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Korrespondenz

Von Heinrich Voß an Abraham Voß. Heidelberg, 15. September 1817, Montag

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Heidelb. d. 15 Sept. Mont.
1817.

Zuerst, liebster Abraham, was uns am nächsten liegt. Der Vater schreibt vom 9 September :

"Unsre Mama hat sich von ihrer Krankheit so weit erholt, daß wir am 12 oder 13. abreisen dürfen. Das Wetter ist köstlich, und verspricht Dauer. Wir nehmen uns 4 Tage bis Braunschweig, wo wir einen Tag ausruhen. Dann, wenn das Wetter gut bleibt, gehn wir in verständiger Eile durch Halberst. u. Halle nach Leipzig, und über Jena so bald als möglich nach Rudolst. zu den neugebornen Hermann. Acht Tage hoffen wir dort zu bleiben u. dann über Gotha zu Dir, mein langentbehrter Heinrich, zurückzukehren. Grüße alles, was Liebe zu uns hat.

V."

Darunter schreibt die liebe Mutter:

"Herzlich freue ich mich wieder selbst euch Lieben zu sagen, daß ich in gewünschter Besserung bin, und tägl kleine Probefahrten mache, die mir voll bekommen. Das soll eine Freude sein, wenn wir uns wiedersehn, mein bester Heinrich, und die lange Reise hinter uns haben. Wie dankbar bin ich für alle Lieb' und Treue, die wir hier gelassen. Wie sehnen wir uns, auch von Heidelb. zu hören, und wieder unter euch zu sein. Wir grüßen alles mit der herzlichsten Liebe."

Am Rande steht: Sanne bi e t tet: "Schreiben Sie doch auch einen Gruß von mir". – Gottlob! lieber Abraham, daß es so steht; so sprechen alle Freunde u. Bekannten mit mir. Ich habe Deine Briefe , die fast zu gleicher Zeit ankamen (der zweite sehr verspätet) mit der größten Aufmerksamkeit studirt; und Conradi u. Tiedemann recht ausgefragt. Überall fand u. hörte ich trost. Gleichwohl wollte sich eine Angst nicht beschwichtigen lassen. Da kamen denn stracks aufeinander die neuen tröstenden Nachricht, und nun ist auch die leiseste Spur von Angst gewichen. Gottlob! daß es so steht mit unsrer lieben herlichen Mutter!

|2 Heut ist Dörnberg noch hier; morgen reitet er nach der Bettenburg, und die Familie folgt übermorgen zu Wagen nach. Was gäbe ich drum, wenn ich Dir den Genuß dieses Mannes verschaffen könnte, wenn auch noch so kurz! Denn glaub' es mir, ihn nur gesehn zu haben erquickt. Leider weiß Dörnb. nicht zu sagen, wie und wohin er von der Bettenburg weiter reist; er erfährt es erst dort. Ich hab Truchseß auf die Seele gebunden, Dir sogleich Nachricht darüber zu geben. Geht er nach Weimar und Jena, wie höchst wahrscheinlich ist, so möchte er etwa Sonntag den 21 in Jena eintreffen, früher gewiß nicht. Später auch wohl kaum; denn sein Urlaub geht mit dem Monat zu Ende. Richte Dich danach; Du willst ja ohnehin den Eltern entgegen. Dann bät' ich Dich um eins: Suche Dörnberg bei Martin auf, und sprich zu keinem über seine Durchreise, als zu den Schwestern, die ihn auch bei Martin sehn müssen. Es könnten sonst Ansprüche auf den Mann gemacht werden. Den Schwestern sende diesen Brief. – Gestern hatte ich einen frohen Tag. Schon halb 6 Morgens kam Dörnberg, um bei mir in der Grotte Kaffe zu trinken, und hinzugeladen hatte ich Hr. von Beulwitz und sein ältesten Sohn (mit dem ausdrücklichen Bedinge, daß die Frau nicht mitkäme), Gatterer, dessen Familie Dörnberg genau kennt, und den jungen Carové, dem ich gern etwas Gutes gönne. So überhob ich Dörnberg der Mühe Zwei Besuche zu machen, und zugleich sagte ich schuldigen Dank für ein Pfund Rheinlachs, das mir Gatterer einmal schenkte.

