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Gotha den 20. Novbr 1821.

Ich danke Ihnen mit ungeheuchelter Rührung, mir durch Übersendung einiger Ihrer, gewiß nicht unbedeutenden, allerdings, mein guter Wagner, manche schöne Anlage versprechenden, Kunstwerke bewiesen zu haben, daß der Sohn meines verewigten Freundes mein schönes Verhältniß mit dem biedern nicht vergeßen hat; lassen Sie sich, liebes Kind, für den unzweydeutigen Beweis Ihrer Wohlwollenheit dankbar und mit der nämlichen Inbrunst umfahrn, mit der ich den mir ewig Theuren so gern umfing, – lassen Sie sich aber auch von einem arglosen, aber auch Kenntniß-beraubten, Gemüthe sagen, was es bey dem Erblicken dieser anmuthigen Schildereyen, zumahl bey dem Durchlesen Ihres freundlichen Briefes , empfand. Wenn Sie die Kunst lieben, junger Freund, so muß es Ihnen nicht einerley seyn, was ein unbefangener Nicht-Kenner beym Erschauen Ihrer jugendlichen Kunstversuche empfand; ich glaube wohl, daß mein gewagtes Urtheil keinen großen Werth in dem Auge kenntnißreicher, vielseitiger und tief sinniger Richter haben wird, aber eben diese Unwissenheit, diese mir nothwendige Demuth gibt mir das Recht zu dieser seltenen und in einer Zeit, wo die Jugend vergeßen hat, das Alter zu schätzen, wahrhaft seltsamen Anmaslichkeit. So hören Sie denn und zürnen Sie nicht, wenn meine Ansichten nur zu deutlich meinen Mangel an Zeitgeist und Schule verrathen. –

Vier Bilder wurden mir von Ihnen, junger Mann, anvertraut, ich will, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, sie beschauen, wie man mir sie bringen wird.

|2 Hören Sie mich an und verlachen Sie nicht in jugendlicher Sicherheit das Geplauder eines gutmüthigen, aber in der Kunst leider! wenig erfahrenen, Greises!

Der Sturm nach Dahl scheint mir rein aus der Fantasie gezogen und mit mehr Fleiß, als mit Wahrheit, mühsam vollendet; von unsicherer winterlicher Beleuchtung, – alles ist gleichförmig, gleichartig ausgeführt, die entferntesten Heideblümchen wie der Wasserschierling; von Oben herrscht Windbraus, die wie nach Marum verum copirte Birken biegen sich verwelkend zurück, desgleichen: die starren Tannen des Mittel- und des Hintergrundes. Das Wasser scheint mir fester, trockener, federartiger Schaum und etwas zu zerstreut, – und, zürnen Sie nicht, die Wurzel der umgeworfenen Tanne zu geweihartig, und ich möchte, daß wo Bäume sich zu biegen beginnen, zarte Gräser, Farnkräuter und Neßeln längst schon geknickt lägen. Die düstere Ecke rechts, still und mit dem hervorstürzenden Bach- oder Stromfällen contrastirend, gefällt mir.

Das fröhliche Bild, welches Sie eine Morgen-Idylle nennen, und mit Recht nennen, gefällt mir unendlich, ob ihm gleich noch Erfahrung, künstlerische Verschmitztheit und sichere Praxis, wenn ich gestehen darf, fehlen. Die Stutz Weide, die zwey Rhein-Weiden, die etwas dunkler und nicht so monoton gehalten, würden, glaube ich, das Dörfchen in dem Eingange der duftigen Schlucht mehr zurückwerfen; auch finde ich die Bewegungen im Ganzen zu regelmäßig bald von der Linken zur Rechten, dann von der Rechten zur Linken, und wieder von der entgegengesetzten Seite, und verhindern, daß der Strom, dessen Gewäßer auch etwas zerstreut sind, so bestimmt |3 wie ich es wünschte, auf uns hereinstürmen. Ich glaube, daß etwas Bewegliches unter dem schönen stillen Eckchen unter den hohen Bäumen ein sorgsames Vögelpaar um das tiefe Stammloch freundlich und natürlich contrastirt hätte. Der Hintergrund gefällt mir unaussprechlich, weil er hineinwärts, in das Bild hinein, sich entfernend zu fliehen scheint. Dieses Bild wünschte ich mir wohl, dürfte ich manches an den Ebereschin und zumahl einiges an dem Mittelgrunde ändern. Was? kann ich nicht angeben.

