch sein altes Uebel erzeugt worden war, so war keine Rettung möglich. Wenn ich Ihnen sage, daß zuletzt beyde Schenkelknochen ganz ausgehöhlt wurden durch das freßende Gift, daß er gleichsam wie verdammt war, beständig auf den schmerzhaften Stellen zu liegen und daß außer Brust und Kopf die Lähmung total wurde so brauchts keine Erläuterung, daß es vielleicht noch nie auf Erden solche Leiden gab!

Im Anfange der Krankheit schien ihm die Sorge um die Zurückgelassenen häufig zu bekümmern, er war sehr ernst und seine sonst ewig heitre Stirn umwölkt; doch in der letzten Zeit wurde er ganz ruhig; wozu wohl die schöne Zusicherung unsrer Herzogin, ganz in der hohen Mütterlichkeit ihres Herzens gegeben, sie wolle sich der Seinen thätig annehmen und sein Vertrauen auf den Allvater der Liebe, das meiste beytrugen. Von nun an war er mit irdischen Angelegenheiten fertig, über seinem Gesicht war eine himlische Milde und Ruhe ausgebreitet welche |4 auch vom nagendsten Schmerz den seine Züge aussprachen nicht mehr verdrängt werden konnte. Und – so neigte er sein Haupt!


Ich verlor einen Freund der mir nicht mehr ersetzt werden kann! Dabey vergeße ich nicht d w as seine Kinder und die Welt noch in einer weit höhern und wichtigern Beziehung verloren.

Mit der seltensten Liebe ist er gepflegt worden, namentlich von seiner Tochter Louise die er stets seinen Engel nannte, sein letzter Blick war sie, sein letztes Wort Engel! In der That ist Louise ein Wesen seltner Kraft und Liebe, mit inniger Bewunderung habe ich sie beobachtet, wie denn überhaupt alle drey Kinder die möglichste Individualität behaupten. O Gott, ein rührenderes Bild werde ich vielleicht nie mehr sehen, um die Hülle des Entschlafenen seine drey Kinder kniend, so erbaulich herzerhebend und brechend zugleich! – – – – – –

Sie wollen wißen, mein Theurer was für die Familie W. hier geschieht: Zuerst |5 erhält die Witwe die in den hiesigen Verhältnißen festgesetzte Pension von 50 rth jährlich theils baar, theils in Naturalien. Die Söhne erhalten so lange sie in Meinungen sind, 200 fl jährlich als Erziehungs Geld, wenn ihre Bildung sodann einen Auffenthalt in Dresden oder anderswo erfordert erhöht die Herzogin das Jahrgeld, mit einem Wort für die Söhne ist mir nicht bange, in ihren Talenten, in dem Nahmen den sie tragen, haben sie ein Capital welches sie überall unterstützen wird. Nicht so ruhig bin ich über das Schicksal der Wittwe und der herrlichen Tochter. Erstlich hat die Wagner ihr ganzes Vermögen während unsres Freundes siebenjähriger Krankheit zugesetzt, den letzten Ueberrest von 300 fl hat sie jetzt verwendet um Schulden zu decken, die unser hochherziger Bettenburger und der edle Studnitz nicht ganz getilgt hatten. So bliebe dann an Mutter und Tochter nichts weiter als die Pension. mit der höchsten Sparsamkeit sehe ich nicht ein, wie sie werden damit leben können. Ich leugne nicht, daß ich gern ihre Grosfürstin um eine kleine Gabe für Louise ansprechen möchte. |6 Ich begreife wohl, daß sich der Flehenden und Bedürftigen viele aus den Weimarschen Landen zur Erbprincäßin wenden und doch dünkte es mich, eine kleine Gabe könne sie unsrer Louise reichen. Gern würde ich es sehen, wenn etwas von jener wohlthätgin Hand zu erwarten ist, daß es für einige Jahre zu gesichert bliebe. Wie es anzufangen und auf welchem Wege, dieß lieber Müller wißen Sie beßer als ich. Ich glaube daß Sie das beste dabey thun können, sollte ich aber auch etwas dafür thun müßen so erwarte ich Ihre Wünsche darüber.

