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Bair. den 20 ten Nov. 1825.

Heilge Seele! Wie hast du mich erquickt mit Deinem Troste . Solche Worte einer Gepreisten, sind Worte eines höheren Geistes. Könnte ich Dich sehen Geliebte! Ach wie oft habe ich seit Deinem letzten Briefe an Dich schreiben wollen und von Dir das schwesterliche Du, erbitten, da meine Seele Dich als Geistesschwester begrüßt – allein der über den Einzigen, Herrlichen schon lange schwebende Todesengel (unter den Meinigen nur mir allgemein allein sichtbar) nahm alle meine Gedanken all mein Thun gefangen, und wenn ich je, Gott für Etwas danke, so ist es diese unabgewendete durch Nichts zerstreute Aufmerksamkeit, die ich auch den Theuern der mir zuletzt mehr als Gatte der mir Bruder – Kind war, gerichtet habe, und dessen zuweilen unmuthige Äußerungen ich nie anders, als aus der Quelle, inneren |2 Krankheitgefühles ableitete. Ja ich mußte bei meiner Schwester lernen mit Sterbenden umzugehen, um es an meinem Manne zu üben, dort lernte ich wie heilig der Wille des Kranken ist, wie wir seine Wünsche, seine Neigungen schonen müssen und konnte mir zutrauen dies ganz zu erfüllen – –

Aber wie ohnmächtig ist der Mensch daß er mit aller seiner Liebe und Aufopferung so wenig über das Schicksal des Geliebten vermag. O das sind herzzerreißende Leiden und doch kann der Mensch sie empfinden - und dennoch leben. Ich unterlag nicht und hab Muth und Kräfte zu thun was Noth ist. Wie erfüllt mich aber die Krankheit der edeln Thienette mit neuer Angst. Ich möchte vergehen wenn ich ein so köstliches Wesen in dieser Art zerstörenden Fieber mir denke. So unaufhaltsam wirkte hier die Natur in ihrer |3 Zerstörung und reißt den armen Menschen gewaltsam vom Leben. Kann das Leben einen Werth haben, was solche Schmerzen ausstreut? Liebe Theure! Wann werde ich Sie sehen? Jetzt hoffe ich, daß Sie eine Familie in der alle Glieder Sie verehren, so glücklich machen werden, bei ihr eine Zeitlang zuzubringen und sich's da so hauslich wohl sein zu lassen, als es Ihre Bequemlichkeit bedarf. Um Menschen kümmern wir uns nicht. Jedermann weiß Ihre – meine Sinnesart. Ich suche mich mit den Menschen festzusetzen und meine Selbstständigkeit zu erhalten. Sie ehren es wenn sie es auch sonderbar finden sollten. Emma schreibt mir, daß Frl. Thienettens Krankheit Sie jetzt hindern – allein in einiger Zeit werden Sie schon Mittel finden können diesen Plan auszuführen. Unterdessen richte |4 ich mich nach meinen jetzigen Wünschen ein. Ich will die Stube meines Verewigten bewohnen. Nur da wird mir wohl sein. Jetzt ist sie so kalt so leer, der Tod scheint sie noch zu beherrschen, aber ein freundlicheres Bild soll mir werden. Vermischen will ich mein lebendiges Gefühl mit dieser schauerlichen Erinnerung, und denn es ist so süß in den Räumen zu athmen die unsre Geliebten bewohnten. Ach in diese Stube trat ja mein Sohn, lechzend nach dem Anblick des Vaters, bei der Zurückunft ein die nach der er schnell, und in wenigen Tagen auf ewig vom unerbittlichen Tode heimgeführt wurde . In jeder Dämmerungsstunde des Herbstes erinnere ich mich dessen.

Emma ist jetzt an dem würdigsten Platze den sie für den jetzigen Moment finden konnte , darum schickte ich sie – Ihnen. Aber nun hat das sie das Höchste genossen und möge nun bald kommen. Zeigen Sie ihr nicht diesen Brief. Liebe Theure! Behalte im Herzen mein Gefühl und tadle es nicht, denn es gehört der Vortrefflichkeit in Dir. Lebe wohl.

Caroline
Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Anna Margaretha Fanny von Reitzenstein. Bayreuth, 20. November 1825, Sonntag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0231


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Textgrundlage

H: Jean Paul Museum Bayreuth
1 Dbl. 8°, 4 S.