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Weimar 2 März 95

Ich bin wieder in Deutschland, liebe L. und das muß eigentlich alles seyn, was Sie heute erfahren, da nun Ihr Verstand und Ihr Herz erst bestimmen mögen, wohin Sie mich rechnen, ob Sie mich in's alte Register setzen oder in Ihren neuen Meßkatalog einrücken, mich bastilleartig à l'oubli verurtheilen oder in jene Gottheit den Thiton verjüngen wollen?

Von meinen bisherigen Schicksalen nichts schriftlich. Ich haße das Erzählen, gut kann ich nur über Geschichten meiner Empfindungen schreiben und darüber tacet da eben wenn ich wieder etwas werden sollte meine Empfindungen eine Pause von ein paar hundert Takten machen mußten. – Nur so viel! ich war vor'm Jahre in Berlin, wo ich meine liebe gute L. nicht fand, weil sie verreißt war, und also mit noch schwererem Herzen nach |2 dem Norden reißte. Ich war in Reval, Riga, Petersburg zweimal und kam vor vierzehn Tagen, da ich indeß an Niemand geschrieben und Spaß dran gefunden hatte lebendig begraben zu seyn, in diesen Gegenden an – der Tag vor meines Vaters Tode !

Mein Vater war einer der edelsten und besten Menschen. Mein Vater liebte mich unbeschreiblich. – Denken Sie das und denken Sie wie ich lieben kann! –

Nun bin ich in Geschäften verscharrt, die alle mein Projekt verdünnen, denn ich war noch rußisch und sollte es noch bleiben , nun geht's nicht und ich stecke an dem gehaßtesten, verachtetsten aller Orte , vielleicht noch auf Monate, um dann – ja um dann, so hoff' ich, verklärt aufzustehen aus diesem Grabe und Sie, wo es nur angeht, gleich zum ersten Zeugen meiner Verklärung zu machen.

|3 Ich sehe hier in diesem Neste Niemand als Herder und manchmal Wieland. Erstrer ist mir sehr gut geworden durch meine Schrift über Humanität, die seinen Ideen sehr entspricht. Leztrer ist mir zu manierirt.

Schreiben Sie mir, Liebstes Mädchen, damit ich Ihnen hernach recht viel schreiben könne, izt mag ich nicht.

Kennen Sie denn ein Buch: Bettina? ich möchte Ihr Urtheil davon wißen, es soll's ein thöriger Mensch geschrieben haben, der sehr gut für Ihr Volk gesinnt ist.

Adieu, Adieu, laßen Sie mich nicht einen Posttag vergebens warten – denn ach alles warten und nicht blos nach dem welschen Sprichwort: stare in letto e non – – pp ist unausstehlich.

Viel herzliche Grüße an die belle devote.

Immer der selbe
Friedrich vonOertel

Zitierhinweis

Von Friedrich Benedikt von Oertel an Rahel Levin (Varnhagen). Weimar, 2. März 1795, Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1399


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin V, 136
1 Dbl. 8°, 3 S.