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Dresden 20ter Oktober 1817

Geehrtester Herr und Freund!

Wenn Ihr wohlwollendes Gemüth mir nicht durch so manche Probe in Wort und That bekannt geworden wäre, so müßte ich befürchten daß mein langes Schweigen, nach einer so flüchtig gegebenen Nachricht , uber die wichtigste Veränderung meines Lebens , eine unfreundschaftliche Auslegung Ihrerseits hätte erfahren müßen. Allein, ich habe wahrscheinlich keinen wärmeren Verteidiger ohnerachtet meines Schweigens, zur Entschuldigung desselben, an irgendeinem Orte als in Ihnen zu Berlin. – Obgleich ich sowohl die näheren Umstände des neuen Ehebundes, dem die Vorsehung mich aufsparte, als auch die weiteren Berichte über das von Ihnen mir anvertraute Geschäft , so wie meinen Dank, für die gütigst auf meine Bitte bersorgte Ztgs.Einrichtung , so |2 lange Ihnen schuldig zu bleiben, die Verhältniße mich gezwungen.

Ganz gewiß, verehrter Freund, gehören Sie nicht unter diejenigen, welche mit mir darüber schmollen, etwas so gehaltloses als Titel, oder das was man Rang nennt, dem einfachen Vorzug, die Gattin eines geschickten Künstlers und zugleich eines Biedermannes geworden zu seyn, aufgeopfert zu haben .

Auch in diesem neuen und von meinen früheren FamilienVerhältnissen verschiednen Kreisen, bin ich mehr als jemals zu wißenschaftlichen Bestrebungen aufgefordert, und ich werde alle Kraft meines Erkenntnisvermögens, wie meiner Beurtheilung aufbieten müßen, mit dem Scharfsinn, und der gründlichen Bildung meines Mannes, in den höheren Regionen des Wißens, wetteifern zu dürfen. Es ist wahr, er ist mehr Mathematiker als Philolog |3 mehr eingeweiht in dem weiten Gebiete physikalischer Forschung, deren Gränze noch kein Sterblicher ermaß – als Aesthetiker – allein wenn das zarteste Gefühl für Poesie, die frömmste Anhänglichkeit an die [...] das leiseste Ohr, für die tausendfache Stimme der Natur, die rührendste Begeisterung für jede gelungne Gestaltung aus allen Gebieten der Kunst – wenn die zum Dichter macht, so giebt es wohl keinen gefühlvolleren wenigstens, in der Welt, als meinen guten sanften Mann, dem zu gehorchen nur Freude, niemals aber Verdruß für mich wird seyn wollen, da er immer nur das Rechte will, und milde Nachsicht übt, wo man es aus Ungeschick verfehlt, wenn nur kein böser Wille dabei offenbar wird; mit einem solchen Nachsicht zu haben, würde aber dennoch sein GerechtigkeitsGefühl |4 seine Nach Sanftheit verhindern.

Auch für das von Ihnen mir anvertraute Geschäft intereßirt mein Mann sich auf das innigste. Obgleich er selbst in diesem Augenblick mit etwas weit mühsameren, nämlich mit der Einführung einer GasErleuchtung für Dresden beschäftigt ist.

Ich lege Ihnen hier eine Probe von dem Papiere ein, welches Herr Gärtner für „Sinngrün“ in Vorschlag gebracht hat, und für welches er den Ballen Rieß mit 3 rth 8 gs berechnen will. Der Druck kann nunmehr in jeder Woche seinen Anfang nehmen, da einiger Vorrath von Mskpt. bereits in meinen Händen ist. Der Pünktlichste in der Ablieferung seines Aufsatzes ist mein Schwager Jean Paul gewesen , von dem unter dem Titel „Immergrün“ ein höchst zartgedachter, im Geiste früherer Schriften dieses Schriftstellers, an die |5 Frauenwelt gerichteter Aufsatz schon seit Wochen in meinen Handen ist. Außerdem erhalten wir Beiträge von Heun, Theodor Hell, Laun, Fanny Tarnow, Luise Brachmann und einigen meiner Meklenburger, der Poesie angehörenden Freunde .