Mit dem Glockenschlage halb war Dörnberg da, recht soldatisch; die andern ließen auf sich warten. Wir waren sehr vergnügt, sogar Juliane und ihre Schwester, die neulich Dörnberg in seiner herlichen Generaluniform sahen, und ihn der vielen Sterne und Orden wegen für einen Fürsten halten. Alle Augenblick kam eine, und fragte, ob wir nichts zu befehlen hätten. An Dörnberg aber wurden wir ganz irre. Er [...] nahm den alten Münchhausen mit all seinen Lügen in Schuz, zu nehmen und ward |3 im Ernste bös, als wir das Lügen: nannten: "Ich habe dergleichen selber erlebt", sagte er, [...] und fing an folgendes zu erzählen, das ich bloß im Umrisse wiedergeben will. "In einer Schenke bei Zelle kehrt ein Bauerkerl ein, so häßlich, daß sich alle vor ihm entsezen. Man will ihn eben fortjagen, da kommt ein Müllerknecht, noch um vieles häßlicher, sezt sich dem ersten gegenüber, und fordert einen Krug Bier. Beide gerathen, ohne Anlaß, aus bloß gegenseitigem Abscheu, in einen heftigen Streit. "Pack dich, Kerl", schreit der erste, "oder ich reiße dir ein Bein aus" – "Du verfluchter Schwerenöter", schreit der andre, "ich packe mich nicht, und reißest du mir ein Bein aus, so freß ich dich auf mit Haut und Haar."" Nun geht das Zanken erst recht an, und dabei fallen Schimpfreden vor, daß allen Anwesenden die Haare zu Berge stehn. Mir selbst ward schauerlich zu Sinne. Endlich geht der erste hin, und reißt seinem Gegner richtig das Bein aus. Da läuft der andere mit unbeschreiblicher Wut auf den ersten zu, schlägt ihm die Krallen ein, und fängt oben an zu fressen, frißt immer tiefer bis an den Boden hinab, und wie er zu Rande ist, frißt er oben drein noch [...] das Bein [...], in der Meinung es sei seines Gegners Bein." – Wie wir über den Schwank herzlich lachten, ward Dörnberg immer zorniger, und fluchte und schimpfte auf eine fast lästerliche Weise, behauptend, er sei zu jeder Stunde bereit, die Wahrheit seiner Erzählung mit dem Degen zu beweisen. Das ging uns über den Spaß hinaus. Wir kuckten ihn mit großen Augen an, und uns unter einander noch mehr als ihn. Noch ein paar |4 Sekunden hielt er sich; dann fing er laut an zu lachen. Nicht sich hatte er gespielt, sondern einen ehemaligen Kriegskameraden, einen zweiten Münchhausen, hatte er auf das täuschendste nachgemacht. Dieser sei, sagte er, durch allzuoftes Erzählen so überzeugt von der Wahrheit seiner Lügen gewesen, daß er oft blutige Händel deshalb bekommen. Dörnberg hat ein ausgezeichnetes Talent angenehmer Erzählung, um das ihn selbst ein Araber beneiden könnte. Nachher gab er uns zum besten eine schöne Anekdote, wie ein anderer Kamerad einem Landpfarrer in die Mechanick eingeweiht habe. "Ach was", sagt er, "mit Ihren Dampfmaschinen! Bei uns in England giebts ganz andre Dinge!" (Er war aber deß ein Deutscher und nie in England gewesen). "Da haben wir Räder ohne Naben". – "Ei, wie um was laufen denn die? – "Um sich selbst. Und weil hier keine Friction Statt findet, ist die Schnelligkeit unendlich" – "Aber das ist unglaublich!" – "Nicht unglaublich, Ewr. Hochwürden! Ich will es Ihnen beweisen, geben Sie nur Papier her, und Lineal und Zirkel etc." – Nun wird ein weitläuftiger Beweis geführt mit x und y und allen möglichen Winkeln, Zirkeln, Triangeln, Logarithmen; daß der Pfarrer ganz überzeugt wird. – "O, Ewr. Hochwürden! Das ist bei weitem noch nicht alles. Sie wissen, wir