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Korrespondenz

Von Heinrich Voß an Johann Heinrich und Ernestine Voß. Heidelberg, 16. Juli 1817, Mittwoch

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Heidelb. d. 16 Jul. 1817.

Ich muß noch einmal nach dem Norden hinschreiben, daß hier alles wohl ist, und vergnügt; und daß mir überall, wo ich hin komme, Grüße an die lieben Eltern aufgetragen werden. – Daß Welckers Vater hier ist, werd' ich schon gemeldet haben: ein guter jovialer Sechzigjähriger, der überall dabei ist, wo die Freude frohe Herzen versammelt. Er kam mit seinem Sohn , als ich meinen Punsch gab, wiewohl es der erste Abend war, den er im Kreise seiner Kinder zubringen konnte. Unsre Fahrt auf dem Neckar war wunderherlich. Ich hatte den gescheuten Einfall mit Hegels und Jean Paul einen Wagen bis Neckargmünd zu nehmen. Damit war uns vieren, und noch mehr der Gesellschaft gedient. Denn als das Schiff mit 80-90 Personen um 9 Uhr in Neckargmünd landete, und die Gesellschaft schon sichtlich ermüdet war von der langen Fahrt, da kam neues Leben durch Jean Pauls Erscheinung. Als die zweite Ermüdung eintrat, und der Hunger obendrein, ward gesteuert durch eine wahre Unermeßlichkeit von Speisen aller Art, und durch sehr guten Wein, und so gings lustig fort bis an den Schluß des Tags, wo jeder froh zu Hause ging. Wenigstens 5 Kähne landeten von Zeit zu Zeit an unser Schif, um dem lieben Jean Paul ein Hoch zu bringen. Daß dieser ein arger Säufer sei, ist nicht wahr, das sagen ihm Kerle wie Hartung nach, die sich beleidigt fühlen, wenn er ihnen abräth, der Muse zu fröhnen. Ich bin oft des Abends bei ihm, wenn er sein einsames Mahl hält, und dann hat er nicht mal Wein auf dem Tisch. Er könnte auch nicht so blühend gesund aussehn, und so kräftig sein, wenn er Hartungs Beschreibung gliche. Nie in seinem Leben ist er krank und bettlägerig gewesen. Eine wahre Freude ist es, ihn in Gesellschaft zu sehn, die Hartnäckigkeit und dabei unbeschreibliche Gutherzigkeit, womit er disputirt, |2 z. B. neulich bei Hegels, wo es über den Judas Ischarioth herging. "Um Gotteswillen", sagte er einmal zu Hegel und Creuzer, die fast ausgelassen waren mit außerwesentlichen Einfällen, "um Gotteswillen lassen Sie den Wiz unterwegs, und lassen Sie uns bei der Sache stehn bleiben." Aber es kam zu keiner Entscheidung, und am Ende wußte man kaum wovon die Rede war. Alles mischte sich hinein, selbst Fräulein Taucher . Sonnabend Abend brachten ihm die Studenten einen Fackelzug , anständig und würdevoll. Er ging sogleich hinunter, und foderte aller Hände; und nun war es in der That ein schöner Anblick, wie alles sich um ihn drängte. Herliche Worte sprach er dabei, die den deutschgesinnten Jünglingen ans Herz gehn mußten. Als Jean Paul zurück kam, war er ausgelassen vor Freude, wirklich wie ein Kind, dem zum erstenmal ein Weihnachten bescheert wird. "Die ganze Nacht hab' ich davon geträumt", sagte er mir den andern Morgen, als ich leise in sein Zimmer schlich, um ihn für die Neckarfahrt zu wecken. – Mir ist Jean Paul über alles gewogen. Er hält mir überall die größesten Lobreden; und daß das lästige Sie zwischen uns schon verbannt ist, werden die lieben Eltern natürlich finden. Gestern Abend erhielt ich von Munck, Hegel, Creuzer und Schweins die Bitte, ich möchte die schnell eine Facultätssizung berufen. Das geschah, und alle erschienen. Nun ward ausgemacht, ihm sollte ein Doktordiplom feierlich überreicht werden. Alle waren einstimmig, anfangs Langsdorf nicht, der die Meinung hatte, Jean Paul sei wohl ein guter Mensch, aber kein recht ordentlicher Christ. Wie ihm aber Hegel mit der größesten Ernsthaftigkeit ein recht komischen Beweis führte, er sei ein ganz prächtiger Christ, stimmte er in alles ein. Ich sagte Langsdorfen, auch Shekspeare sei oft Mangel an Christenthum vorgeworfen, aber das beruhte alles auf Beschränktheit, und pfäffische Frömmelei; und dabei überschüttete ich ihn mit Stellen, wo vom Teufel, von der Hölle, vom Abendmahl u. s. w. die Rede ist, und alles ward für unschuldig erklärt. Heute Morgen in aller Frühe [...] brachte ich folgende Worte in die Druckerei: Quod Deus