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Korrespondenz

Von Emanuel an Henriette Schwendler. Bayreuth, 7. Dezember 1809, Donnerstag

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Bayreuth, 7t Dec. 1809.

So lob' und lieb' ich es, wenn man mir so schön, so viel und so geschwind wie Sie es dießmal gethan haben meine Beste, antwortet.

Mußt' ich auch das Monat vergehen lassen, ohne einen schriftlichen Gegenbesuch, das Jahr soll mir nicht entwischen, ohne diese meine für mich angenehme Schuld abgetragen zu haben.

Ich hatte mich auf dies Jahr 9, sehr gefreut nicht, aber mit richtiger Erwartung vorbereitet und nicht umsonst.

Des Nichtguten – Krieg und was aus ihm erfolget und noch Manches –; des Mittelmäßigen und des Guten – Friede ; Wiedersehen und beinahe beständige Gesundheit meiner und der Meinigen bis auf unsern Richter –, erlebte ich in ihm, und ist es überstanden: so ist auch jenes gut und so geh' ich mit Ruhe und einer auf neuer Erfahrung gegründeter, wohlthuender Hingebung dieß letzte Monat hindurch ins neue Jahr hinein

Auch ich bin in Pestalozzis Erziehungslehre und Grundsätze noch nicht ganz eingeweihet.

Außer seinem Lienhardt und Gertrud und noch einigen kleinen Schriften hab' ich nichts |2 von ihm gelesen und – offenherzig – mir wird nie mehr [...] von ihm das[...]mitgetheilt hohen und reinen Genuß geben, den mirals eben in diesem Lienhart. gegeben und immer giebt.

Pestalozzis Vortrag und Wille erscheint mir [...] in diesem Liehnhart am klarsten, deutlichsten und am hellsten.

Überhaupt scheint es mirglaub' ich, daß Pestalozzis nicht dazu gemacht Erziehungslehre nicht in Worten sondern in Thaten, im Handeln besteht und daß man ihrn, will man ihn verstehen, in seinem Hause, unter seinen Kindern sehen muß.

Aber bestehtist

es denn nicht mit allen bedeutenden Menschen so?
Ist denn nicht überall und bei jeder Erziehung in That und Handlung, die Haupt- und das Wort und desr Ausdrucks die Nebensache?

Jeder gebildete Vater und jede gebildete Mutter ist sein und ihr eigner Pestalozzi und jedes zu bildende Kind braucht seinen eigenen und ist am Ende sein eigener selbst.

Wie sind dann andere – als eben solche allgemeine Sätze, wie sind einzelne Gesetze zu geben, zu befolgen noch möglich?

Wer zusiehet, Erziehen – und Spielen, der glaubt, er verstehe es besser; aber er nehme das Kind, er [...]ergreife |3 nur die Partie und er wird anders wohl glauben. DaherWird Ist das Reinhalten den Aeltern so schwer; das Reinigen ist dennoch noch schwerer.

Am leichtesten wird dem Erzieher sein Geschäft, wenn er seinen Gegenstand kennet und ihn so behandelt, wie nur dieser, gerade dieser behandelt werden muß.

Er wird dann das hervorbringen, herausziehen, was darinn ist und herausauch kommen soll, d. h. das Gute; und das, durch eben dieß [...] Gute, unterdrücken, was nicht fortkommen soll, das Böse.

Aber Gott und Vater, wie schwer wird es, eben dieß Böse, das [...]in uns wie Unkraut oft mit heraus gekommen istkeimet – wieder auszugäten?

Dieß Ausgäten halt' ich für unmöglich wenn und so lange wir uns oder wir das Kind nicht von der Schädlichkeit dieses Unkrautes ganz überzeugen und dadurchso lange wir nicht auf seinendes Kindes eigenen Beistand rechnen [...] können.

So bald wie es möglich ist geh' ich nach Yverdon, und dann will ich Ihnen sagen, wo ich Recht hatte und wie oft ich es nicht hatte, in meinen Grundsätzen über Erziehung; bis dahin sagen Sie mir's.

Unsre Antonie hab' ich um einen Bericht über |4 Yverdon gebeten ; ich hoffe nicht umsonst.

Es freut mich sehr, daß Sie für Pauline einen braven Lehrer Erzieherhaben und [...] daß Sie sie in Gesellschaft anderer Kinder, außer Ihrem Hause, unterrichten lassen.

