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Korrespondenz

Von Emanuel an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 12. Januar 1809, Donnerstag

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B. 12ter Jan. 9.

Meine gute Caroline! Ja wohl sollten die Menschen nur beisammen leben können, die für einender leben möchten; aber was sollte nicht alles in der Welt seyn, nach unserm Denken, was nach der Lenkung Gottes nicht seyn kann, nicht ist? Eigentlich sollte man seinen abwesenden Freunden nichts Unangenehmes von sich schreiben, das hab' ich mir schon so oft vorgenommen und doch in meinem letzten Brief an Sie wieder nicht gehalten .

Selbst in dem ich über die jetzigen Zeitunfälle ruhig schreibe, bin ich ruhiger, als ich es ausdrücke und warum nun Sie oder irgend einen Menschenfreund beunruhigen?

Car., das Wenige was ich bin bin ich auch blos und allein durch mich und dieses Bewußtseyn würde mein Glück zu sehr erhöhen, wenn dieses nicht durch meine Unvollkommenheit – die ich mir auch ganz allein schulde – wieder eben so sehr erniedriget und gemindert würde. Sehen Sie denn viele glückliche Menschen? Sehen Sie viel Glück in so genannten Reichthum? Wo ich hinsehe, sehe ich alles mehr, alles eher, als Glück. Und dieses Umsehen hat mir einen richtigen Blick – wenigstens einen richtigern, als den ich lange hatte, in die Menschen und in die Bedürfniße, die sie oft so falsch nothwendige heißen, verschaffet und auch einen richtigen Blick in mich selbst. Das Jahr 1808 hat mir vieles genommen; aber Alles ist nichts gegen den Verlust meiner Mutter, den es mir zuzog und doch gönn' ich ihr, dieser Frommen und hier schon heiligen, ihr ewiges Glück .

Mehr kann mir kein Jahr nehmen.

|2 In diesem hoff' ich; das vergangne ließ mich so wenig durch setzen, daß es selbst hoffen mich nicht mehr ließ. Auf Ihre Frage, wegen des Kopfwaschens hab' ich Ihnen schon vor vielen Jahren durch meine Äußerung darüber, die ich heute nicht zurück nehmen mag, geantwortet. Ich suchte in unsern Briefen eben nach und fand, daß ich Ihnen meine Meinung über diesen Gegenstand am 1ten März 4 geschrieben habe .

Es giebt Angelegenheiten in der Welt, wo wir uns durchaus selbst rathen müssen u wo uns fremder Rath durchuaus nicht bestimmen darf. Unter diese zähl' ich diese religiöse Angelegenheit. Es ist leicht Ja und eben so leicht Nein gesagt; aber das Rathen ist schwer und am schwersten schriftlich, weil es so viele Für u Wider giebt, über die erst gesprochen werden müßte, bevor man, so bald man es dürfte – eine entscheidende Stimme haben u erheben könnte.

So viel muß und kann ich Ihnen sagen, daß wer so denkt wie Sie, nie sich durch das Kopfwaschen – die Lüge abwaschen wird, denn auch unter den gewaschenen Köpfen müßten Sie – wider Willen in der Lüge leben.

Die jüngste Tochter meines U., der Sie herzlich grüßet, ist schon seit Sept. getauft .

Jette versicherte mich neuerlich, daß sie jetzt recht zufrieden und nichts weniger, als unglücklich wäre.

Uhlfelders künftiger Schwiegersohn heißt Stokar v. N. , ist ein geb. Schaffhsr., gegenwärtig im Dienste des FPr. als Fin. R. u ein biederer, braver junger Mann.

Ich kann den Namen Ihres Schweitzers nicht recht lesen, wenn es nicht Trokler heißen soll.

Mein Israel treibt eigentlich gar kein Geschäft.

|3 Er ist nicht ganz müssig; aber nicht thätig genug.

So bald es die Zeiten erlauben, wird gewiß für seine Beschäftigung gesorgt werden. Ella ist brav u wohl. Diese zwei Menschen lieben sich sehr ohne daß ich einen Zweck sehe. Ich lernte Bernhardi aus Berlin bei R. kennen . Er war einige mal bei mir u ich fand gerade einen solchen Mann an ihm, wie Sie mir einst die Berliner geschildert haben .

Seine Frau soll in München seyn , wohin er gegangen, um ihr seine Kinder abzunehmen. Bei R....s erzählte er viele Anecdoten von den berliner Juden.

Da sie meistens nicht zu Gunsten dieser ausfühlen: so hat man dem Erzähler wahrscheinlich einen Wink gegeben, daß ich ein Jude sei. Mitten im Erzählen sagte er "hier in Gesellschaft haben wir alle keine Religion" in dem er diese Worte an mich richtete.

"Ich bin jüdischer Religion" erwiederte ich zu seiner kleinen Verlegenheit, aus der er sich ganz unbeholfen zog. Nie hab' ich zurückgezogener gelebt und nie mich mehr mit Lectür beschäftiget, als jetzt.

Mit der Delphine hab' ich das alte Jahr beschloßen u mit ihrer Schwester Corinna das neue eröfnet.

Wirklich zwei geistreiche Kinder einer geistreichen Mutter. Jetzt, wo so viele Reiche zusammen stürzen, les' ich den Verfall des römischen .

Wollen wir dem Himmel danken daß wir von keinem Thron herunter fallen können und Freunde haben wie ich Sie!

Em.

Zitierhinweis

Von Emanuel an Caroline Goldschmidt. Bayreuth, 12. Januar 1809, Donnerstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1297


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Textgrundlage

Hk: ehemals Slg. Apelt,
2 Bl. 8°, 3 S. Auf der Rückseite von S. 1 Briefschluss von B von Caroline Goldschmidts Hand.


Korrespondenz

Die Briefabschrift beginnt auf der Rückseite von B.