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Von Friederike Christiane von Fischer an Maximilian David Benjamin von Fischer. Breslau, 17. Februar 1811, Sonntag

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|1 Abschrift.

Geliebter!

Von der zärtlichsten Liebe für Dich durchdrungen, vielleicht auch von einem kleinem Vorgefühl aufgefordert, schreibe ich diese Zeilen zu einer nach meiner Art ziemlich gesunden Stunde nieder, – sie sollen dem Geliebten, mit und für den ich so gern lebte, im bangen Augenblick – Dank – und Beruhigung bringen, sie sollen Dir gestehen, daß es für mein Herz nicht genug war, die treue Sorge für Dich und unsere Kinder im Leben selbst, als mein süssestes Geschäfte anzusehen, sondern auch noch im Tode dieselbe fortsetzen helfen, wenigstens so lange, bis Zeit und Nothwendigkeit, bis selbst vielleicht das Schicksal den vorigen Frieden und Ruhe über Dich verbreitet haben möge. Daß ich über meine körperlichen, so wie geistigen Gebrechen, weder ruhig noch blind nach- |2 dachte, – wenn schon oft das Bestreben für ihre Beseitigung lau und fruchtlos blieb – weißt Du selbst, und ich kann es auch mir selbst eingestehen; es ist daher nicht eingebildete Zuversicht auf meine bald schwachen bald besseren Eigenschaften, es ist das schöne Gefühl Deiner reinen Gegenliebe durch tausendfältige Beweise bekräftiget, welches mich befürchten lässet, daß mein Hintritt über Dein ganzes Wesen einen so innigen Schmerz verbreiten könnte, der Dein glücklicheres Seyn sehr bald verzehren, und Dich für den vielseitigen Berufskreis, in welchem Dich die Vorsehung gestellt, untüchtig machen würde! Dieß darf, dieß kann ich nicht zugeben – ! Die schöne Pflicht des Vaters darf nicht mit stumpfem Sinne gepflegt werden; – sie spricht Dich doppelt an, wenn nun die Mutter, die sie so gerne mit Dir theilte, den Kindern fehlt; sie ist |3 die erste, die erhabenste, die wichtigste, ja selbst die belohnendste Pflicht für Dein edles trübes Herz; – aber auch für Deine anderweitigen Berufsgeschäfte darfst Du nicht verlohren gehen – Du bist ein edler Mensch, erhalte Dich Deinen Brüdern! Du bist ein geübter lichter Kopf, entziehe Dich nicht ohne Noth Deinem Amte! Es ist so ehrwürdig auf vielerley Wegen zu nützen und ich besinne mich, daß in meiner langen Krankheit nichts so sicher Deine trüben Besorgnisse für mich zerstreuete, als jene rastlose Thätigkeit, in welcher Du damals lebtest: – auch als Gatte kannst Du noch beglücken und beglückt werden; daher bitte und beschwöre ich Dich bey unserer gegenseitigen Liebe, suche nach den ersten finstern Stunden, jede Zerstreuung auf, die dem edlen Manne ziemt – erschüttre Dich nicht ohne Noth durch die öftere Besichtigung einer Hülle, |4 die nun kalt und starr da liegt, und in der noch vor wenig Tagen ein treues Herz für Dich schlug – – Der Mensch entbehret ungern etwas, woran er sich so lange gewöhnt hatte – wenn schon das zu Entbehrende – wie alles Irdische – eine unvollkommene, und eine gute Seite hatte; Daher erneuere Deine Traurigkeit nicht ohne Noth – es ist genug, wenn Dein liebendes Herz dafür sorgt, daß der Körper nicht früher beygesetzt werde, als alle Zeichen des Todes da sind, daß er sobald als möglich in ein schlichtes Nachtgewand eingehüllt werde, damit durch ein verzögertes Ankleiden den Lebenden, die es übernehmen wollen, durch den Geruch kein Schade geschehe; daß er dann neben die Schlafstelle unserer verklärten Kinder eingesenkt werde: ist dieses geschehen, so suche, wenn Du es irgend möglich machen kannst, eine Reise nach Berlin, oder einen andern Ort |5 zu bewerkstelligen, wo Schwesterliebe und Theilnahme Deiner wartet, oder durch die Ansicht schöner Landschaften – durch den Athem der grossen Natur Dein Starkbleiben befördert werde. – Ehe Du Dich auf diese Reise begiebst, soll, hoffe ich, entweder Schwester Antonie selbst, oder eine Antwort von ihr auf ein von mir an sie gerichtetes Schreiben eintreffen, welches bestimmen soll, ob sie die Pflege über unsere Kinder mit Dir theilen kann und will, oder nicht: im letzteren Falle habe ich das schöne Versprechen von unserer Freundin Salchli nicht eher unser Haus zu verlassen, als bis sie die geliebten Kinder in Antoniens Hände legen könne, oder in ihre Stelle zu treten, wenn sich die Schwester dazu nicht verstehen wollte; und Du Theurer kannst diesen edlen gebildeten Seelen einer so gut wie der andern, die Kinder überlassen; Dich auf eine Reise begeben |6 und bey Deiner Rückkehr mit der Freundin vereint für das Glück und die Bildung unserer Kinder wirken; – ich glaube, daß Liebe, heiterer Ernst des Führers, für eine rege Thätigkeit bey den Pfleglingen und ihre eignen Winke hierüber bey gutgebohrnen Kindern und unter der steten Aufsicht der Freundin oder des Vaters genug ist, sie gut und glücklich zu machen: Der gebildete Vater, die verständige Freundin wird ihren Verstand die nöthige Unterhaltung verschaffen. Ausserdem glaube ich, müssen die Söhne in gewissen Jahren das väterliche Haus verlassen, die Töchter aber neben Dir und der Freundin unter keiner Bedingung eher daraus gehen, als bis sie die Hand eines edlen Gatten herausführet. Schreite Geliebter! wenn Du ein edles gutes weibliches Wesen findest, dem Du so ganz das seyn kannst, was Du mir bist und warest – |7 und sie auch Dir das seyn kann, was ich Dir bin und war, besonders aber den hohen Grad von Zärtlichkeit und Liebe, von Hochachtung für Dich besitzen muß – schreite dann ohne Bedenken zu einer erneuerten Wahl. Du wirst dadurch glücklich machen und glücklich werden, und auch unsere Kinder werden freudig eine zweite Mutter aufnehmen und vielleicht bey mehrern Geistes- und Körper-Kräften, besser als bey der erstern fahren; – manch schöner Plan – manch liebenswürdiges weibliches Geschöpf stellt sich hierfür in diesem Augenblick meiner Einbildungskraft dar – aber ich legte nur ungern im Leben irgend einen Menschen Zwang an, im Tode kann ich dieß noch weniger wollen, und da die Zurückgebliebenen so gern geneigt sind – selbst mit Opfern dem guten Willen |8 der Verstorbenen in Erfüllung zu bringen, auch Zeit und Umstände, Menschen, Dinge und Lagen verändern können; so enthalte ich mich jeder Aeusserung hierüber; – so viel nur, daß, wenn ich kann, mein Segen und mein Mitwirken, zu jedem Schritte für Dein Glück Dich umschweben soll – Dank, Glück und Segen komme dann auch über das Wesen, welchem es beschieden war, das schöne Werk an Dir und an den Kindern zu vollenden, von welchem mich das Geschick im Beginnen abruft! – – – –