Das Erziehen der Mädchen, lassen Sie sich ohne dieß nicht nehmen.

Car. Richter sagte mir, sie habe Ihnen nun geschrieben .

Richter ist nun längst wieder von seinem garstigen Fieber; aber noch nicht bei seinem ganz gesunden Körper, der ihn aber nicht abhält ein Stück Pracht- und Meister-Arbeit nach dem andern uns zu liefern.

Daß er die Pension von Fürst-Primas bekomt hat seine Richtigkeit. Gott wolle sie ihm lange ziehen lassen!

Wir genießen eine himmlische Ruhe hier.

Mir giebt diese friedliche Stimmung eine lange entbehrte Wonne.

Noch hab' ich das Herz nicht, mir selbst meine Wünsche für das künftige Jahr laut werden zu lassen; aber das [...]daß nur ist, als wäre einer darunter, der wie Meiningen aussiehet – wie Wiedersehen gewiß.

Küssen Sie mir, ich bitte Sie darum Schwendler, Pauline und Reinhold.

Ich grüße Amanda und ihre brave Mutter mit Innigkeit.

Em.

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Extra-Blatt

Was soll, was kann ich, in der Ferne, Ihnen, gute Mutter, über Amanda sagen?

Manches Wort in diesen einigen Zeilen Ihnen gegeben, hab' ich nicht nur der Mutter, auch der Tochter gegeben u nur mündliche könnten, jener allein, vielleicht etwas nützen, was ich nicht glaube; weil ich Ihnen sehr viel, das versteht sich also von selber – viel mehr und viel richtigere Einsicht, im Allgemeinen und im Einzelnen, zutraue wie mir.Wo sollt' ich gelernet haben: Reinigen, da mir das Reinhalten nicht zugetheilt ward?An Lust und Neigung fehlt es mir nicht, Ihnen dieß und das über Am. zu schreiben; aber eben die Gewißheit, Sie wissen alles besser, macht meine Feder schweigen.

Ich kann nicht ein mal Reglen niederschreiben, weil mir ist, als müßte jetzt nicht gereglet, sondern gehandelt werden, als müßt' ich es – und ich weiß nicht zu helfen d. h. nicht einmal zu rathen.

Jede Zeile möcht' ich mit einem allgem. Satze, mit einem Grundsatz anfangen; aber hier braucht man das Allgemeine nicht, man will bei einem speziellen Falle stehen bleiben und abhelfen.

Hätten Sie mich nur so hingeworfen auf |2 die Eitelkeit, auf die Sinnlichkeit einer angehenden Jungfrau geführt, ich würde Ihnen allerhand darauf zu sagen gewußt haben; aber da die Crise wirklich vorhanden ist und weggeschaft werden soll, bin ich schüchtern, mistrauisch u still.

Erhalten Sie sich – wenn sie noch für Sie zu erhalten ist – die Liebe, das Vertrauen des Kindes; zeigen Sie ihr von dem Fehler ja nicht mehr, als sie selber schon siehet, d. h. gehen Sie ihr nicht mit den Folgen, sondern mit ganz schuldlosen Gegenstanden entgegen; überzeugen Sie sie und sie ist geheilt.

Können Sie – was mir aber das Schwerste in dieser Aufgabe zu seyn scheint – die Unschuld oder die bewußtlose Schuld schonen u dennoch so überzeugen, daß Sie nicht selber Licht herbeibringen – was hier Schatten wäre – so ist geholfen und Gott hat es.

Was mich tröstet, ist daß die gute Mutter die Krankheit für zu gefährlich halten wird und daß sich die gesunde Natur mit ihrer Unschuld selber helfen und sie so bald genesen wird.

Zitierhinweis

Von Emanuel an Henriette Schwendler. Bayreuth, 7. Dezember 1809, Donnerstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0170


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Textgrundlage

K: Slg. Apelt
1 Dbl., 4 S. (Brief). Briefnummerierung vfrH.

Hk: Slg. Apelt
1 Bl., 2 S. ("Extra-Blatt").


Korrespondenz

B: Henriette Schwendler an Emanuel. Meinigen, 2. November 1809
A: Von Antonie von Mützschefahl und Henriette Schwendler an Emanuel. Meinigen, 24. März 1810

Mit einem Extrablatt, das ausdrücklich nicht zur Mitlektüre durch Amanda Schlabrendorf bestimmt war.