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(Antw. ii Nov.)

Emanuel.

Würzburg i Nov.

Prächtig allein – nicht allein allein – fuhr ich bis Bamberg; aß und trank Deine Gesundheit u meine; dachte unter vielem etwa auch folgendes: Recht frei, glaub ich, soll unser neuer Briefwechsel werden. Keiner soll schreiben sollen, als wenn er von innen muß. Denn ich überzeuge mich immer mehr: der wahre Brief ist das wahre lyrische Gedicht, d. h. das improvisirte.

Wollte in Bamberg zu Marcus, der verreist war, hatte schrecklich zu laufen nach Fuhrleuten, da die Post schon vollgepfropft war, überdieß umfährt, fand endlich, und zwar die Krone aller Fuhrmänner, die mich 2 kostete, dazu 2 mitfahrende Studiosen, die mich nichts. Jünger Schelling’s, aber zu junge. (Ich selber habe darunter so vernünftig dazugesessen u erzählt, daß ich mich darum loben mußte u muß. Bessert mich Euch, Ihr Besseren, für die Schlechteren bin ich schlecht gut genug.) In Würzburg

Offenbach 6. Nov.

stieg ich im bair. Hofe ab, fand gleich wieder einen Frankfurter Kutscher, der wieder seinen dritten Mann an mir fand, für "Morgen" Mittag – konnte also den Vormittag auf den Würzburger Taubenmarkt gehn u von da zum herrlichen lebensweisen Wagner, der mir sein (gegen Schelling) die Weltweisheit (Spekulazion) auf den Menschen (die Lebenskraft) zurückführendes System in wenig Worten u Blicken hell bestrahlt hatte , daß ich ganz warm von dem Warmen ging – fuhr darauf ab mit meinen 2 neuen Reisegefährten –

Beiläufig: Dieses schnelle Fortkommen überall auf der Straße, sollt' es nicht für das Fortkommen in der Welt ein annehmlicher Bürge seyn? Uhlfelder entscheide!

Die ganz andern Leute waren als die ersten, nemlich feine u höfliche, wie sie dann schon über den Einsitz mit mir komplimentirten. Frankfurter Kaufleute solltens dem Kutscher nach seyn, aber sie wiesen sich mir bald anders aus, als nach einer Pause der jüngere von beiden anfing: Die gröste Merkwürdigkeit von Würzburg ist wohl gegenwärtig (Schelling od. der Steinwein, die Universität od. die Messe mußt' ich wenigstens erwarten) eine kleine Bildersammlung aus Moos, die wir auf dem Schloße besehen haben u. s. w. Denn ich werde mich hüten die Beschreibung weiter zu beschreiben – und mich dann nach den Merkwürdigkeiten des von mir schon gesehenen Frankfurt fragte. Es waren also, wie ich nun wohl sah, sogenannte Reisende, (reißende Thiere auf fremde Thiere), Beobachtungssammler, Tagebuchführer, würdige Besucher von Sehenswürdigkeiten, was mir der Himmel hier zugeführt hatte. Zumal der junge Mann sprach wie ein Buch, nur vom ältern zuweilen (seltner von mir) unterbrochen und (gelind) aufs Maul geschlagen; ich erfuhr, daß sie Ungarn, vor Kurzem noch in Dresden u in Wien waren, wo sie von Verwandten sehr gut amüsiert wurden pp – kurz wir sprachen (denn ich fing zuletzt auch topographisches Feuer) 2 Posten lang ununterbrochen, eh wir auf der dritten eine Entdeckung machten, die unsere bisher nur dialogische Friktionswärme in helle Flammen emportrieb, unsern niedrigen Kutschenhimmel in einen Tanzboden verkehrte. Wo haben Sie diesen Kalmuk gekauft? fragt ich meinen links sitzenden Nachbar, den jüngern, indem ich einen Zipfel seines Schanzloopers zwischen Daumen und Zeigefinger rieb – "Ganz kürzlich, in Leipzig." – Ich nahm mir die Freiheit meinen Landsmann an dem Schanzlooper zu begrüßen, mußte aber gleich um Verzeihung bitten, denn es war englischer. – "Wir haben in Leipzig unseren Bekanntschaften gemacht," hob der etwas pedantische Aeltere den Reisebericht wieder an. – Kennen Sie, unterbrach ich ihn, etwa das Haus meines Bruders Th & Bassenge? "Ihres Bruder" fragten beide u sahen sich lächelnd an. –

