Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Max Richter an Caroline, Emma und Odilie Richter. 27. und 28. Juni 1820, München, Dienstag und Mittwoch

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München am
27 Juny 1820.

Theuerste Mutter!
u Schwestern
!

Mein Gruß soll doch nicht so kalt Euch berwärmen, denn jeder Brief schließt am Ende mit einer solchen Formel. Ein himmlischer Tag folgt jetzt auf den andern. Doch eine die Reise ins Gebirg bringt d. Vater blos bis zu dem der Welden so gepriesenen Starenbergersee . Der Weg nach dem Schlier-See ist zu weit u – zu schlecht; auch sind alle Menschen oder wollen, wie nur die eben genannte setzen, ganz entzückt. Ich hoffe unsrer zwei, ich u Welden, werden in Baireut einen Triumphzug d.h. einen Triumphwagen sehen lassen . Ihr müßt uns alle ganz eine Ovation p d. h. eine Kalbs- aber nicht eine Ei- (ovum, ova heißen die Eier) mahlzeit auftischen. Ich bin selig, wenn ich mir an djenen Augenblick denke.

Unser Voss schreibt immer u viel Schönes. Am 20 Octob. ungefähr fängt die Plage oder die Freude in Heidelb. an . Laß doch Miedel es zu wissen thun, daß der ein Kutscher-Postillon nach München geht, der seinen Brief (Antwort) bringt u ihm zur Vergeltung einen wiederbringt: sonst darf ich bis in d. August warten. Lieb wär es mir, wenn ich von Thüngen auch ein Blättchen läse, von jenem herrlichen Jüngling. Die Schulgelehrsamkeit von Wagner wird doch seinen Geist nicht einengen u die gehörige Jugendfreiheit zerstören? Zu bedauren sind solche Menschen, die nur dem Befehl eines Machthabers gehorchen u nicht ihrem eignen. Ich will nun für Emma die benannte Oper suchen; aber dann ist sie so gut u spielt mir u singt etwas Gelerntes vor. Möchte es einem Münchener-Gesang (privat) gleichen. Ich glaube, der Vater schweigt ganz davon; doch sein goldner u perlenreicher Mund soll euch jetzt keine Ide flüssigen Perlen geben; hingegen ächte bei seiner Rückkunft. Gott segne Euch Alle u alles, was euch im Herzen wohl ist gefällt. Geht häufig spatzieren u denkt immer an die allen unvergeßlichen Promenaden. Welden bekam seine Schokolade richtig doch – nicht – eingepackt, wie die sorgsame Schaffnerinn befohlen . Bei uns gilt das gleich. Zuerst hielt ich eine Lage für |2 mein Eigenthum; doch ich ließ es auch mit unscheelen Augen aus den Händen. Ich will nicht wiederholen, was München für Schönes dem V g ulen Vater aufzeigte, obich es gleich nicht weiß (nemlich was in seinem Briefe steht.) Der König u d. Vater sahen sich nur eimal [...] recht an; obgleich schief u immer. Die Aehnlichkeit ist auffallend. Den König sah ich in persona nie; doch das macht nichts, ich kann ihn doch nur als d Vat. an mein Herz drücken. Was wünschtest Du denn, gute Mutter? sag mirs ja. ins Ohr; oder Kleider? Doch die gibt Dir H. Seligmann besser u wohlfeiler, wenn auch nicht geschwinder, als der Kutscher . Recht freute ich mich, daß Ihr Alle einen so frohen Abend bei Emanuel zubrachtet; gib so etwas der Himmel öfters. Eine Charakterschilderung hiesiger Personen kann im mündlichen Gespräch besser u sichrer erfolgen. Als der Vater neulich einen Nürnberger Kutscher um einen Retourweglohn fragte, sagte er ganz gemütlich: 10 fl. für die Person; 30 fl, wenn ein Herr allein führe. Hundert Dinge machen eine Zurück chaise widerlich. Wenn nun jen Alle Wagen sollten Retourwagen sein, so würde das nehmliche herauskommen. Der englische Garten u der chinesische Thurm sollen heute recht prangen, denn heute spatziert endlich der König hinaus . Deßwegen spielen die Musikanten. Alles wird gepropft voll. Grüßet Otto u Emanuel recht herzlich u durch mich vom Vater tausendmal. Legt alle eure Wünsche auf ein Blättchen Papier. Grüße Em. Kinder u Frau von mir. Julius lebt also jetzt ganz in nördlichen See-Stürmen. Wer weiß, wo u wann wir zsmtreffen. Man Das mir geschenkte Zeug muß dennoch nach B. wandern. Die Ursachen kennst u leicht u besser als der Schneider , gute Mutter.

Daran ist Schmidt schuld. Heute hat er d. V. bei sich z. Mittagessen. Welden wird über Neuburg gehen, seine Tante besuchen. Acht Jahre trennten sie. Nun, so muß ich auch dahin.
Auch liegt mir an so etwas wenig. Lebt wol, ihr Guten. Euer Max.
Die Wagners Sache soll auch durchgeführt werden.

Denkt, ein Hüber-Stollen kam von Otto nach München. Er schmeckt vortreflich.

Zitierhinweis

Von Max Richter an Caroline, Emma und Odilie Richter. 27. und 28. Juni 1820, München, Dienstag und Mittwoch In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0414


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Bl. 4°, 2 S.


Korrespondenz

Zur Datierung: Begonnen am 27. Juni, dem Tag, an dem der bayerische König nach Baden abreiste, geendet am 28. Juni 1820, dem Tag, an dem Jean Paul beim Münchner Kabinettprediger Ludwig Friedrich Schmidt zu Mittag aß. Der Brief kam am 2. Juli bei Caroline Richter an, einen Tag nach Max' "Blättchen". (4. Abt., Bd. VIII, Nr. 49)