haben in England Läufer, die alle zwei Minuten eine englische Meile laufen" – "Ja, Herr Oberster" – "Nun sehn Ewr Hochwürden. An einen Wagen mit solchen Rädern wird ein Läufer gespannt. Der zieht ihn in zwei Minuten eine englische Meile fort". – "Wie, wo –, Herr Oberster?" – "Ei, wie ich Ihnen bewiesen habe; es findet ja keine Friction der Räder statt, folglich keine Hemmung der läuferlichen Schnel |5 ligkeit" – "Ja, so!" – "Nun sehn Ewr Hochwürden weiter! wir spannen zwei Läufer vor; da muß sich die Schnelligkeit verdoppeln; daß also der Wagen in Einer Minute die Meile macht." – "Was? Herr Oberster? Unmöglich! Der erste Läufer brauchte ja zwei Minuten, und der zweite, mein' ich, gleichfalls". – "Ja, Ewr Hochw. jeder für sich, aber nun zusammengenommen, da wird der Fall ein ganz anderer. Kommen Sie, wir wollen es algebraisch und trigonometrisch berechnen". Nun wird ein neuer Beweis geführt, schlagend und überzeugend. – "Also, Herr Pfarrer, wenn vier Läufer vorgespannt werden, in wie viel Zeit wird die Meile zurückgelegt?" – "in dreißig Sekunden, Her Oberster. – "Richtig. Ja, ich versichre Ewr Hochw. es ist eine wundersame Erfindung. Sie kann besonders im Kriege von der größten Wichtigkeit werden. Der Herzog von Wellington z. B. wollte auf die Weise von London nach Glocester reisen. Kaum hatte er sich heut Morgen in den Wagen gesezt, sogleich war er gestern Abend schon angekommen." Dörnberg versichert, auch keine Miene zum Lachen sei verzogen worden, und der Pfarrer sei heimgegangen, um noch tiefer über die Erfindung nachzudenken. – Bis gegen neun Uhr saßen wir zusammen, tranken Kaffe, und aßen Butterbrot, Zwetschen und Maulbern. Dann gingen wir aufs Schloß, wo wir jeden Winkel durchkrochen, auch den gesprengten Thurm bis in die Spize bestiegen. Lange Zeit |6 standen wir am äußersten Geländer, wo man zugleich die Brücke und das Karlsthor überschaut. Dörnberg sprach mit vieler Lebhaftigkeit von dem teuflichen Brückensturm, der durchaus keine andre Absicht gehabt haben könne, als das arme Heidelberg zu plündern. "Den Anführer hätte ich", sagte er, "an den höchsten Galgen gehängt, wär' er mir in die Hand gefallen." Rührend war mir die Äußerung: "Solche Blutfeinde haben auch gar keine Ehrfurcht vor eines Menschen Leben. Wenn sie bedächten, wie viele Sorge erforderlich ist, einen Menschen groß zu ziehn, sie würden sie nicht so leichtsinnig ins Feuer jagen." – Als wir um 11 Uhr zu Hause kamen, ging Dörnberg an den Neckar, um, wie er sagte, nach der Anstrengung sich durch ein Bad zu stärken. Und um 1 Uhr fand ich ihn bei Emilie, frisch, lustig, mit seinem allerliebsten Zweijährigen Mädchen spielen. Den Nachmittag gingen wir halb 80 nach dem Wolfsbrunnen, wo sich viele, die von Emilie geladen waren, an uns schlossen, namentlich Böckh , Wagemann u. s. w. Erst um 8 Uhr kamen wir über den Schloßberg nach Heidelberg zurück. Dörnberg hat in der Gestalt etwas von Jakobi, nur nicht das Don Quixotmäßige und heimliche; auch ist er viel schöner als Jakobi je gewesen sein mag. In seinem Gesichte ist eine Mischung von Kraft, Festigkeit und Weichheit, wie man sie selten finden mag; aber zu beschreiben ist das nicht weiter, außer für [...] vielleicht, der einmal sagte: "Stellen Sie sich ein Paradies vor, so haben Sie unser Sielbeck." Alle, die wir Jean Paul und ihn kennen, sind darin eins, daß er jenem im mindesten