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Meiningen d. 12ten Xcmbr
1812

Und 'o würde das Schreiben meinen armen belasteten Körper noch saurer und mühseelger eigenhändigst müßte ich Ihnen, herrlicher Freund! dennoch danken für die reiche Spende die Sie uns, für unsre Pflegbefohlnen gesendet haben. Oh Gott, hätten Sie die Trähnen des Dankes fließen sehen, die Mutter und Kinder in tiefster Rührung vergoßen haben, warlich eine Scene, wie ich in den jetzigen harten Zeiten keine zu erleben hoffte. Louise kann sich’s nicht versagen Ihnen einige Worte des Danks zu sagen, jedoch soll ich ja hinzufügen, wie unmöglich hier der Buchstabe, der Empfindung Fülle ausdrücken könnte.

So haben Sie, Bester, durch Ihre Vermittelung die Schulden allein getilgt, und was wir von hier, München, Rudolstadt, Hildburghausen und Stuttgardt erhalten haben und noch erhalten, kann ein Capitälchen ausmachen. Gott lohne Ihnen diese eigentliche Weihnachts Freude die Sie uns geschenkt haben. Aber Guter, Frey Exemplare |2 habe ich keine mehr, ich habe schon einige aus den Buchladen kommen laßen, die ich verschickt sind, und Ihre Güte thut überschwerliches, wer möchte wohl ein mehreres fodern! – – – –

Ihr Urtheil über Isidora, lese ich immer wieder, so klar und rein klang meinen Ohren noch keins und so mehr möchte Er es über den Sternen wißen, wie Sie ihn zu würdigen verstehen. Sonderbarer Weise habe ich mir das 3te Buch vorlesen laßen und deshalb ist mir die Baade Scene entwischt ohne etwas anstößiges in der Mahlerey gefunden zu haben, sobald ich mein eigenes Exemplar um welches zur Zeit noch reißens ist, wieder erhalte will ich solche aufmerksam selbst lesen.

Böttchers Brief war nicht tröstlich aber die wahrheit und bestimte Zurechtweisung über das jetzige Verhältniß eines Künstlers höchst wichtig für uns. Anton soll, vorjetzt noch nicht nach Dresden sondern erst, wenn Ihr würdiger Professor |3 Mayer sich dazu verstehen wollte, einen Cursus unter seiner Aufsicht in Weimar machen. Bis zum Frühjahr läßt sich darüber noch manches schreiben, eher ist nichts zu thun, und Mayers Urtheil ob in dem kleinen Menschen wirklich ein Künstler Genie aufgegangen ist halte ich für nothwendig. Carl soll Forstmann werden und seine Landschaftsmahlerey als Dilettant betreiben, als Brodtstudien konnte er jetzt nicht darauf lernen, denn warlich die Zeiten der Hakerts dürften für Brüder wohl nicht mehr zurückkehren.

Leben Sie wohl, Ihrer lieben Gemahlin und Adelbert, Gruß und Kuß. Schwendler hofft bald zu schreiben und zugleich meine Erlösung von der kleinen unbändigen Last zu melden.
Denken Sie meiner in Liebe und Theilnahme

die

Ihrige

Henriette

Zitierhinweis

Von Henriette Schwendler an Friedrich von Müller. Meiningen, 12. Dezember 1812, Sonnabend In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1121


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Textgrundlage

H: GSA, 68/540, Bl 23-24
1 Dbl. 8°, 3 S.