Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 26. April 1802, Montag

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Meiningen den 26 Aprill 1802.

Mein theuerster geliebter Vater,

Eben erhalte ich Ihren Brief durch Tinchens Einlage und wie froh bin ich, daß ich nach so langer Zeit so gütige Worte von Ihnen habe. Sie glauben nicht wie bange mirs wird, wenn Sie schweigen und ich hätte längst wieder an Sie geschrieben wenn nicht dieses hier beifolgende theure Blatt in Bareuth gewesen wäre, und ich ohne dasselbe hätte schreiben können. Sie verzeihen es gewis daß mein Mann es seinem liebsten Freund Otto geschikt hatte, um ihn näher an Sie, an unsre Verhältniße und Ihr Schiksal zu führen. Sie werden diese Mitteilung unmöglich für eine unerlaubte indiscretion ansehen, um so weniger wenn Sie diesen vortreflichen und festen Menschen kenneten. Eb

Gestern nahm ich mir die Abschrift davon (und Sie können denken wie nahe ich bei Ihnen und mit Ihnen war) um es Ihnen morgen mit der eben hier auch beifolgenden Quittung zu schiken, nun ändert sich mein Brief in eine Danksagung anstatt er vorher nur Fragen und Bitten enthalten hätte. Ach wie oft, und besonders an den Sontagen lebe ich mit Ihnen, wo mag Er seyn – der beste Vater, wo am Mittag, wo am Nachmittag! so frag ich, und meine Einbildung giebt mir nur unbestimte Antworten!

Da Sie dieses Blatt gewis wieder durchlesen wovon ich lieber das Original von Ihrer Hand behalten, und |2 Ihnen meine Abschrift geschikt hätte, und die Erinrung sich Ihrer doch bemächtigt, darf ich's wohl sagen, daß mir Ihr leztes Beisammenseyn wie ein schöner himlischer Traum erscheint. Sie müßen seelig seyn in dem Rückblik auf das Glück das Sie gaben, guter vortreflicher Vater ich möchte Ihnen danken – aber Gott muß Sie segnen.

Dis Bild schimmert mir hinter dem Schmerz beruhigend durch, ich kann es nicht sagen wie durchdrungen ich von dieser Vorstellung bin.

Aber wird es möglich seyn das liebe Bild wieder herzustellen? Die Einbildung eines Fremden wird doch nicht hinreichen die fehlenden Ähnlichkeiten hinzuzusezen, und die Beschreibungen werden doch immer nur unbestimmt gegeben, und schwer verstanden! ich wollte ich hätte eine der verfehlten Zeichnungen des Herr v Haller um für meine Erinnrung daran zu fügen, was ich kann. Sollten Sie eine derselben als völlig unbrauchbar zurükgelegt haben, so geben Sie sie mir, liebster Vater!

Das Wichtigste ist mir jezt unser Wiedersehen, und ich begreife nicht wie Sie voraussezen können, wir würden eine andere als die Zeit Ihres Aufenthalts nach Leipzig zu reisen wählen. Die unsre würde wahrscheinlich ganz unterbleiben wenn Sie nicht hinkämen denn so gern ich meine Schwestern sehen möchte, würde ich von meinem Mann nicht des halb den Kosten und Zeitaufwand fodern. Auf jeden Fall geht er diesen Sommer nach Weimar aber |3 Leipzig bleibt liegen, wenn wir Sie nicht sehen könten. Nun müßen sie hören daß unser Wille schon einen ganz anderen Sprung gemacht hätte, als Sie uns durch Ihre Zeitbestimmung anzeigen. Denn vor 14 Tagen als wir noch immer in dem festen Wahn standen Sie reisten zur Messe, und wir nur noch den einzigen Zweifel welcher der Meßwochen hatten und ich auf mehrere Gelegenheiten gesonnen hatte wie Sie am wohlfeilsten und angenehmsten reisten – kömmt der junge Thieriot ein Musikus aus Leipzig meinen Mann zu besuchen, und auf seine Frage wann gehen Sie nach Leipzig sagen wir ihm wahrscheinlich in der lezten Meßwoche. "Aber das wißen Sie doch schon, daß Ihr Herr Vater erst im August dahin kömmt"? Damit waren auf einmal alle unsre Pläne vernichtet, und mein Mann war so gut sich gleich in diese Aenderung zu fügen, ob er gleich gern in der ersten Hälfte des Sommers wegen seiner Arbeiten Weimar besucht hätte, welches er dann nicht übergeht. Nun konnten wir aber nicht verstehen, wie weder Sie liebster Vater, noch Ernestine uns unmittelbar davon benachrichtigten, denn wir hätten ruhig und mit Zuversicht auf Ihr Entgegenkommen die Reise gemacht.