Ja. – Wirklich Sie machen keinen Spaß, Herr Thieriot in Leipzig ist Ihr leiblicher Bruder? – Ich betheuerte, daß er es sey, ja was noch mehr, ich sey seiner. "Nun so umarmen Sie hier" sagte der Aeltere, auf meinen froh verstummten Nachbar deutend, "einen –

|1 — Aber Ihr brennt schon lange nach Prospekten von Offenbach, und ich im Grunde noch mehr, sie zu geben. Aber Nur wegen der schon oft genug versäumten Post, oder soll ich sagen um der Erhöhung durch Kontrast willen, will ich das Gemälde der Ordnung, den Entwurf meiner hiesigen Einrichtung, einmal ganz unordentlich geben, gleichsam zerstükt und mehr zum Zusammen (Aehren-)lesen als zum (Linsen-)Lesen gemacht.

– – – 7. Morgens

Mein Zimmerchen ist allerliebst, aber im Winter wird es leicht kalt, besonders das Schlafkämmerchen – Hanjürge! "Was befehlen Sie, Herr Thieriot" Legen Sie Leg' br Legt mir Holz draußen vor den Ofen, damit ich selber nachlegen kann. – Hanjürge! "Was befehlen Sie, H. Th.?" Bestell t ' Er mein Essen ab, ich esse heute bei dem Kobes. (Kobes, Jakobus, heißt hier im Musikhause mein d'Orville, der Neveu des "Herrn Bernard")

|2 – An 2 Dinge, das sag ich Herrn Bern. sobald er mich wieder fragt, wie mir mein Logis gefällt (Sonntags früh , da er mich zum erstenmal fragte, konnt' ich von diesen 2 Dingen noch nichts wissen) werd' ich mich noch gewöhnen müssen, erstens, nicht ungehört studiren zu können, zweitens nicht ohne fremde (auch Geigen) Studien zu hören, durch [...] wenig mehr als Brettwand.

– Mein Zimmerchen ist die artigste Mansarde – selber Uhlfelders und der Ella ihre nicht ausgenommen, die ich je sah, voll Tische, Schubfächer, Kommoden (das ganze Zimmer selbst ist die zweite) niedlich bemalter [...] pappener Wandschränklein, vor denen ich gerade sitzend schreibe, und überhaupt voll. So ist aber auch das ganze Haus, das Musikhaus heist es, und liegt ganz isolirt am Ende von Offenbach wie auf dem Lande.Vor meinen Fenstern liegt fast gerade aus Frankfurt, und für mich noch gelobtes Land, aus eigner Lustraffinierie, und etwas mehr rechts der |3 Feldberg. – Du kannst schon bei m D ir wohnen, Emanuel, vollends im Frühjahr.

Das Essen kann ich oben haben, wenn ich will (es reicht freilich Deinem nicht das Wasser in der Fleischbrühe) ich verzehr' es aber gewöhnlich mit 2 Collegen und einem Eleven von mir (ein wilde r s Knabe kleines Hausthier , d er as mir sehr zu statten kommt) unten bei der Mamsell Hofmann, der Sängerin – etwas häßlich, aber gut und das Witzsprudelndste was ich in dieser Gattung kenne – Ex-Freundin der hiesigen Schukmann (bei der ich also auch war, und Deine ihre Bücher leider sind, aber Dein Geld noch nicht bei mir od. sie nicht bei dem Gelde) – Dahin trägt Mittags und Abends jeder sein Brod, und findet seine besonders angerichtete Portion, mit nebst denen der andern, womit er einen Detail-Tauschhandel anfangen kann wenn er will.Es ist bis auf die Hunde dabei, eine der besten Gesellschaften die ich kenne.

