Von Karl August von Wangenheim an Paul Emile Thieriot. Stuttgart, 20. Januar 1807, Dienstag

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Stuttgart den 20sten Januar 1807.

Ich hatte, Lieber! Ihren Brief vom 22 Dec. , wie Sie aus der Beilage vom 26sten ersehen, schon lange beantworten sollen. Aber leider kann man nicht immer, was man soll. Und einige Vorfragen bei Röder machten in diesem besondern Fall selbst mein Soll noch etwas problematisch.

Aus Röder's Brief an mich sehen Sie, daß er, nicht wie Sie, die Sache für beendigt oder abgebrochen ansieht, sondern von Ihnen eine weitere Antwort erwartet.

Ich habe ihm vorgestellt, daß man weit entfernt seyn sollte, einem Künstler den Urlaub auf bestimmte Monate zu erschweren, ja daß man jedem Künstler eigentlich die Bedingung machen sollte, daß er bestimmte Monate reisen müßen ; aus Gründen die, obgleich nicht Röder'n, doch Ihnen klar sind, und die ich daher übergehen darf. Er hat mir geantwortet, daß seine Antwort ja das Bestehen auf Ihrer Forderung nicht ausschließe, u daß Bieten u Wiederbieten Kaufleute mache. Ihnen möchte ich nun vorstellen, daß Sie zwar auf den Urlaub ex contractu u auf einer Besoldung von f 800 bestehen sollten, daß ich aber wünschte, Sie ließen Sich in Ihrer Antwort darüber mit Gründen aus warum Ihnen die Stelle zu groß sey, und unterdrükten Ihr Gefühl über ihre Breite . Schauspiel-Entre-Actes nehmen zwar Zeit – das Spielen darinn kann den Künstler nicht entehren –; aber die Zeit wird doch im Theater lustig genug hingebracht, u am Ende kann man lesen, wo man will. Kirchen-Musiken rauben Kirchen täglich eine halbe Stunde, sonst nichts, weil nie probirt wird!!

|2 Nehmen Sie übrigens meinen Wunsch nicht für einen Rath. Haben Sie aber keine andern Aussichten: so kommen Sie lieber Selber und sehen und laßen Sich hören.

Wenn Sie aber nicht persönlich, sondern durch Buchstaben antworten wollen: so antworten Sie nur bestimt. Denn das bestimmte schließt ja die Urbanität nicht aus, und diese scheint blos werthlos, wenn sie, ohne Humanität, isolirt da steht. Dann können Sie ja auch Ihre Ansicht über die yenseitigen Verbindlichkeiten exponiren, die aufgelegt werden, wenn einer sich probiren läßt u der andere probirt.

Leben Sie wohl, Lieber!

Wangenheim

Daß Sie, wenn Sie Selber kommen, bei mir logiren, und gleich zu mir kommen, ohne in einen Gasthof abzutreten, versteht sich; daß ich Ihnen, auch wenn Ihre Verhandlung kein Hierbleiben resultirt, eine Bekanntschaft machen laßen werde, die der Reise allein schon werth wäre, dafür bürge ich, wenn ich Sie u Ihren Geschmack recht kenne.

Zitierhinweis

Von Karl August von Wangenheim an Paul Emile Thieriot. Stuttgart, 20. Januar 1807, Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1282


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin V, 273
1 Bl. 8°, 1¾ S. Auf S. 1 am oberen linken Rand von Karl August Varnhagen von Enses Hand: Wangenheim. Darunter Konzept von Thieriots Antwort vom 5. Februar 1807.


Korrespondenz

A: Von Paul Emile Thieriot an Karl August von Wangenheim. Offenbach, 5. Februar 1807