Nun bleibt es aber doch bei dieser Bestimmung unabänderlich? Mein guter Mann ist nun wieder froh über diese Zeit, weil er in der That um seiner Arbeiten willen Weimar und Herder sehen will, u er doch unmöglich zweimal diese Reise machen kann. Nun Wir hängen nun von niemand weiter als |4 vom lieben Gott ab, der schönes Wetter geben muß, damit für uns alle keine Störung ist, welches auch Ihnen wichtig seyn wird. Da Sie aber Ihren Aufenthalt in einen so kurzen termin zusammendrängen wollen, so müßen wir recht behutsam berechnen damit wir uns nicht verfehlen. Mein Mann wendet auch nur höchstens acht Tage auf den dortigen Aufenthalt. Nun bitte ich Sie noch einmal mein theurer Vater, zerstören sie diese unendliche Freude nicht, ich weis wie sehr wenn der Zeitpunkt des Ausf auszuführenden Entschlußes heranrückt sich Störungen Bedenklichkeiten etc finden u Sie sind so gewißenhaft in jeder Pflicht – aber einmal im Leben nehmen Sie den Leichtsinn der Jugend an, und laßen Sie dergleichen nichts auf Sich wirken. Sie werden nach Sanne reisen, aber Sanne kann Ihnen doch nicht das Glük geben Ihre Kinder so unaussprechlich glüklich zu machen. und schieben Sie ja nicht die Zeit weiter hinaus, denn je länger man zögert je größer werden die Schwierigkeiten u am Ende wird eine Unmöglichkeit daraus. Beiläufig will ich nur noch sagen daß Thieriot obige Nachricht von Spazier bekommen hatte.

Daß Sie an der Mlle Hünefeld eine so für Ihre Lage paßende Person gefunden haben freut mich ungemein, Gott gebe daß Sie durch die nähere Bekanntschaft nicht verliert. Und daß Sie Ihre Ökonomie auf einen so leichten Fuß ge sezen möchten habe ich gewünscht u mich gewundert daß Sie es nicht gleich so einrichteten. Werden Sie Sich Ihre in Ihrer neuen Wohnung verbeßert haben, wie sehr hätte ich mich gefreut wenn ihr langer Wunsch eines Hofs |5 und Gartens dabei befriedigt wäre, welches aber in der Gegend unwahrscheinlich ist.

Sie fragen mich, warum ich an niemand mehr schreibe, ich gestehe daß ich einen Briefwechsel der sich nicht auf gegenseitiges Bedürfniß, und reelles interesse für einander gründet als etwas sehr leeres ansehe, und aus bloßer Überzeugung eines blos geselligen Antheils der Stubenrauch und Baßewiz nicht wieder an sie geschrieben habe. Zweitens hat mich unser gemeinschaftlicher Verlust zu sehr auf Einen Punkt geheftet, und ich bin meinem Mann, meinen hiesigen Bekanten die Zeit schuldig die ich nicht auf Arbeit u Lesen verwende. Das Schreiben nimmt sehr viel Zeit, wenn man gleichsam mit seinen entfernten Freunden einen Umgang einen Gedankenwechsel halten will, und sie fodern am Ende nicht blos ein Verweilen auf fremde Gegenstände, sondern auch zur inneren äußern Geschichte die man unmöglich ohne Überdruß u Langerweile mehrer als zweien Menschen geben kann, und das sind Sie u Ernestine. Am Ende verfällt man in den Gebrauch bloßer Phrasen, die ein jeder für d erräth u aus Gewohnheit u Schwäche will niemand abbrechen. Ich verehre die Stubenrauch u liebe die Baßewitz unendlich wenn ich sie einmal wiedersähe würde ich erhoben u glüklich durch sie werden, aber meine Freundinn kann nur Ernestine seyn, ich bin keines ähnlichen Vertrauens zu einer anderen mehr fähig. Sehr oft hatte ich Lust auch der vortreflichen Grollmann u Hainchelins zu schreiben, dis thue ich gewis einmal u vergeße die Stubenr u Bassewiz nicht, sie sollen nur keinen pünktlichen Briefwechsel von mir fodern. Man muß den Moment abwarten wo das Bild des Freundes oder etwas |6 auf ihn sich nahe beziehendes uns ergreift, wo uns nur die Anrede an ihn erleichtern kann.

