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Leipzig, 4 Oktober 1800.

Nicht, seit ich beobachte und denke, entsinn' ich mich einen so sprechenden Beweis wunderbaren Seelenadels wahrgenommen zu haben, als der in Ihrem Bekenntnisse: daß Sie jezt erst darauf aufmerksam werden, wie die Eitelkeit den meisten menschlichen Handlungen zum Grunde liege. Ihr Scharfsinn, Ihr sichrer Blick, die ruhige Besonnenheit, mit der Sie, trotz aller Reitzbarkeit des Gefühls, sich unter den Menschen umschauen, das alles bürgt mir ja, daß Sie längst, längst eine Entdeckung hätten machen müssen, gegen die nur der eigne Mangel der Eitelkeit Ihnen die Augenbinde umlegte – weil wir an andern nichts errathen, wovon nicht etwas analoges, und wär' es auch nur eine leise Anlage, in uns selbst ist. Daß mich dieses Phänomen selbst an Ihrer edlen reinen Seele befremdet – ich mögte sagen, in Erstaunen setzt – dieß Bekenntniß muß Sie nicht beleidigen; denn ich bin es zu lange gewohnt gewesen, die Eitelkeit (den Werth, den wir auf Beifall legen, gleichviel ob bloß von grossen und guten, oder selbst von kleinen schwachen Menschen) in allen Individuen von meiner Bekanntschaft, wie leider! auch in mir selbst zu finden; – nicht daß unsre Vernunft uns nicht ihre Thorheit, ja ihre Schimpflichkeit bewiesen, nicht, daß wir unfähig dadurch würden, in zu edlen Handlungen |2 auffordernde Momente dem Mißfallen der Menge zu trotzen – dann siegt eben der Stolz darüber – aber es bleibt ihr noch immer Spielraum genug im alltäglichen, von grossen Handlungen ach! allzuleeren Leben. Viele glauben: der Stolz schliesse die Eitelkeit aus, ja, es scheint paradox, das Gegentheil zu behaupten; aber der Wunsch, andern aber das zu gelten, was man sich selbst gilt, ist doch so natürlich, daß ich – und leider! wieder meine eigne Erfahrung zeigt mir's – fast geneigt bin, Stolz und Eitelkeit für Zweige Eines Astes zu halten. Nur wird, wo beide beisammen sind (wie in mir) der Stolz jederzeit in der Konkurrenz seine Schwester besiegen und sogar momentan vernichten.

Tolerant müssen Sie denn doch, Theuerste, hierin gegen Ihren Freund bleiben, der ja damit nur ein fast allgemeines Loos theilt. Ehrgeitz, Stolz, (nicht edles Selbstbewussteyn, sondern vergleichende Ueberhebung über andre) und Eitelkeit sind die drei Seelenlaster (alle andern sind Laster des Körpers) von denen ich – die Wahrheit zu gestehn – (d. h. nicht von allen dreien zusammen, sondern von einem darunter) keinen Sterblichen frei glaube – ausser einen wahrhaften Christen, eine Erscheinung, die die höchste menschliche seyn müsste, mir aber (dieß soll nicht Satyre seyn) nur Einmal und |3 das dazu nur im Gemälde vorgekommen ist – im Porträt des Gottmenschen Bischoffs Spangenberg . In allen sonst, die ich persönlich oder durch Lektüre gekannt, hebt sich nur Eins von diesen Seelenübeln mehr hervor, schliesst vielleicht sogar die andern aus; das ist aber auch alles. Und welches vorherrsche? entscheidet allein über die Grösse und Kleinheit der Menschen; Eitelkeit macht jederzeit kleinlich (wenn sie vorherrscht) Stolz, je nach den Eigenschaften, auf die er sich gründet, und nach dem Grade des Einflusses der Vernunft bald klein bald wahrhaft groß in sich selbst, Ehrgeitz groß vor der Welt. Cäsar hatte Ehrgeitz, Cato Stolz, Cicero Eitelkeit. Warum Ihr Geschlecht mehr Eitelkeit, wo nicht hat, doch äussert, als meines? ergiebt sich sogleich aus dem Bezirk von kleineren Beschäftigungen, Zwecken pp, worein es zum Theil die Natur selbst, doch grösstentheils noch die das physische Uebergewicht der Männer schloß; warum Sie, meine Amöne, bloß Stolz haben, (könnt' ich einen Menschen ganz freisprechen von diesen Flecken der Menschheit, so sollten Sie von mir freigesprochen werden) erkennen Sie eben so leicht, da Sie früh durch Anlage und gutes Schicksal sich über die kleinliche Sphäre Ihres Geschlechts schwangen, und gegen manchen Druck, den Sie von aus |4 sen erlitten, Sich nur durch erhöhtes Selbstgefühl behaupten konnten.


Unaussprechlich gerührt hat es mich, daß Sie meinen Besuch so bald erwarten, da ich doch, so viel ich mich entsinne, mich weit mehr auf den Ihrigen hier vertröstete – hier, wohin Ihren trefflichen Otto doch vielleicht noch das Andenken seiner Jünglingszeit und einmal seines Emanuels Gesellschaft locken. Ach! ich weiß es wohl, daß der arme Mensch, von äusseren Umständen ungehindert, nicht einen Augenblick zaudern darf, den Gedanke des Wiedersehens in That umzusetzen; aber eben die äussern Umstände hindern mich doppelt. Einmal, was man kaum nennen mag, der unwürdige Mammon, da ich diese Zeit her manchen Verlust erlitten habe, und die Theurung hier zu Lande beispiellos wird; – zweitens, das heilige Versprechen, das ich meinen Guten in Carolath neuerlich geben müsste, meine r n erste r n Ausflug zu ihnen hin zu richten – obgleich Gott weiß, wenn dieses unter den jetzigen Umständen möglich werden wird!

Ueber Richters Titan kann ich nicht Ihr Urtheil haben; er unterscheidet sich allerdings in meinen Augen schon dadurch von den frühern Werken unsers Freunds, daß er nicht bloß wie Sie ein Künstlerwerk, sondern ein Kunstwerk ist. Ich habe ihn (freilich auch mit Hinsicht auf die Schlegels u. Consorten ) in der beygangschen Fama der teutschen Literatur (Julius) unendlich erhoben.

Verzeihung für diesen fatalen, dürren Brief. Es ist aber so selten als schön, sich mit gleichen Vertrauen an den Verstand wie an das Herzseiner Freundin wenden zu dürfen. Möge das lezte in seinen neuen Verhältnissen an Wirklichkeit (so gut das möglich ist) gewinnen, was es an schönen Träumen verlor! und möge ich ihr, der Holden, Theuern, an jener nie anders erscheinen, als in diesen!

O.

Zitierhinweis

Von Friedrich Benedikt von Oertel an Amöne Otto. Leipzig, 4. Oktober 1800, Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1214


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Textgrundlage

H: Kunstsammlungen der Veste Coburg, A.IV,699,(1),8I42
1 Dbl. 8°, 4 S.