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B. 9 Oct. 8.

Meine gute Henriette! Heute hab' ich eine Kaffeegesellschafft. wobei ich ein dreifachen freundschafftlichen Zweck vereinigen kann u – da Sie mein Haushalten kennen, Sie also wissen, daß alles auf mir liegt – dem ohngeachtet will ich es möglich machen, endlich Ihren liebem Brf. v. 24. Aug. zu beantworten, weil mir mein Schweigen zu lästig wird.

Doch sollen Sie vorher wissen, daß Otto vor einigen Tagen gesund nach Hause und daß er also die erste Ursache meiner heutigen Gesellschafft ist.

Die zweite ist die Jette, Am. Schwester – weil diese morgen uns verläßt u die dritte ist ein H. v. Stokar, der seit 14 Tagen auf freundschafftlichen Besuch, aus Rgnsbrg. bei mir ist.

Richters Fünf- und Ottos Dreieinigkeit macht meine ganze Gesellschafft aus.

V. Otto muß ich Ihnen sagen, daß er ganz dienstfrei zurückgekommen ist.

|2 Die Jette ist nicht mehr so frei, denn sie ist mit einem sehr bedeutenden Gelehrten versprochen .Mehr heute davon zu schreiben ist mir nicht erlaubt; sie selbst würde mir dieß Wenig nicht erlaubt haben. pp

Mein guter Stokar, ein schöner, kräftiger, gescheuter, biederer, iunger Schweitzer, spielt eine eigne Rolle in meinem Leben: er heirathet ein liebes Mädchen , das ich schon 19 Jahre liebe – gerade so alt ist es , u das mich blos um 1 Jahr, sonst um nichts weniger liebt.

Aber nun lieb ich kindlich die beiden Liebenden und beide wie einen Vater mich u noch dazu wie einen guten.

Was mich an dieser Liebe aber am meisten freut, das sind die gerechtesten Ansprüche, die ich darauf machen kann.

Ich muß nur aufhören zu schreiben, sonst komm' ich heute nicht zum Antworten.

Wo man gerne v. sich spricht, da bildet man sich ein, gerne gesehen zu seyn und doch spricht man auch da gerne von dem, zu dem man spricht. pp

10ten

Der gestrige NachmittagsAbend – wie soll man die Zeit v. 2 Uhr bis ½ 9 sonst nennen? – ward angenehm in meinem Hause verlebt.

Es war mir, wie Sie sehen, nicht möglich, meinen Brf. zu endigen.Emma, das immer liebens- u lobenswerthere Kind, steht jetzt neben mir u wird Ihnen seinen Namen selbst hierher schreiben:

e m m a

|3 Wir könnten uns gegenseitig wieder über Freundschafft und Liebe u über die Verschiedenheit dieser – aber ich glaube nicht viel Neues sagen, denn ich traue Ihnen richtige Kenntniß dieser beiden GottesKinder zu und Sie mir auch.

Wo Eigenmuth und Rohheit herrschen, da giebt es weder Liebe noch Freundschaft und wer von sich viel und von andern wenig verlanget, der weiß zu lieben und zu freunden und verdient geliebt und gefreundet zu werden.

Mich freut es herzlich, daß Sie meiner im Liebensteiner Bad gedacht haben, so schön als ich Ihrer im Sichartsreuther.

Gott wolle, daß wir uns beide an diese Orte des Andenkens führen können!

Mein Vater ließ sich Ein Aug operiren, sieht auf demselben seit einigen Wochen wieder; seine Kinder sind kindlich froh; aber er war – in seiner Finsterniß glücklicher, als er es ist!

Ganz fühl' ich, was Sie, Mutter, leiden über Ihren Sohn; Sie sind aber Sie und – das tröstet mich – Sie werden finden Beruhigung in sich.

Entziehen Sie dem Kinde nicht das mütterliche Herz, selbst wenn das kindliche Herz soll geraubet werden Ihnen.

Der Gute hat Kraft, denn Güte ist seine Macht; der Böse hat Gewalt und straft sich nur oft zu bald, mit dem, was er durch sie zu erreichen, zu erobern meinte.

|4 Ist Leopold gut, so kömmt er bald wieder zu sich u zur Mutter u wäre er das nicht mehr, was verlieret in seiner Entfernung die Mutter? Um frei u ehrlich und so zu schreiben, wie ich denke, mußt' ich das Verschweigungsgesetz geben u es selbst auf unsre edle Caroline – die schon wieder einige Tage mit mir unzufrieden war – ausdehnen; noch hab' ich keinen Grund, dieß Gesetz zu vernichten. Läßt sich's ia meine kräftige Seele, die Voigt, gefallen, die Handlangerin versiegelter Mittheilungen der Nichte u des Freundes zu seyn.

Richter will so lange wieder nach Meiningen, als ein neuer Krieg dauern könnte ; aber wir behalten Frieden u den Richter hier.

Richters ziehen in meine Straße, in das Haus, in dasselbe Quartier, wo mein Schaefer selig wurde u ich es oft war.

Ich hoffe, daß Sie, Schwendler, Antonie, Amanda, Pauline recht gesund u recht wohl seyen u ich wünschte es so herzlich, als ich Euch alle in Reinheit liebe, ehre u gedenke u als ich stets mit Dankbarkeit seyn will u werde Ihr Freund

Em.

Zitierhinweis

Von Emanuel an Henriette Schwendler. Bayreuth, 9. und 10. Oktober 1808, Sonntag und Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0313


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Textgrundlage

Hk: Slg. Apelt
1 Dbl., 4 S. Brief - bzw. Blattnummerierung vfrH.


Korrespondenz

B: Von Henriette Schwendler an Emanuel. Meiningen, 24. August 1808
A: Von Henriette Schwendler an Emanuel. Meiningen, 18. November und 4. Dezember 1808