Von Paul Emile Thieriot an Emanuel Osmund. Neuchâtel, 26. Juni 1816 bis 17. Februar 1817, Mittwoch bis Montag

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|1 Neuenburg 26. Juni 1816

Mein Heutiger !

Du warst, wenig ausgenommen, den ganzen Tag hier bey uns, ab und zusteigend in meinen Gedanken und endlich nicht mehr fortgehend daraus, sondern fortgehend darin, Du schreitender jugendlicher Mensch!Möge auch mein Bild sich heiter emporgehoben haben an Dich hin, aus Fernen der Zeit und aus den dummen stummen des Raums, den Federzüge so langsam durchstrahlen, und was dümmer ist, so selten.

Vom gleichen heurigen 26ten Juni (den ich seit Du nach Offenbach schriebst: "Wie kommst Du zum 26ten Juni?" für Deinen Geburtstag hielt, erst gestern, 21. Dez., durch Vergleichung bezüglicherer Briefstellen wenigstens meines Irrthums belehrt) fand sich auf einem Papier an Dich:

26/6 16 Das Wesen, das man seit dem 15. Jul. 1812 nach mir nennt – Könnte ich nur das Wesen u. seine Tugenden in Einer Kindesgesundheit vereint, bald Dir zeigen anders als durch die Dintenstraße, und noch auf irgend einer irdischen Milchstraße hienieden (worauf, wie unter unsern Fenstern hier, Kühe zuweilen oder Morgens Milchleute mit ihren Gefäßen in Bewegung sind.)

|2 (Zwischen Juli u. Decemb.
1816)

Frisch anfangen zu können an Dich, müßen erst Alpen und drükende Alpe unfertig gebliebener Briefanfänge um mich her, überstiegen, abgeschüttelt seyn. Dem Himmel, der eben das Gelingen von allem ist, gelingt es dann leicht, uns noch auf diesem Blatte zusammenzuführen.

Im December.

Ja, "Zeit wär' es wohl."

"Wie"ich "lebe"? Weiß ichs? Begreift mans? Bei solchen Schulden an Lebenszeichen, auch in diesem Schweig-jahre.

Ob Brief und Erziehungsschrift ohne Namen, von meiner Schwester kommen, hoffentlich kannst Du selbst mir noch immer unberichtetem diese Frage jetzt beantworten. Unwahrscheinlich wird mirs durch neuere Nachricht von ihrem häuslichen Wohlseyn, als Mutter jetzt zweier Töchter und eines Knaben.

|3 Der Geschlechtsname "Leipziger" ist nicht unbekannt. "Homann's Hof" heißt nicht bloß unser Hohenthalisches Haus auf der Peterstraße (mein Bruder wohnt aber seit Jahren mit den Seinen in freierer gesünderer Luft vor dem Petersthore, im Sommer gar in seinem Landhause in Connewitz) sondern auch ein anderes am Markte .

Mein Bruder macht jetzt oft 2 mal im Jahre Handelsreisen nach Zürich u. Lyon. – End November überraschte er mich mit Frau und nach mir getauftem ältesten Mädchen Pauline. – Er hatte eben wollen in durch die Leipziger Zeitung einen Reisegefährten suchen, als ihm einfiel diesen in seiner Lebensgefährtin zu finden, die - schwer zwar von 5 Kindern zu trennen (wovon jedoch die 2 älteren Knaben briefwechselnd in Mittheilung blieben) - in Genf bei ihren Geschwistern blieb, während Er nach Lyon flog; auf der Rük f r eise holte er von in Genf sie ab, – und einen Abend und den folgenden ganzen Tag sich und sie uns in Neuchatel gönnend – fuhr er dem in Leipzig gebliebenen Theile seines Hauses über Basel u. Frankfurt in Eile zu. Der Schwägerin sanfte innige Augen fanden den Weg in Eva's Gemüth.

|4 16. Jan. 1817

Gut Jahr meinem Emanuel und seinem Tieriot! Neu Jahr! Das der Eva zu deutschen Menschen um sie herum, und deutschen Menschen und Rheinweins bedürftigen, zu solchem reinen Rheinwein helfe ! , wie Eva schenkt, die der Erde nur Einmal so geschenkte.

17. Febr.

Ich wollte Dir noch erzählen manches von meinem Lebenslauf oder stand (Du bekommst das durch Jette)

Dazwischen kam meine Krankheit u. 3 wöchentliche Licht-sperre.Aber am 27. Jan., mein alter Emanuel, empfing ich Deinen 9ten Januar und Christtagsgabe .Was ich hierauf, noch mit geschloßenen Augen, an Dich gebleistiftet, bekommst gedintet durch Jette.Heute sog ich draußen wieder die erste Sonne und durchsonnte Luft.

Vorgestern ging ein Brief No. 1 (¾ davon von Eva) an Dich geradezu.

Dies hier, durch meinen Bruder in Leipzig, doppelten Liebesmantels bedürftig, ist No. 2, enthält die alten Schulden. Und durch Jettens Hand steht Dir ein No. 3 bevor.

Th.

Zitierhinweis

Von Paul Emile Thieriot an Emanuel Osmund. Neuchâtel, 26. Juni 1816 bis 17. Februar 1817, Mittwoch bis Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1945


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Textgrundlage

H: ehemals Slg. Apelt,
1 Dbl. 8°, 4 S.

Überlieferung

K: BJK, Berlin V, 138
1 Dbl. 8°, 4 S.


Korrespondenz

B: Von Emanuel Osmund an Paul Emile und Eva Thieriot. Bayreuth, 25. Dezember 1816 und 9. Januar 1817

Wohl mit einem nicht überlieferten Brief an Thieriots Bruder Jaques Henry mitgeschickt.