Es fehlen von denen auf welche Sie gerechnet, zuerst: Gustav Schilling, Fr. v. Pichler, deren Brief ich hier beischließe, August Lafontaine, Kind und fast alle welche die erste Liste enthielt. Die Antworten aller dieser von mir Aufgeforderten, von denen nur ein Einziger, Herr Prediger Lafontaine gar nicht geantwortet, mögen einst, vor Ihnen, zu meiner Legimitation dienen, wie eifrig, um Theilnahme derselben ich mich bemüht habe! –

Noch rechne ich auf Falk in Weimar worüber aber auch bis jetzt nichts entschieden ist. – Da ich vermuthe, daß die |6 Burgen an der Ostsee , wenn gleich aus meiner eigenen Feder, am ersten Gegenstände, zu malerischen Darstellungen dabieten würden, auch Herr Profeßor Schubert nicht länger aufgehalten werden kann, so bin ich entschloßen, nachdem eine abermalige Fede, jene Arbeit hat erfahren müßen, die einge Produktion zum Gegenstande des Kupfers zu machen – des Einen nämlich was unser erstes Bändchen liefern will. –

Nach abermaligem Gespräch mit Schubert ist [...] die Idee, der zur Ausschmückung des Umschlages, ebenfalls einen poetischen Gedanken zu wählen, ganz klar in mir geworden. Schubert wünscht daß ich ihm vorher in anspielenden Bildern, durch Worte male, was sein Pinsel gestalten will. Es ist ein eben so hell denkender als feinfühlender Künstler.

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|7 Frau von Chèzi ist jetzt hier.

Mit ihr zu einer Zeit Luise Brachman. Beide Damen geben zu mancherlei Betrachtungen Anlaß. Doch ist mir die Chèzi intereßanter als Jene. Erstere wird vermuthlich Dresden ganz zu ihrem Wohnsitze erwählen. Ich sahe die Chèzi erst einmal, erfuhr aber sehr bald, daß in Berlin, wie hier, wunderliche Meinungen über meine Verheiratung umgehen! Unendlich glücklich machte es mich daher, augenblicks zwei herrlich beifallgebende Briefe, meines Vaters , an seinen neuen Schwiegersohn Fr. v. Chezi mittheilen zu können, die alle Zweifel heben, ob mein Vater, nicht im höchsten Grade mit meiner neuen Verheirathung zufrieden wäre. – Im Fall auch unter ihren Bekannten, verehrter Freund, argwöhnische Geister es geben sollte welche gern die Meinung unterhielten, als sey meine Familie, oder überhaupt irgend eine Rücksicht, nicht ganz einverstanden mit meinem Schritte, |8 so lege ich hier einen kleinen Brief meiner Mutter bei – die keine andere Gesinnungen hegt, als solche welche von meinem Vater auf sie überkommen. Vielleicht läßt sich irgendein guter Gebrauch davon machen!

Noch muß es Sie freuen, zu hören, wie mein Mann und ich, durch die Nachricht, erst nach vollzogener Verbindung überrascht worden, daß meine Einnahme aus der Wittwenkaße mir bleibt – zur Hälfte für immer – zur Hälfte bis zum mündigen Alter meines jüngsten Kindes. Wenn ich hier zu meine schriftstellerische Thätigkeit rechne, die mein Mann nicht aus Gewinnsucht, sondern aus dem Glauben, daß sie einmal zu meinem Wesen gehört, nie zu vernachläßigen mir anräth, so werde ich durch die Vorstellung doppelt glücklich mich fühlen, im Stande zu seyn, die Sorge für meine und zweier Kinder Existenz, in etwas meinem so guten Manne erleichtern zu können.

Frau v. Chèzy hat mir gestern ebenfalls einige recht inhaltvolle Blätter für Sinngrün gegeben: „über weibliche Thätigkeiten im artigen Jungfrauenalter außerdem, im Sinne des Christenthums" – gegen welche Niemand etwas wird einzuwenden haben können! – Indem ich Sie bitte im Fall vor Anbeginn des Drucks, Sie noch etwas für Sinngrün zu bestimmen haben sollten, Ihren Brief zu beeilen

ewig Ihre

M Uthe Spazier

Zitierhinweis

Von Minna Uthe-Spazier an Theodor Christian Friedrich Enslin. Dresden, 20. Oktober 1817, Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1132


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Textgrundlage

H: SLUB, Mscr.Dresd.t,3950
1 Dbl. 8°, 8 S. Auf S. 1 aoR vfrH: Handschrift der Schriftstellerin | Uthe Spazier, | der Schwägerin Jean Pauls. | (siehe den interessanten Inhalt!).


Korrespondenz

Auf S. 1 unter dem Datum Präsentat: 29. Nov