bene vertat – – – – – – Nos Decanus, Senior, Reliquique Professores – – – – – – – in virum clarissimum, |3 nobilissimum, generosissimum, Johannem Paulum Friedericum Richter, Curio-Variscum (Hof nehmlich, wie ich im Büsching fand, heißt Curia Variscorum), Serenissimo Duci Hilperhusano a Legationum consiliis, // poetam immortalem, lumen et ornamentum Seculi //, decus virtutum, principem ingenii, doctrinae, sapientiae //, Germanorum libertatis acerrimum assertorem //, fortissimum debellatorem pravitatis, mediocritatis, superbiae //, virum qualem non candidiorem terra tulit, // ut dotibus ejus omni concenta consensuque laudis nostrae sublimioribus // tribueremus amorem pietatem, reverentiam, doctoris philosophiae et liberalium artiam magistri nomen privilegia et jure rite et honoris causa contulimus etc. Nicht wahr, lieber Vater, das heißt den Mund etwas vollgenommen; aber mit geringerem konnte man nach dem eingeführten asiatischen Stil der Universitäten nicht füglich abkommen. Den Studenten hab' ich die Freude gemacht, daß ihre Anrede beim Hoch, fast wörtlich übersezt, mit aufgenommen ist . Eh' ich in die Druckerei ging, sprach ich bei Jean Paul vor, um ihm seine etwanigen Würden und Titel abzufragen. Er hat keinen einzigen, seinen Legationsrath abgerechnet; über mein Begehren aber war er sehr betroffen, um so mehr, da ich auf der Stelle ging, als ich wußte, was ich wissen wollte. Um nun doch nicht selber ihm die Lobsprüche ins Gesicht zu werfen, hab' ich, als Dekan, Hegel u. Creuzer beauftragt, Morgen früh das Diplom in einer saffianen Kapsel zu überreichen. Jean Paul mag seine innere Freude haben, daß ihm hier so viel Ehre und Liebe wiederfährt, aber von Eitelkeit merk' ich auch nicht die leiseste Spur. Eine russische Frau Generalin, die ihn bei Schwarz gesehn, hatte gesagt: "Aber, mein Gott, woher kommts, daß die Damen alle so über diesen Mann frohlocken? Er sieht zwar gut aus, aber so schön ist er doch nicht?" Prächtig! Also wenn er nur etwas Adonismäßiges aufzuweisen hätte, so wär' ihr alles in Ordnung gewesen. Jean Paul, dem ichs wiedererzählt, hat mächtig drüber gelacht |4 und solcher Abgeschmacktheiten fallen viele vor. – Seit Montag haben wir fast anhaltendes Regenwetter, und kühle Luft dabei. Doch zagt keiner. Der nächste Mondwechsel soll alles wieder in Ordnung bringen. Juliane klagt noch immer über Theurung. So weit ich merken kann, wird nichts überflüssiges gekauft, aber es läuft doch ins Geld hinaus. – von Hans u. Abrah. ist nichts weiter da. Da ich beiden und Truchseß, und Gries samt den Schwestern doch auch die Freude machen wollte, von J. Paul etwas zu erfahren, hab' ich eine Art von Gesamtbrief dickleibiges Inhalts angefertigt. Der ist nun bei Hans. Dann wandert er auf die Bettenburg, und so fürbaß. – Diesen Brief aber soll Boie haben. – Wie gern wär' ich mit den lieben Eltern in Lübeck, in Eutin, auf der Reise. Wie müssen sie Freude haben an den kleinen Enkelchen ! Was wird das zu erzählen geben! – Was bedeutendes fällt hier nicht vor; alles wird von Jean Paul verschlungen. Gestern aß ich mit Jean Paul im Hecht, und gegen dreißig Studenten hatten sich um ihn versammelt. Auch seinem Hunde, seinem fünfzehnjährigen Kameraden, wird Ehrfurcht erwiesen. Frau von Ende ist bei all ihren wortreichen Gefühlen [...]doch eine brave Frau. Sie wirkt auf die Studenten, und hat durch ihren Sohn schon manches Duell hintertrieben. Der Sohn ist sehr brav, aber kein Kopf. – So viel heut. Meine Briefzeit, die immer nur kurz dauert, ist um. Jean Paul grüßt die lieben Eltern herzlich. Was er spricht, ist auch gemeint, wiewohl er manchmal etwas übertrieben spricht. Das macht seine zügellose Fantasie.

Euer lieber und liebender SohnHeinrich.
Zitierhinweis

Von Heinrich Voß an Johann Heinrich und Ernestine Voß. Heidelberg, 16. Juli 1817, Mittwoch. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1339


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Textgrundlage

H: Universitäts- und Landesbibliothek Münster, N. Bäte, 1,12
1 Dbl. 8°, 4 S.

Überlieferung

D: Ludwig Bäte, Kranz um Jean Paul, S. 20-24.


Korrespondenz

Mit dem Brief vom 19. Juli 1817 verschickt.