Die Nachtscene gefällt mir auch recht sehr, nur nicht ganz die fromme Weinerin deren Beine und Füße zu weichem Moußlin werden, und deren großes Thränentuch eher Schatten als Licht auf ihre Schenkel werfen sollte. Ich wünschte auch, daß manche Horste der Häuser schärfer und dunkler gegen den Himmel abstechen möchten; – eben so möchte ich mehr Tiefe in die untern Hofräume, weil doch mehr der Mond, der sehr glänzend ist, sein Licht schräg von der Rechten zur Linken wirft. Der Reflex des großen Thurms auf die zwey andern scheint mir ein wenig zu stark; das nächtliche Graben einer Todenstelle scheint mir recht traurig, recht geheimnißvoll. Der Rauch aus dem Giebel eines Hauses hat mich schon zweymahl geängstigt, weil ich den Schlot übersah. Der Ritter scheint mir, ein wenig der Richtung des übrigen Monuments zuwider, abwärts gerückt zu haben. Warum immer nur rechts die großen Bäume? einige große Linden hätten uns um den Anblick des pastetenförmigen Rathhauses gebracht. Die Bogen an der sehr dünnen Mauer des Kirchhofs scheinen mir überflüßig, da sie doch nichts zu tragen haben. Ich tadle aber auch, als wenn Sie mich dafür bezahlten, lieber Wagner!

Das kleine Bild ist kalt und heiter und der Wiesen schönes Grün contrastirt recht anmuthig mit der seltenen Himmelsmischung; ich hätte die Schluchten tiefer, den Berg im |4 Mittelgrunde mir näher gewünscht, dann wären noch fürchterlicher, noch schreckbarer, noch colossaler die herabzugleitenden Eisgletscher geworden; abermahls gefällt mir sehr die rechte lieblich-perspectivische, mit einem schönen grellen blendenden Sonnenlichte wahrhaft und malerisch zugleich durchblitzte Ecke; ich hätte in der Leere, wo der Himmel herabzustürzen scheint, einige Sonn-erleuchtende freundliche Wölkchen fröhlich hinauf schillern lassen, röthlicher und bestimmter. Der Wasserfall kann sehr schweizerisch seyn, aber er scheint sehr mit den beyden vorigen verschwistert zu seyn. O! liebes Kind, ich möchte Sie nicht nach der Schweiz mit ihren theuren Landschafts-Fabriken, aber nach dem prächtigen Italien in die romantisch-lyrische Lombardey, nach Neapel der üppig groß- und eigenthümlichen, nach Sizilien, nach dem uneuropäischen ächt südlichen Spanien gehen sehen ! Könnte ich etwas für Sie thun, dürfte ich etwas, rührender mich so angenehm und mild ansprechender Sohn und Vermächtniß meines Wagner, für Sie aus reiner Treue für den Verewigten, aus Liebe für die Kunst unternehmen, ja, könnt' ich, dürfte ich das! ohne in die Rechte Ihres Fürsten und Jugendfreundes allzu rasch und also selbstsüchtig zu greifen, so würde ich Sie, mit Recht geschätzter junger Mann, um ein klares Wort, um einen zutraulichen Wink bitten. – Dies als Antwort auf Ihren mir recht wohlthuenden Brief , liebes Kind! Sprechen Sie dieses Wort rücksichtslos aus, – grüßen Sie Ihr Haus, verkennen Sie nicht meine diesmahl in allerdings gewagte Tadeleyen sich hüllende, vielleicht nur zu aufrichtige Wohlwollenheit.

Ihres verewigten Herren Vaters
treu innigst ergebner Freund Emile
H v Go und Altenburg

Zitierhinweis

Von Herzog Emil August von Gotha an Carl Wagner. Gotha, 20. November 1821, Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB2120


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Textgrundlage

H: Faksimile Baumbachhaus Meiningen (ehemals Slg. König),
1 Dbl. 2°, 4 S. Gruß und Unterschrift von Emil August von Gothas Hand.