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Baireuth den 8ten September
1818.

Verehrungswürdigste Frau!

Ihr mütterlich liebender Brief mit der herzlichen Aufforderung zu einem unumschränkten Vertrauen für allen Umständlichkeiten unseres Lebens, war mir sehr rührend. Ich fand darin, wenn ich es auch nicht früher gewußt hätte die ganze realität Ihres Wesens das sein Intereße Niemals dem Scheinwerthe verschenken kann, und ich ehre Sie um deswillen doppelt. Doch wie wenig ist es möglich daß durch briefliche Mitteilungen Ihnen ein ganzes treues Bild unseres Daseins zu geben, indem so viele kleine Schattirungen da die nur durch Anschauung gegeben werden können ein Gemälde vollenden. Der tiefste Menschenkenner muß in die Physionomien schauen, und alle Thaten und sonst geäußerte Gesinnungen reichen nicht hin zu einem richtigens Urtheil über die Menschen zu führen. Ehe Sie also die Kinder und mich nicht gesehen haben werden Sie nicht überzeugt sein können ob die Nebenfiguren dem Haupt und Urbilde das Sie Gott sei Dank ganz erkannt und geliebt haben harmonisch sich anschmiegen.

Doch über die Kinder kann ich Sie beruhigen und mit heiligem Ernste behaupten, daß sie reine Abdrücke des Wesens ihres Vaters sind.

|2 Könnte ich etwas zu ihrer moralischen Vollendung wünschen, so wäre es, eine Zeitlang in dem Schooße einer so klassischen Familie (erlauben Sie mir den Ausdruck, wo ich weniger die intellektuelle Höhe auf der Sie Alle stehen meyne, als die regelmäßige und bis zur Idylle erhobene Häuslichkeit) zu wohnen um das Nothwendig-Gemeine des Lebens in einer Art Adel und Verklärung treiben zu sehen. Dies ist eine Seite des Lebens die ich mich bestrebe ihnen immer wichtiger zu machen, weil sie eben ihres wenig imponirenden wegen in der großen ästhetischen Welt, so oft übersehen wird.

Was mich anbetrift so bin ich vom ernstesten und frömmsten Willen beseelt meine Pflicht zu thun – Allein es ist ein Unglück, daß ich ein zu weiches Herz in meiner Brust trage. Dieses Herz, liebe Mutter, hat mir oft mein Glück und das Glück meines Mannes verdorben, denn es will lieben und ob gleich nur in ewigen Opfern für Mann und Freunde sein Glück findend doch den großen Lohn finden, wieder erkannt und geliebt zu sein.

|3 Ein großes Glück für mich war es, daß ich von früher Kindheit an, obgleich ohne die beständige Aufsicht einer Mutter erzogen , und in etwas zu unbestimmten und lockern Familienverhältnissen lebend, einen großen Trieb zu Thätigkeit und Nüzlichkeit empfand, die sich ohne Unterschied des Gegenstandes bei mir äußerte, und mich für die Pretiosität bewahrte die so oft Mädchen eines gewissen Standes aus falschem Stolze an sich tragen. Ich [...] gieng wie man zu sagen pflegt "durch Dick und Dünn", und war zu stolz, um dafür stolz zu sein. Diese Kraft und viel mechanisches Genie machte daß ich kein träumendes sentimentales Wesen wurde, und im Hausstande ohne viele fremde Hülfe und Bedienung Alles was in meinen Kräften ist leisten kann. Wie viel Beruhigung für meine Seele gewährt mir noch diese Thätigkeit. Sie sehen daraus, daß ich kein unnützes Hausthier bin, und doch in etwas zu brauchen. Allein alle diese Dinge sind mir nicht Zweck des Lebens sondern nur Mittel zu feinerem schöneren Dasein das nach abgethaner Arbeit eine noch süßere Würze hat. Indessen ist mein Streben nie nach glänzenden täuschenden Genüssen, sondern es ist immer das Herz, das Freunde, und der Geist, der Unterhaltung begehrt.