Emanuel ist nicht mehr bei uns daher kann ich ihm Ihren Grus für den ich Ihnen so innig als er selbst es thun wird danke, nur schreiben. Wir waren so glüklich ihm Meiningen nicht allein durch uns sondern durch unsre hiesigen Bekannte sehr lieb zu machen. Er ist in der bewundernswerthesten äußerlichen Freiheit die man sich denken kann. so daß alle seine guten Wünsche u Gesinnungen ged sich in Handlungen äußern können, u daher wird jedermann von seinem Werth überwiesen. An diesem Ort wo die Juden nicht einmal als Einwohner tolerirt werden, freut es mich doppelt daß er, u so geehrt u geliebt wird. Er wohnte nicht in unserm zu kleinen Hause um jemand zu logiren, sondern beym Präsident Heim uns gegenüber aber wir sorgten für ihn, u waren meist immer beisammen. Die schöne Dose von der Fürstin Solms hat er meinem Mann für 117 hiesige Thaler verkauft, dieser konnte sie nicht brauchen, u so hat man doch einen Genus davon.

Seit kurzer Zeit sind mehrere von meines Mannes Bekannte hierdurch gegangen auch um seinetwillen gekommen. Auch die Frau v Kalb war wieder hier um nach Weimar zu gehen. Wie sehr wünschte ich daß sSie diese Frau kenneten die zu keinem Geschlecht gehört, die zu stark ist für ein Weib. Wir haben sie zwei Tage hintereinander gesehen, und sie fängt an mir wohl zu wollen.

Der obengenannte Thieriot wohnt noch hier , zwar nicht unser Gast aber unser täglicher Gesellschafter. |7 Durch ihn hat mein Mann wieder eine befriedigende Unterhaltung weil er ein Mensch von vielem Talent ist. Sein Werth als Virtuos kann übertroffen werden, aber nicht hier, daher bewundert man sein Spiel sehr, und doch finden sich zu einem Concert, daßs er geben wollte kaum 30 Personen ein, wegen des ökonomischen Sinnes der hier überall durchgeht. Aber die Gehalte sind so gering und in manchen Dingen ist es nicht wohlfeiler hier wie in Berlin.

Mein Mann ist wohl und fortdauernd glücklich durch seine Arbeiten. der dritte Theil des Titan wird nun bald in Ihren Händen seyn, mein Mann wird ihn Ihnen durch Mazdorf übergeben laßen. der 4 te an den er jezt arbeitet führt ihn mit der Seele nach Italien, und Sie können denken wie lebhaft er oft unter jenem Himmel versezt ist. Er muß einmal diese Reise machen.

Gestern haben wir an einem der schönsten Sontage ein reizendes Dorf in der Entfernung 1/2 Stunde von Meiningen kennen gelernt wohin wir nun oft gehen werden – Es ist ein Mangel der hiesigen Gegend daß es keinen Lustort in der Nähe giebt wohin man zur Aufheiterung gehen kann, u dieses einfache Dorf macht uns daher sehr viel Freude.

Ihren Bedienten werde ich mit Sehnsucht erwarten der mir recht viel von Ihnen erzählen soll – geben Sie ihm ja einen Brief an mich mit.

Nun leben Sie wohl mein guter geliebter Vater bleiben Sie gesund, u alle Ihre Unternehmungen segne Gott. Wenn Ihr Herz erkalten will, so denken Sie an die entfernte Tochter die unabänderlich dankbar die heißeste Liebe bewahrt.

Ewig ewig Ihre treuste Caroline

Wie innig mein theurer Mann Sie grüßt!

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Meiningen, 26. April 1802, Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0201


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 7 S. Unterstreichungen vfrH. mit blauem Stift.


Korrespondenz

Der Brief ging zunächst zu Ernestine Mahlmann nach Leipzig und dann als Einlage vermutlich von deren Brief an Johann Siegfried Wilhelm Mayer vom 30. April 1802 weiter nach Berlin.