Edition Umfeldbriefe

Von Emanuel Osmund an Johanna Heim. Bayreuth, 27. März 1814, Sonntag

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Bayreuth, den 27. Mart. 1814.

Meine beste, verehrungswürdige Heim!

In dieser Woche bin ich, so lang' ich noch bin in Meiningen, und da sollt' ich Ihrer nicht gedenken? Heute jährt es sich, daß Sie mir einen Tag verschönern halfen, und so zähl' ich täglich, wo und wie ich glücklich lebte unter den Meiningern.

Hätt' ich nicht wieder verreisen müssen in der vorigen Woche, ich würde Ihnen die Einlage schon zugereicht haben; aber meine erste Beschäftigung sei heute diese gute: Ihnen zu reichen, uns zu geben.

Soll, brauch' ich es Ihnen zu sagen, wie viel ich leide mit Ihnen?

Mein Herz ist das alte; es bleibt das alte in den neuen Zeiten, unter den immer kälter werdenden Menschen.

Worte vermögen nicht auszudrücken, nie des Herzens Innigkeit.

Ich habe ihn gekannt, eure Liebe; ich kenn, Seltene, Sie, und mehr bedarf es nicht, um zu theilen Ihren Schmerz.

Gott, und durch ihn, die Zeit mindert diesen; vernichtet wird er dort in der Ewigkeit.

Prächtige, herrliche Heim, ich glaube nicht, lange nicht mehr an Trost außer uns. Fremder, er kommt meist zu frühe oder zu spät.

Seitdem ich Sie nicht wiedergesehen, wie Viele, die mein Mich nannten, die mein Ich nannte – in der Nähe, in der Ferne – verließen mich; darunter zähl' ich im Jahre 8 die beste unter den Müttern , in diesem den braven alten Vater, und so lernt man ertragen Trennung, Sterben und auch Leben bis dahin.

Vor mir liegt noch Ihr liebes Blatt vom 25. Aug. 1811 , das ich immer beantworten wollte. Aber mein Leben, meist auf Reisen und in Unruhe, läßt mich nicht mehr kommen an Gottes Tisch, d. h. an meinen freundschaftlichen Briefwechsel, als sehr selten. Wol hält mich – so glauben meine Freunde – eben dieses thätige Leben auch von dem wirklich göttlichen Tische der Gesellschaft, des geistigen Genusses u. s. w. zu viel ab; allein die Zeiten – ein achtjähriger Feldzug in mein Haus – gebieten, Arbeit, die ich einmal übernommen, begonnen, auch mit Ehre zu endigen.

Nicht der Mühe ist es werth zu leben für sich allein, und nur dadurch, daß man lebt für Andere – wird die Last des Lebens – wenn auch nicht immer leicht – erleichtert.

Wer fühlte, wer kann sie lebhafter fühlen diese Wahrheit als Sie, edelste der Frauen?

Wer für seine Kinder leben kann, glücklich sie, zu guten Menschen sie erziehen kann , er hat zwar der Mühe, oft der Sorgen, um eigen aus der Kinder Wohl, viele; aber die Welt liegt – außer seinem Hause – nicht so schwer auf ihm; sie macht nicht die Ansprüche an ihn als wie an Den, der allein steht – oft nur für sie so steht. Dankbar ist die Welt mehr gegen Den, der für sich und seine Kinder arbeitet, als selber für sie.

Ich lernte die Welt seit einigen Jahren genauer kennen als in meinem ganzen übrigen – erfahrungsreichen Leben, und daher zieh' ich mich von ihr weg; daher schütz' ich, lieb' ich und verehr' ich die Ausnahmen, die Seltenen in der Welt immer noch mehr. Zu diesen zähl' ich Sie, meine liebe, gute Heim, und ich werde stets dankbar sein, daß Sie uns erlauben, gönnen, Sie zu verehren, zu lieben.

Emanuel.

Zitierhinweis

Von Emanuel Osmund an Johanna Heim. Bayreuth, 27. März 1814, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0225


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Textgrundlage

D: Der alte Heim, S. XVI-XVII.