|4 Ich stehe früh Sommer und Winter auf, die Idee dessen was zu thun ist, und nur durch Eifer gefödert werden kann ist mein täglicher Wecker. Zuerst arbeite ich ein wenig, so lange es die Bereitung des Frühstücks erlaubt, das ich selbst mache. Alsdann frühstücke ich allein mit den Kindern die Morgens nur Milch und Semmel bekommen. Um 6 1/2 Uhr oder um 7 steht mein Mann auf der wegen seines unterbrochenen Schlafs und des Schweisses welcher seiner Gesundheit unerlaßliche Bedingung ist, länger im Bette bleiben muß. Er wartet mit dem Kaffee noch eine Viertelstunde bis er Wasser getrunken hat, und trinkt ihn beim Lesen vorbereitender Sachen auf dem Kanapée liegend allein auf seinem Zimmer. Nun werden die Stuben gereinigt, die Kinder und ich haben uns unterdessen gekleidet, und um 8 Uhr ist in meiner Wohnstube alles geordnet. Nachdem das Mittagbrod [...] eingeholt und vorbereitet ist, arbeite ich nun meine weiblichen Sachen, die Kinder bereiten sich auf ihre Stunden vor, oder halten sie ab. Wir essen spät daher kann ich gewöhnlich bis um 11 Uhr ruhig auf meinem Stuhle sitzen. |5 Nur an den Markttagen Mitwoch und Sonnabend wo ich oder meine Emma alles selbst einkaufen ist es unruhiger. Der Max ist den ganzen Vormittag im Gymnasium. Um 11 Uhr gehe ich in die Küche. Ist e Wir essen nur ein Gericht, doch muß es kräftig und mit Behutsamkeit gekocht gedämpft oder gebraten werden, damit es gerade die rechte Mitte hat, und da das keiner Magd in seinen feineren Nuancen beizubringen ist, so bewache ich es selbst [...] je nachdem es mehr und oder weniger Aufsicht nöthig hat. Oder kommt ein Besuch so vertritt Emma meine Stelle. Um 1½ Uhr schlägt die Mittagsglocke wo mein Mann nicht eine 1/16tels Sekunde zu früh gerufen werden darf, dem übrigens am Vormittag alle glänzenden Markt Aquisizionen jubelnd gezeigt werden dürfen. Wie oft kömmt er selbst herüber und nimmt theil an Allem und frägt. Wenn er dann wohl mitunter seine Hand auf meine Stirn oder Schulter legt so bin ich seelig und möchte ihm zu Füssen fallen – im Gegentheil aber pressen Thränen meine Brust die seit langer Zeit mich durchdringen. Beim Essen spricht mein Mann viel mit den Kindern, dann ruht er ein wenig. Ich arbeite weiter fort – die Kinder auch Handarbeiten |6 meine Liebhaberei sind künstliche Nähereien und Stickereien, wenn gerade an Kleidern, die ich alle selbst mache, wozu auch Westen und Beinkleider zuweilen auch Haus Überröcke für meinen Mann gehören, und Wäsche, das Nothwendige gethan ist; kommen diese dessert-Arbeiten an die Reihe. So überflüßig ich sie auch selbst finde, so betrachte ich sie als e unschuldige Spielereien bei denen ich doch meine Aufmerksamkeit für meine Familie unzerstreuter behalten kann als wenn ich wie hier die größere Menge viel ausgienge. Gern lasse ich mich von meinen Freundinnen besuchen, allein ganz wüste werde ich wenn nur zweimal in der Woche ein Caffee oder Thee mich in Anspruch nimmt. Nur die Sommerspaziergänge sind mir für meiner Kinder Gesundheit eine Pflicht. Doch gewis bin ich unter allen meinen Bekannten diejenige die am seltensten im Freien ist. So ökonomisch wir es einrichten und meistentheils nur auf einfachen Dörfern unseren Caffee mitnehmen und selbst kochen, so summiert sichs doch am Ende. Wie glücklich sind dann meine Kinder denen ich oft erlaube ihre Gespielinnen mitzunehmen!

Nie begleitet mein Mann diese kleinen Exkursionen. Ist es schön, so geht er am Morgen mit seinen Papieren in Gärten – oder er geht nach einem Ort 1/2 Stunde weit, zur Frau Rollwenzel einer Wirthinn, die |7 sich in ihrer Classe sehr auszeichnet. Nicht wegen der Feinheit ihres Betragens, sondern wegen der Originalität ihrer Gesinnungen, und der derben Kraft ihres Geistes. Sie liebt meinen Mann aus wahrem Gefühl seines Werthes, und sie wird mit ihm zur Unsterblichkeit gelangen da er so oft in ihrem Hause seine Studierstube aufschlägt, so daß es in Baireuth ganz bekannt ist, und Fremde um ihn zu sehen sich dahin wenden. Sie ist auf eine eigne Art begeistert wenn zwei berühmte Männer, wie einst Thümmel und mein Mann bei ihr zusammentreffen . Doch gewöhnlich kömmt mein Mann Nachmittags um 3 – 4 Uhr wieder von dort nach Hause. Fremde die ihn vielleicht Morgens zu besuchen dachten, werden Nachmittags wieder herbestellt und gern nimmt sie mein Mann in meinem Zimmer an. Abends um 7 geht er in die Harmonie um acht wieder nach Hause, arbeitet eine Stunde für sich, und Ab um 9 Uhr essen wir. Der Abendtisch besteht auch nur aus einem einzigen aber warmen Gericht. Von acht Uhr an war ich dann wieder in der Küche die mir sehr leicht und schnell zu besorgen wird. Abends sind es nur fragmentarische Sachen die zubereitet werden. Hier ist mein Mann am gesprächigsten und oft sitzen wir bis 10 Uhr am Tisch. Als dann wird gleich zu Bette gegangen. Auch ich erlaube mir selten nach dem Essen zu lesen weil ich des frühen Aufstehens wegen meine Kräfte schonen muß. |8 Denn obgleich von einer ununterbrochenen Gesundheit die auch meine Kinder geerbt haben, fühle ich doch oft eine Erschöpfung die mich mahnt dem Körper nicht zu viel zuzumuthen – und mehr aus Vernunft als aus Neigung gebe ich mir die nöthige Ruhe.

