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Offenbach 1. Jan. 5
Abends

Emanuel! Meine erste Zeile im neuen Jahr und jüngste im alten (die Adreße auf dem Brief gestern .)! meine [...] ste reotype hende Schrift! – Wo man Neujahr feiert, da ist auch NeuJahr: laß mich sehen, ob ich heute noch so etwas erleben kann.

Dazu gehört freilich, daß eh ich weiter schreibe, mein Zimmer aufgeräumt, ich ausgezogen, schwarze Wäsche für morgen gezählt und Finger weiß gewaschen seyen – Alles geschah nicht, aber Viel. – Noch Weiße Finger schreiben Dir.

Wie ist heuer Alles anders wie vorm Jahr. Ich sehe mich nach der Hausfrau um; mit B. kann man doch nicht ganz und gar unisoniren und raisonniren; mein zwar zu bescheidendes Buhlen (mehr in Nichtbuhlen und Zurükziehen bestehend) will mir doch gar zu wenig |2 eintragen (heute Nacht früh punkt 12, wo auf einen Mangoldschen Paukenschlag nach dem ersten Glokenschlag ganz Offenbach in dem zum Speisesaal verwandelten Theater sich embrassirte / umhalste und drükte und drängte u. Prosit und contraprofit rief, sagter / einem expreß in der Nähe gebliebenen nur: "Gott erhalte Sie lieber" der darüber Versäumniß hatte) und ich merke daß ich auch das Dienstverhältniß auch darum so leicht u lustig nehme, weil es den 1ten May aus seyn kann. Dennoch unterschreib ich noch jede Zeile von vorgestern. – Die Erklärung ist: vorgestern hatt' ich mein liebes Conzert noch zu geigen / mitzutheilen , und heute hab ichs gegeigt / mitgetheilt.

4ten Abends

Uebrigens begann hier ein neues Jahr mit Zahnweh und (entgegengesetzt den Zahnwehen der Kinder) Zahnbrechen u spanischen Fliegen. Jetzt ist fast Alles vorbei. –

Eben fällt mir wieder Dein |3 Wort ein: Aller Menschen Leben ist mir Poesie (Allegorie des Menschenlebens) außer meines, und Dein 2tes: Nur Gegenwart giebt nur Prosa; Vergangenheit, noch mehr Zukunft, Poesie. Warum wolltest Du nicht beide Worte vereinigen u. berichtigen durch einander, warum wolltest Du nicht auch in Deiner Vergangenheit u. Zukunft Gottespoesie sehen?

So gut als Du z. B. in meinem Leben eine allegorische Person bist, so gut muß ich eine (ich hoffe gut geartete edle ) in Deinem vorstellen. Daß Du vielleicht nur ⅛ ahndest, welche, (so wie ich von Dir) ist mein Glük: denn ich habe schon oft gedacht, die völlige Bedeutung eines Menschen andern für sein Leben erkennen, [...] müßte so viel seyn wie jenen für sich irrdisch vernichten u todtschlagen – so wie sein Leben völlig begreifen, deßen Auflösung nach sich zöge.

|3 So hast Du sicher als einer Mensch oder Erdball Deine Schöpfungs- und Weltgeschichte und deren merkwürdigste Epochen bis zum Messias den Du noch erwartest, und zum jüngsten Gericht.

Das sind von den Sachen, die Richter, besorg ich immer, als Gleichniße paßiren und selber fahren läßt. Für mich u. Andre sind es Ideen / GleichungenGlaubensartikel im für den gemeinen Lebenslauf – Gegenstände des Wißens, die wahrsten der Wahrheiten für den Moment der Erkenntniß.

5ten früh

Freund, Du bist es gewohnt, Deinen Freund sich in seine Weisheit verfitzen zu sehn – ich kann also diesen Zipfel meiner Zipfelmütze als Zipfel laßen.

Zugleich mit diesem Brief auf für die reitende, schik ich Richters seine Briefpak für die fahrende auf die diligence – sey so gut, und lege seine Halbporto Auslage für mich aus. – Die elenden 2 Carolin (weil sie sich 2 Carolinen nennen) liegen längst bereit, aber in Silber. Mein erster Einkauf soll Gold seyn.

Grüße Hamburg. Schreibt er nichts von Mumssen (meines Bruders Adreße)?

Zur Alten La roche führte man mich hier. Aber zur jungen Bettine Brentano in Ffurt will mich keine Seele führen. Es ist die Schwester des abwesenden GodwiClemens Br. – Am End tröst ich mich. – Adio, Emanuel. Schreib!

Zitierhinweis

Von Paul Emile Thieriot an Emanuel. Offenbach, 1. bis 5. Januar 1805, Dienstag bis Sonnabend. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1568


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Textgrundlage

H: ehemals Slg. Apelt,
1 Dbl. 8°, 4 S.

Überlieferung

h: BJK, Berlin V, 138
Briefkopierbuch der Briefe Thieriots an Emanuel, H. 1, S. [54]–[56] (unvollständig).


Korrespondenz

A: Von Emanuel an Paul Emile Thieriot. Bayreuth, 16. Januar 1805

Präsentat: beantw. 16 Jan. 5.