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Korrespondenz

Von Paul Emile Thieriot an Emanuel. Offenbach, 7. und 8. Oktober 1805, Montag und Dienstag

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Off. 7. Okt. 1805

Mein Sokratide! Dein werthes vom 1ten fand im "bei mir" so wenig aufzuräumen – bloß einen Hosenträger that ich von der Eßkommode – daß ich Dein Lob durch Enzel lesen konnte ohne röther zu werden.

8.

O ich wollte Du hättest sie gesehen, oder ich könnte sie Dir bringen zum Sehen, diese wieder beßere und brävere und wohl würdiger- als werthere!Emanuel, ich habe Dir schon so unendlich viel u. Verschiedenes in Geistkonzepten über sie geschrieben (denn das Geschriebene ist so viel wie nichts) daß es mir unendlich sauer ankommt, drunter zu wählen: denn schriebe ich Dir die erstbegegnete meiner überläuferischen Ideen über dieß Feld: so [...] schrieb' ich Dir nur Trübniß und Verdruß.

Wiße zuvörderst: mir ist sie nicht gefährlich – denn ich bin (Gott weiß für welch Vergehn meiner abwegvollen Phantasie) kälter als Eis für das Geschlecht in ihr. |2 Und nur Mitleid und etwas heimliches (zwischen mir und Dir:) – ich halte sie, zuweilen, für meinen Genius – könnte einen gewißen Scheu vor ihrer Nähe u. unwillkührliche Grausamkeit Rauhigkeit in mir – doch nicht überwinden.

Denn ihre Leidenschaft – höre nun – ist von der Art, daß ich fürchte, sie geht darüber zu Grunde. – Nicht nur so kindisch besessen scheint sie, daß sie z. B. kein Waßer trinkt, wenn ich es ihr nicht entw. selber vom besten Brunnen hole oder durch meine sichereren Leute geholt bringe – was ich dennoch meist unterlaße u. schon viele Wochen wieder zuerst unterlaßen hatte als ich zufällig diese Eigenheit (für die sie freilich deren / gleich denVorwand hat) fluchend wahrnahm – das Jagen nach der GutenNacht-hand brachte mich schon zum Wegbleiben den and. Abend – sondern auch so wahrhaft treu zugethan scheint sie, daß sie wünscht sie könnte sich für den gedachten Gegenstand zu Tode arbeiten, und daß sie in mir "etwas Erstes" liebt, was ihr in einer Art erschien; und diese Verehrung "des Ersten, worin sich hienieden das Eine offenbart" diesen meinen ersten Satz (bei Dir leicht etwas ersteres als ein Satz) scheint sie nicht bloß zu zweit, von mir zu haben.

|3 Uebrigens haben wir uns schon im August, u. neulich fast sogar in Hörweite ihres Bruders (der ein guter Mensch aber fast zu kalter Bruder ist) deutlich u. breitläuftig gegen einander erklärt – sie (unter Andern, daß sie mein Abreisen nicht denken könne, – mit beßern Worten -) ich, daß ich bei einigen Freunden wie bei Ihr, nicht viel nach Nähe frage, und bei Ihr selbst, es "am liebsten mit 3 Meilen vom Leib" hielte.

Nun weiß ich nicht, ob so dürre Worte die Weiber verführen können. Kurz ich werde immer weniger frei von ihr, und wenn ich zuweilen sogar ohne Abschied fortgehe

Eine Zeitlang wollte ich, was ich verworfen habe, ihr schlechter erscheinen, that bei Tisch nichts als freßen, las nichts mehr vor, sah sie nicht an, sprach von meinen falschen Zähnen. Das half all nicht, daß sie nicht, als der Luftballon stieg u. sich gleich schön empor schwang, meine zurükziehende Hand ergriff u. an sich drücken wollte, und mich mit ihrer stotternden Art dabei "O laßt mir" so u. ihrem Wesen so störte daß ich den schönen Moment schlecht genoß.
, so folgt mir ihr klagendes Bild.

|4 Uebrigens – hab ich zwar schon geschrieben – ahn' ich in ihr, ohngeachtet sie vergeßlicher, unordentlicher und etwas weibischer plauderhafter ist (sie entschuldigt sich wegen des 2ten immer mit der wirklich elenden Wirth- und Pensionshaushaltung, wo ihr sogar ihre Lust, die Küche, versagt ist) etwas beßeres als mich. Sie hat gewiß den allertiefsten Sinn / Ernst für alles Schöne und für das Tiefste. Die "Unordnung" möcht' ich widerrufen: Es ist hoff ich nur Richtersche Ordnung bei ihr.