We So ist der gewöhnliche Gang unserer Tage, Sie sehen daraus wie gesammelt für seine Pflicht man dabei bleiben kann, und in der That ist mir nichts wichtiger als mir und meinen Kindern diese Sammlung des Geistes zu bewahren bei der man in jeder Minute des Unerlaßlich-Nothwendigen sich bewußt ist. Kalte Gemüther werden vielleicht weniger durch äußere Veranlassungen aus dem Gleichgewicht gebracht allein ich hatte eine so stille Wiege des Schicksals nöthig um ein heißes Herz und eine reizbare Phantasie in Schranken zu halten. Vor einigen Jahren glaubte ich mich sogar zu einer Art Weisheit gelangt und werde daher oft zur Rathgeberin meiner Freundinnen erwählt – allein es kamen Momente die mich überzeugten, daß es noch gar so weit her damit nicht wäre, und ich fühle oft in mir alles Schwankende und Abhängige eines Kindes. Meine Emma übertrift mich bei Weitem an Ruhe und Verstand, aber ich will sehen was sie ist, wenn sie einmal lieben wird. Odilie ist mein Ebenbild – aber ihre unendliche Kindlichkeit möge bis ins spätere erwachsene Alter fortdauern.

|9 Sonst durfte ich meines Mannes Arbeiten ehe sie zum Drucke kamen abschreiben, und er hörte gern mein Gefühl über manche Stelle darin. Jetzt besorgt Emma dieses Geschäft, und ich lese alle Sachen erst nach dem Druck. Niemals ließt mein Mann etwas vor, auch liebt er nicht vorlesen zu hören, weil er zu lebhaft ist. Sein alles überflügelnder Geist läßt es nicht zu daß ich mich ohne Schüchternheit äußere, und es erscheint mir alles überflüßig und einfältig was ich sagen könnte.

Ich bitte nicht wegen meiner Weitschweifigkeit um Verzeihung, da ich durch Ihre Liebe dazu aufgefordert worden bin. Ich fühle es wie lieb auch mir jeder kleine Umstand aus Jean Pauls Leben sein würde, den ich mir sonst als kein dem Irrdischen angehöriges Wesen dachte. Haben Sie Dank dafür, ich liebe alle Menschen stärker die an ihnn einen höheren Seelen-Antheil nehmen.

Möchten Sie auch mir Manches aus Ihrem früheren Leben sagen, sind Sie die Luise , die der liebenswürdige Dichter so herrlich besungen hat? Diese Luise, und der 70te Geburtstag sind mir die Lieblingsgedichte aus des großen Voß Sammlung. In dem Theil des Shakesspeare ist mir die Vorrede das Interreßanteste, den Kunstwerth der Übersetzungen kann ich nicht beurtheilen da ich kein Englisch verstehe. In meinen Jugendjahren verschlang ich den Shakespeare in der Eschenburgischen Übersetzung, aber Schlegel wollte mir nicht gefallen.

Gottes Seegen über Sie, ihren Gemahl, und Sohn. Mit meinen Kindern empfehle ich mich Ihrer Liebe.

Caroline Richter
geborene Mayer

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Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Ernestine Voß. Bayreuth, 8. September 1818, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0494


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
2 Dbl., 1 Bl. 8°, 8 S.

Überlieferung

D: Nerrlich, S. 279 (stark gekürzt).

D: Persönlichkeit, Nr. 258, S. 228-229 (stark gekürzt).


Korrespondenz

B: Von Ernestine Voß an Caroline Richter. Heidelberg, 16. August 1818
A: Von Ernestine Voß an Caroline Richter. Heidelberg, 4. Februar 1819