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Eisenach, d. 19ten October
1819

Ich könnte fast unruhig seyn, mein theurer Freund, über einige Nachrichten die wir aus dritter Hand über den Gesundheits Zustand Ihrer lieben Gemahlin erhielten wüßte ich nicht aus eigner Erfahrung, daß wir Frauen bey hysterischen Anfällen ganz eignen Erscheinungen unterworfen sind, die niemals gefährlich jedoch wohl leidende Zustände hervorbringen können. Hoffentlich vernehmen wir bald aus der sichersten Quelle von Ihnen selbst die besten und erwünschtesten Nachrichten, daß alle Besorgnisse verschwunden und die Gesundheit unserer Freundinn wieder ganz hergestellt sey.

Ihr schönes lebensfrisches Gedicht auf Göthes Geburtstag hat uns sehr erquikt und in die für mich gewaltig trübe Zeit ein freundliches Oelblatt gestreut. Die Frauen sollten freylich das politische Unwesen ganz unkümmert an sich vorüber ziehen laßen, doch wir Mütter, die dem Vaterland Söhne zum Dienst genährt haben, uns kann es nicht unberührt laßen. Was soll es werden? Diese Frage drängt sich bey jeder neuen despotischen Maßregel auf. Ich hoffte Humboldt sollte zu mildern suchen u die Schranken der Vernunft mehr öffnen, ist es aber wahr daß, wie |2 die Zeitungen sagen, Herr v. Kamz zum Blutgericht nach Mainz als Richter gehen soll , dann muß man billig verzweifeln, daß irgend etwas noch zu erwarten sey. Es ist ein schauderhafter Sieg den die Partey der Ultras davon getragen hat, denn diese allein in der Engherzigkeit ihrer Ansichten, wie der Schamlosigkeit ihren Foderungen, haben von den Thoren die Machtworte u Machtschlüsse eingeholt. Ihnen galten an und für sich jugendliche Aeußerungen der Unerfahrnen u drohende Schmähungen der zügellosen Schreiber bey weitem nicht das, was die Kraft im Volke und die Entwicklung einer Intelligenz die die neuesten Weltbegebenheiten hervorgerufen haben, als Gegensatz zu ihren veralteten Formen aufstellte, aber weil Aeußerungen vernommen u Schmähungen durchdrangen, darum soll der Geist gefesselt werden und Zweifel als gefährlich gelten... So schmerzlich uns Hendrichs Tod ergriffen hat, denn er war |3 unser bewährter vieljährig treuer Freund, so hat ist er wenigstens allem Unheil entgangen, dem wir noch entgegensehen. Hendrichs erledigte Stelle möchte ich Ihnen, liebster Freund zu theilen , Ihre diplomatische Ruhe u lebendige Umsicht dabey wäre in der bedenklichen Zeit sehr wichtig, denn man sage was man wolle, daß am Bundestage wie es auch wirklich ist die kleinen Staaten keine Stimme haben, so ist es doch höchst wichtig, daß die Stellvertreter der Fürsten also die Gesandten, den Geist der Zeit richtig auffaßen u danach handeln. Wie vieles entgeht dem, dem Scharfblick fehlt und wie viel benutzt der, dem Geist u Blick gehören, nur Sie haben auf diesem Felde sich bewiesen u in That sich gezeigt.

Görres ist glücklich nach Straßburg entkommen wie mir mein Leopold schreibt , sein neuestes confiscirtes Werk ist stark aber voll tiefer Wahrheit und Treue. Schwendler der gemäßigte sich immer gleich bleibend besonnene hat Görres Schrift durchaus gebilligt selbst die Stelle über Sand und Löhning nicht übertrieben |4 gefunden. Nun der Himmel komme endlich mit Klarheit von oben über uns arme MenschenKinder u verhindere, daß nicht Unmuth in Uebermuth und Tollkühnheit sich verwandle u daß kein blinder Fanatismus von allen Seiten sich erhebe. Ich bin allerdings Ihrer Meynung, daß nur Ruhe und Resignation für den Augenblick jetzt das beste ist. Die Wahrheit wird sich einen Weg bahnen mitten durch die Thoren! –

Schwendler grüßt tausendmahl u bittet gelegentlich um einige Worte irgend etwas interessantes in Weimar sich ereignet. Er sitzt in voller Arbeit für das jetzt comische Ding den Landtag.

Ich sehne mich wohl bald etwas erfreuliches von Ihnen zu vernehmen.

Immer u ewig

Ihre

treu anhängende Freundin
Henriette Schwendler

Zitierhinweis

Von Henriette Schwendler an Friedrich von Müller. Eisenach, 19. Oktober 1819, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB1140


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Textgrundlage

H: GSA, 68/540, Bl 43-44
1 Dbl. 8°, 4 S.