d. 23ten

Kaum habe ich die Kraft Ihnen die Ursache zu nennen warum der Abgang dieses Briefes vom 15ten bis heute verspähtet blieb. Amanda litt schon einige Zeit an einem entzündlichen Auge, kein Mensch ahnende Gefahr, auf einmal nahm die Entzündung dermaßen zu, daß sie von heut acht Tage an bis vorgestern von dem Verlust ihres rechten Auges höchst wahrscheinlich sie bedrohtet ward. Gott im Himmel in welcher |7 Angst habe ich gelebt, unter allen Kummer den ich je hatte, war dieß der nagendste. Wohl hätte sich mein gebrochnes Herz an Amandas seltnen Muth stählen können; sie erduldete die höchsten Schmerzen mit einer Stärke die ich nicht beschreiben kann genau bekannt mit dem ihr drohenden Unglücke, vertraute sie so kindlich, so hoffend auf Gott, daß ich oft nicht wußte von welchem Gefühl ich am meisten ergriffen war, ob für Bewunderung der frommen Tochter oder des Schmerzes wenn es ihr das Auge gekostet hätte. Es scheint lieber Freund, als sey Ihre Freundinn Henriette, immer noch nicht genug geprüft gewesen, nach dem neusten Ereigniß kann ich um den Preis ringen, jeden Kummer der Erde nicht allein zu kennen sondern auch erfahren zu haben. Daß von allen diesen meine Gesundheit nicht die besten Folgen verspühret, ist wohl sehr natürlich, ich habe den ganzen Winter gekränkelt und ich bin noch gar nicht wohl.

|8 Der Verlust meiner süßen kleinen Antonia in einem Zeitraum von 36 Stunden blühend und verblüht, dieser entsetzliche Augenblick gab meiner Gesundheit einen sehr ernsten Stoß, besonders leidet meine Brust sehr.

Amanda grüßt Sie herzlich und setzt hinzu "H. v. Müller freut sich gewiß recht theilnehmend daß das gefürchtete Unglück mich nicht betroffen hat, ach und was hätte wohl Vater Wieland gesagt, wenn ihm in mir noch einmahl das Bild von Sophie Brentano erschienen wäre."

Es ist so dunkel um mich, weil Amandas krankes Auge noch nicht den geringsten Lichtstrahl ertragen kann, daß ich in der That nicht weiß ob Sie diese Schrift werden entziffern können, auch werden Sie an den abgerißnen Inhalt meinen etwas confusen Kopf erkennen.

Ich komme noch einmahl auf unsre Pflegbefohlnen zurück. An den Herzog von Gotha habe ich mich ebenfalls gewendet und ihn aufgefordert für die |9 lieben Kinder etwas zu thun. Zur Zeit genügt mir seine, zwar höchst poetische, aber nicht nach meinem Sinne praktische Antwort nicht. Ich habe ihm heut wieder geschrieben , recht prosaisch, jedoch wahr und treu wie es meine Pflicht ist.

Isidora erscheint Ostern, Jesus von Nazareth ist nicht fertig und was davon da ist, so wie alle Manuscripte sollen nie gedruckt werden.

Wagner hat über diesen ernsten Ausspruch seinen Kindern den heiligsten Schwur abgenommen und so lange als die Kinder den Sinn seiner Manucsripte nicht verstehen, sind sie Alle an Truchseß zur Aufbewahrung gegeben worden, dies war des Vollendeten Wille. Ich hoffe, lieber Müller wir sehen uns bald, vielleicht ließe sich eine Wallfahrt nach Bettenburg veranstalten, unter des Ritters Vorsitz ist den Eingeweihten und Erwählten |10 verstattet zu lesen und das Gelesene fein im Herzen zu behalten.


Kommen Sie bald, ich sehne mich unendlich Sie zu sehn und zu sprechen. Schwendler hat nicht geschrieben, nach dem Unwesen der Einquartirung ist er sogleich ins Oberland gereist und komt erst am Charfreitag zurück. Dann will er schreiben und alles nachhohlen ganz eigentlich kann ich zwar seiner Faulheit im Briefschreiben nicht das Wort reden, aber soviel ist gewiß daß sich seine Arbeiten täglich umständlich vermehren.

Antonie grüßt schönstens, im May verläßt sie mich um in Berlin, wo sie mein Schwager erwartet, diesen mir so theuren Verwandten, I i hre Hand und ihr Herz zu reichen. Es war der Wunsch meiner seeligen Schwester und ich hoffe Antonie soll glücklich werden. Mündlich mehr. Gruß |11 und Liebe Ihrer Gattin und Adelbert

die

Ihrige

Henriette S.

Zitierhinweis

Von Henriette Schwendler an Friedrich von Müller. Meiningen, 15. und 23. März 1812, Sonntag und Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1120


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Textgrundlage

H: GSA, 68/540, Bl 11-16
3 Dbl. 8°, 10 ⅙ S.