– Was war doch die Redensart, in die ich meinen Briefen abgewöhnen soll, Emanuel? Es Sie kam mir jetzt zugleich in den Sinn und aus dem Sinn. Sag mir sie wieder.

|4 Sonnabend Abend kam ich in Off. an, Herr Bern. war nicht zu Hause, ich ging ins Theater, wo ich gleich an der Thüre meinen alten Correspondenten d'Orville fand, der vor 4 Stunden von seiner langen Reise zurükgekommen war. Er führte mich sogleich im ganzen Parterre (zugleich dem ersten Rang) herum, und mehrere Personen embraßirten mich als den erwarteten Wiener Todter [...] w eker der Musik in Off. Ich zog noch an demselben Abend aus dem Gasthof wo ich abgetreten war, in mein fertiges Logis, wobei mir mein Nachbar u. Violino secondo Nenninger und Violoncello Mangold halfen. Sonntag früh ging ich zu Herrn Bernard, der so war wie Du ihn denkst, sehr artig und sehr klug, mir eröffnete (Dir zum Trost) daß "da meine Wünsche nicht dahin zu gehen geschienen" Hr. André Musikdirektor bleiben und ich es nur im Fall v. dessen Abwesenheit seyn solle; (also "Erster Geiger") Dann wurde sogleich Quartett auf morgen bestimmt, Montag Abend. Da debütirt' ich in 3 Quartetten, wovon das 2te beßer als das erste, das 3te aber am besten gelang, nämlich gut, und mir den Sieg über auch dikere Herzen und Ohren mit einem solchen Amors- wie der Violinbogen ist, wo nicht völlig gewann doch völlig versichert. – Die Musikbibliothekatur tret ich noch an.

Thieriot

Zitierhinweis

Von Paul Emile Thieriot an Emanuel. Bamberg, Würzburg und Offenbach. 31. Oktober bis 7. November 1804, Mittwoch bis Mittwoch. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1560


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Textgrundlage

h: BJK, Berlin V, 138
Briefkopierbuch der Briefe Thieriots an Emanuel, H. 1, S. [43]–[46] bis "einen –". Fortführung: Thieriots Brief vom 9. bis 17. November 1804 an Emanuel. Im Briefkopierbuch fortlaufender Text, die Datierung 9. November auf Thieriots nächstem Brief fehlt hier.

D: Abend-Zeitung, Nr. 5, 6. Januar 1843, Sp. 37–38 (unvollständig).

H: ehemals Slg. Apelt,
1 Dbl. 8°, 4 S.

Überlieferung

h: BJK, Berlin V, 138
Briefkopierbuch der Briefe Thieriots an Emanuel, H. 1, S. [47]–[49].


Korrespondenz

A: Von Emanuel an Paul Emile Thieriot. Bayreuth, 11. November 1804

Durch eine Magd bestellt. – Der erste Briefteil ist nur als Abschrift im Kopierbuch der Briefe Thieriots an Emanuel überliefert. Aus der Abschrift geht nicht hervor, dass der Brief (offenbar am Ende eines Doppelblatts) mitten im Satz endet, sie fährt nahtlos mit dem nachfolgenden, in der ehemaligen Sammlung Apelt überlieferten Brief Thieriots vom 9. und 17. November fort. Dass die Abtrennung korrekt ist, geht aus dem Beginn von Thieriots Folge-Brief hervor sowie aus einer Bemerkung Emanuels in seinem Antwortbrief vom 11. November 1804: "Wer war denn der Bruder, der 'einen' den Du im Wagen fandst?" Offenbar hatte Thieriot, um sein von Emanuel im Antwortbrief moniertes Schweigen nicht zu verlängern, den Brief abgeschickt, ohne ihn zu beenden. – Dass der zweite, in der ehemaligen Sammlung Apelt überlieferte Briefteil zum ersten Teil gehört, geht aus Emanuels Antwortbrief hervor, der sich auf einzelne Passagen bezieht. Im Briefkopierbuch wird er dem Brief vom 9. und 17. November zugeordnet.