Verändere, Geliebter, nach Gefallen Wohnung und alles, was Dir eine trübe Rückerinnerung an mich verursachen könnte. Ich möchte gern Dir immer werth bleiben, nie aber schmerzliche Erinnerungen in Dir erregen; darum, wenn Bangigkeit Deine Stirne umwölkt, gehe bald ins |9 Freye, oder zu den Kindern, oder zu der Freundin , und denke, daß Du für mich den herben Wermuthskelch leerest, der hienieden einem Theil beschieden blieb, und zu dem ich gewiß weniger Kraft als Du, gehabt haben würde; denke, daß Du mir das Leben und den Tod versüßt hast, und nun dadurch noch den letzten schwersten Liebesdienst erweisest! – Nimm meinen letzten wärmsten Dank dafür, so wie für jeden andern Beweis Deiner Liebe nochmals hin, auch für jede Schonung und Ertragung meiner Fehler und Schwächen danke ich Dir mit gerührtem Herzen; mit Willen wollte ich Dich nie betrüben und auf Kränkungen kann ich mich bey dieser gegenseitigen Sinnes- und Herzensübereinstimmung gar nicht erinnern. |10 Was meinen irrdischen Nachlaß anbetrift, so werden ohngefehr 11000. Rthlr. das Ganze seyn, was ich an Gelde Dir und den Kindern hinterlasse. Du weißt, an wen sie ausgeliehen – und ich beziehe mich auf unsere Ehepackten in Rücksicht ihrer künftigen Bestimmung; kann ich, so setze ich noch ein Verzeichniß über meine eingebrachte Wäsche und etwaiges Mobiliar, auch Kleidungsstücken auf, könnte ich es nicht mehr beenden, – so die Wäsche alle auf meinem Namen gezeichnet und zwar in roth, die Deine in blau und mit Deinem Namen, so auch mit den Betten. Willst Du unsern Leuten ein Andenken entweder aus meinen Kleidungsstücken oder auch |11 an Gelde geben, so thue es und zeichne den Treuen gnädigst aus. Der Freundin stehe die Wahl für ein Andenken von meinen Effecten selbst frey – Den Karl lasse gütigst werden, was er will – nur bitte ich ihn zärtlichst, kein unnützer und ein edler Mensch zu werden. – – – – –

Lebet glücklich, Geliebte! Der andern geliebten Kinder Schicksal lege ich ruhig an Dein Herz – nur des Karls erwähnte ich ganz besonders, weil er schon verständig genug ist, an seiner Veredlung selbst zu arbeiten und den treuen Wunsch seiner Mutter nicht unerhört zu lassen – selbst dann nicht, wenn Stürme seine Kräfte lähmen und die Prüfungsstunde, wo die Tugend mit dem Laster ringt, auch |12 ihm schlagen sollte.

Noch einmal lebet wohl! – – – und schlägt auch Dir einst das letzte Stündchen, so sollen die sanften Engel Dir die Augen zudrücken und Dich der grosse gute Geist wieder vereinigen mit

Deiner treuen Friedericke.

Breslau
den 17.ten Februar.
1811.

Die Aufschrift dieses Briefs ist:
Dem besten
edelsten Gatten Maximilian von Fischer
gleich nach meinem Tode einzuhändigen.

Zitierhinweis

Von Friederike Christiane von Fischer an Maximilian David Benjamin von Fischer. Breslau, 17. Februar 1811, Sonntag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0388


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Textgrundlage

h: Slg. Apelt
11¾ S. Auf Dbl. oder in ein Heft geschrieben.


Korrespondenz

Im Auftrag von Emanuel kopiert, der eine Kopie auch an Jette Braun schicken wollte.