Nachts.

Schließlich war ich eben dort. Mit einer Bouteille in der Tasche (ich kontribuire frei nach Willkühr u. Vermögen zum Abendtisch) einem Teller ganz gekochter Pflaumen in der Hand, u. dazu einem Stük Butter in ausgehöltem Brod, konnte ich so spät ganz incognito über die Gaße gehen und noch dazu meinen alten Wiener Hut aufsetzen. – Einen neuen unächt Englischen hab ich in Frft. für seine zu große Schwere zu schwer bezahlt. Dafür hab ich es durchgesetzt, ein paar Stiefel hier machen zu laßen, die mir ziemlich paßen. – Seit Weihnachten verwahr ich schwarzes Tuch zu einem Rok, gegen die Motten u. die schlechten Beutel S s chneider in Off.

|5 Meinem Bruder hab ich Deine Worte kopirt.

Ich weiß kaum soll ich Dir und mir und ihm eher Glük wünschen zum Wieder Israel , als meinem versäumischen – es gedenken, wegen der Bachof . Haben wir doch einem feindlichen General Musik gemacht. Warum konnte sie sich in ihr Quartier kein Quartett bestellen?Adreßire mir künftig diese Caroline beßer u. empfiehl mich indeß ihr.

Sterbend ließ Dich Unruh grüßen, sterbend / scheidend für mich in Franzensbad Herder . Seine Rührung in der Umarmung (ich war ja Blei und lauter Höflichkeit) "Grüßen Sie mir Richter – auch Emanuel grüßen Sie" wird mir immer rührender.Aber achte auch unsern Lebegruß, und bleib mir leben, Du!

Thieriot.

Ich weiß noch nicht ob man mich veranlaßen wird hier zu bleiben.

Sprich: wenn ein Weib einen Mann so liebte, daß sie von ihm lebte wie der Mond von der Erde, wie die Erde von der Sonne Licht: – wär er nicht verpflichtet sie zu nehmen, falls beide ledig – oder (sprich nicht auf die dumme Pflichtfrage -): liebt er sie dann sein Geschöpf nicht nothwendig auch in seinem besten Inneren, wenn gleich etwas Äußerliches / Gewölkhaftes, Flekiges an ihm ihn hindert, seiner Liebe bewußt zu werden?

Sprich und ich will sehen ob ich hören kann.

Da das alte immer noch nicht zerbrechen wollte: so – sag Uhlfelder – hab ich mir ein neues Uhrglas gekauft, u. dadurch eine neue Uhr – dem Glanz nach.

Zitierhinweis

Von Paul Emile Thieriot an Emanuel. Offenbach, 7. und 8. Oktober 1805, Montag und Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1618


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Textgrundlage

H: ehemals Slg. Apelt,
1 Dbl., 1 Bl. 8°, 5½ S.

Überlieferung

h: BJK, Berlin V, 138
Briefkopierbuch der Briefe Thieriots an Emanuel, H. 2, S. [2]-[4] (unvollständig).

D: Abend-Zeitung, Nr. 15, 18. Januar 1843, Sp. 115-116 (unvollständig, unter dem 8. Oktober 1805).

Hk: BJK, Berlin V, 138
1 Bl. 8°, einzelne Zeilen (zusammen mit anderen Stellen aus weiteren Briefen an Emanuel, eingelegt zwischen S. 8 und 9 von Heft 2 des Briefkopierbuch der Briefe Thieriots an Emanuel).


Korrespondenz

B: Von Emanuel an Paul Emile Thieriot. Bayreuth, 1. Oktober 1805
A: Von Emanuel an Paul Emile Thieriot. Bayreuth, 22. Oktober 1805

Präsentat: Am 22t beantw. – In einen nicht überlieferten Brief Thieriots vom 10. Oktober 1805 an seinen Bruder Jaques Henry Thieriot eingeschlagen.