nicht nachstehen dar. Aber zwei verschieedenartigere Menschen |7 giebt es nicht. Thibaud wird sich ärgern, daß Dörnberg nicht bei ihm war bloß die Frau hat dort einen Besuch gemacht. Bei Dietenberger und Paulus waren wir, und ein paar Besuche hat er noch ohne mich gemacht. Auch zu Boisserées führte ich ihn. Da hatte er die große Freude Dannecker zu finden, dessen Ariadne er kurz zuvor in Frankreich bewundert hatte. Danneckers Freude an Dörnberg war fast noch größer. Dem schien er zu den Bildern zu gehören. "Ein holziger Kopf", sagte er mir leise, "wär ich nur ein halb Jahr bei ihm, ihn büstiren zu können!" Und immer machte er neue Bemerkungen über ihn, als wenn er ein förmliches Kunstwerk wäre. – Schwarz hat doch gar keinen Takt. Zu seinem Abendthee, den er Dörnbergen gab, hatte er Frau von Ende geladen, eine ausgemachte Napoleons- u [...]freundin. "Wie ist das möglich!" rief ich aus, "als uns das Emilie erzählt, "ein Dörnberg und eine Frau von Ende!" und drauf machte ich, auf Dörnbergs Bitte, eine kleine Schilderung von ihr, die ihn sehr ergötzte, besonders als es an die Äthermühle kam. "Geben Sie Acht", sagte ich, "Frau von Ende wird nicht erscheinen". Und so war es auch. Wofür ich sie noch recht necken werde, wenn ich sie, die nun von hier geht, wiedersehe. Sie ist übrigens eine gute Freundin und Dörnberg sagte deshalb: "er wollte auch recht freundlich mit ihr sprechen." Der junge Hr von Ende, ein gar guter Mensch, sprach auch vor und zu Dörnberg mit aller gebührenden Ehrerbietung. – So eben schicke ich einen großen Korb voll Maulbeeren zu Dörnberg, den ich den Mittag bei Emilie Heins wieder gepflückt hatte. Daß Hr v Dörnberg so überaus hingebend gegen Emilie ist, freut |8 mich. Ein Bruder kann gegen seine Schwester nicht aufmerksamer sein, und die vortrefliche Emilie, die ich täglich mehr schäzen und lieben lerne, verdient so ganz diese Auszeichnung. – Vorgestern bat mich Dörnberg auf das dringendste, ich sollte ihn auf die Bettenburg begleiten: von drei Pferden stehe eins zu meiner durchaus eigenmächtigen Disposition. Ach! lieber Bruder, wie freute mich das; und ich weiß auch, ich hätte gut dazu gehört; aber zu denken war nicht daran. Ich kann so wenig reiten, daß ich sogar an dem selbigen Tage eine Tour nach S Z iegelhausen ausschlug, die zu Pferde sollte gemacht werden. Fries trat ein in meine Stelle. Aber wärst Du doch statt meiner gewesen! Du hättest den herlichen Mann begleitet, und ihr beiden wärt euch recht nahe gekommen. Er kennt Dich nicht, aber er liebt Dich, weil er die Meinung hat, Du seist seiner Frau und seinem Uniko viel gewesen. Laß ihn bei der Meinung, die ja auch ziemlich wahr ist. – Wenn ich einmal in Deinem Briefe lese: "ich habe Dörnberg gesprochen", der Tag soll mir ein Festtag werden. – Da kommt ein Bedienter zu mir mit einer Karte von Himly und seiner Frau, Luise Arends. Heute Nachmittag um 4 Uhr wollen sie mich besuchen; um drei Uhr denk' ich ihne zuvorzukommen. Wollen sie mich aber auf heute Abend in Beschlag nehmen; ich komme ihnen nicht. Was gehn mich die Himlys an; die Dörnberge u Jean Paule sind ein wenig besser und gehn vor.

Zitierhinweis

Von Heinrich Voß an Abraham Voß. Heidelberg, 15. September 1817, Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1692


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Textgrundlage

H: BSB, Vossiana, 46
2 Dbl. 4°, 8 S.