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Eisenach, d. 31sten August
1819

Daß wir Sie, mein theurer Freund, das letztemahl hier verfehlt haben, ist noch immer ein schmerzliches Gefühl für mich. Wir haben zwar unterdeßen gewonnen daß die bewegte Zeit ruhiger geworden und die fantastischen Gebilde der Unglüksseher im Dunst zerronnen sind, aber gern sehr gern hätten wir Sie dennoch gesprochen um unsre gemäßigten Ansichten und Meynungen mit den Ihrigen zu vertauschen und überhaupt um Ihren hellen Blick uns offenbaren zu laßen. Daß jene UnglüksSeher zwar noch nicht beruhigt sind und in der Verworrenheit ihrer Begriffe noch immer Gott weiß was Alles vermuthen, dieß ist gewiß und darum empfehle ich Ihrer Bekehrung

Ich bitte aber herzlich auch nicht im Scherz sich merken zu laßen, daß ich solche Bekehrung wünsche, gute Gründe laßen mich dieses wünschen. H
die Damen Ihr d es Hoffes v. Bogwisch und Mutter Gr. Henckel. Die letztere mit der ganzen Leidenschaft Ihres Wesens wirkt wahrhaft nachtheilig auf die Grosfürstin u die erstere streut doch auch wo sie kann, den Saamen der Furcht aus. Der klare verständige Spiegel u der gemüthliche Einsiedel sind mein einziger Trost bey politischen Streitigkeiten gewesen, obschon ich nicht mit Unrecht glaube, daß man mich für sehr revolutionnair gesinnt hält, weil ich Schleyermachers Arrestation bezweifelte u des hochgesinnten Grafen |2 Gneisenau Partey nahm, als man das unsinnige Geschwätz von ihm nacherzählte wofür ihn die Gr. H. sogleich mit dem Schwerdt richten wollte so wie sie auch ganz ernstlich meinte Schleyermacher müße gehenkt werden . Mein guter Carové mit Ausnahme der unvergleichlichen immer gleichen Grosherzogin, gilt auch für revolutionnär und zwar um seiner Schrift, Kotzebues Ermordung willen in welcher die Frau Grosfürstin die deutlichsten Spuren, demagogischer Umtriebe will bemerkt haben. Was sagen Sie dazu? liebster Müller, stände das Urtheil nicht von hoher weltbürgerlicher Stuffe herab, so würde ich nur lachen, jetzt nähme ich es ernster, nicht um des Verfaßer willen, der über dem Urtheil steht, aber um der verkehrten Ansicht, denn fast zu monarchisch ist mein lieber C. gesinnt, wie überhaupt seine Grundsätze über Staaten Verhältniße nur in der Richtung stehen, als die monarchische Form die einzige für Europa zwekdienliche ist nach seiner Ueberzeugung ist. Nun, mag es noch so bunt untereinander Kreisen, unverkennbar bleibt es jedem unbefangnen Auge, daß der Geist der Zeit, in einer großen Idee sich bewegt, wird sie auch nur von wenigen ganz erkannt und |3 erfaßt, sie geht dennoch mit dem inneren Leben der Zeiten die Entwikelung durch, bis sie als Grundsatz des Lebens gilt. Da alle Formen endlich sind, so müßen sie dem Wechsel unterworfen bleiben, wie dieser nun der Zeit anzupaßen ist, dieß ist die Aufgabe, die aber gewiß gelöst werden wird. Helfen Sie auch dazu, theurer Freund, jeder Verständige und Hochgesinnte darf jetzt nicht müßig zu sehen, u wenn es noch fast ekelhaft wird, in das Geschrey und Geschwätz der Unvernünftigen, die Wahrheit tönen zu laßen, so muß es doch geschehen, und endlich dringt sie doch durch mit ihrer Kraft und Lauterkeit! – – –

Carové ist nach Breslau abgegangen, dem Wunsche des Ministers Altenstein gemäß wird er wahrscheinlich dort seine Bestimmung finden; Obschon es meine Vaterstadt u der ganze Kreis meiner Familie jetzt dort vereint ist, so ist es mir doch schmerzlich, meine Lieblinge so weit von mir laßen zu müßen, bis zum nachsten Jahre bleibt Paulinen's Verbindung noch ausgesetzt .

Die neuesten Nachrichten welche ausgestreut wur |4 den hinsichtlich der Vereinigung von ganz Sachsen mit Preußen nach dem Tode des Königs von Sachsen , laßen vermuthen, daß dann wohl die Rheinlande zur Entschädigung dem jungen Thronfolger zum Theil werden gegeben werden. Für Preußen u für die Ruhe von Deutschland ist jene Vereinigung gewiß sehr wichtig.

Von dem Kronprinzen von Sachsen ist mir neuerdings ein Gedicht zu Gesicht gekommen welches er vor kurzem verfertigt hat u dem Herzog von Gotha geschickt. Eine recht schöne Phantasie aber spanisch katholisch, in dem Herzen des Protestantismus als wie Sachsen anzusehen ist, muß diesen Fürsten sehr unheimlich zu Muthe seyn.

Werden wir denn Ihre liebe Gemahlin in diesem Herbst noch als einheimisch bey uns besitzen? Antworten Sie ja, mit der Aussicht auch Sie dann wenigstens zu sehen. Ich freue mich daß Ihnen Adelbert so viel Freude macht u daß Sie seinen Aufenthalt in Schnepfenthal verlängert haben . Schwendler grüßt wie immer warm u treu, wir empfehlen uns u die unsrigen Ihnen u Ihrer Gemahlin freundlichstem Andenken.

Die Ihrige.

Henriette Schwendler

Recht schätzbar und viel werth sind mir unsers Landmarschalles Ansichten und humane Urtheile, wir gewinnen Riedesel immer lieber und achten ihn immer höher, dies zu Ihrer Kunde, da Sie ganz mit uns übereinstimmen.
Zitierhinweis

Von Henriette Schwendler an Friedrich von Müller. Eisenach, 31. August 1819, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1139


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Textgrundlage

H: GSA, 68/540, Bl 40-41
1 Db. 8°, 4 S.