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Leipzig. Am 26sten Ocktb. 1802.

Diese Zeilen, mein geliebter Vater, sollten eigenlich in Begleitung deßen, was Sie durch den Comißionarius des Herrn Lagarde erhalten sollenwerden, oder schon erhalten haben – zu Ihnen gelangen. Allein die Abreise des jungen Mannes, überraschte mich so, daß ich nicht eimal Zeit übrig hatte, Ihnen die Schnupftücher alle, zu säumen! – Sie erhalten also diese und die Spizen jetzt;, und was ich Ihnen nun noch schickte, wird Ihrem Wunsche gemäß gewiß, durch die Gefälligkeit der Md. Cray befördert werden. Wenn ich wüßte, daß Md. Cray vielleicht durch Henriette auf diesen Wunsch vorbereitet wäre, so würde ich selbst zu ihr gehen, und sie noch besonders darum ersuchen. – Doch ich lese in diesen Augenblick Ihren Brief, noch einmal, und finde es wahrschein- |2 lich daß, Mad. Cray schon davon weiß – und werde nun keinen Anstand – morgen noch zu ihr gehen und mich mit ihr deshalb zu verabreden.

Mad. Cray hatte die Güte uns schon eimal bey sich einzuladen. Es war der Tag der wöchentlichen Assemblé , welche von Woche zu Woche in den Häusern, der ersten Familien hier – statt findet! – Ich befand mich aber nicht wohl, und sehe mich darum genöthigt absagen zu laßen. – Überdem spieltfühlt man sich in diesen Versamlungen, in welchen nur gespielt wird, [...] recht verlaßen, wenn, man sich so wie ich, nicht entschließen kann – von diesem Theil der gesellschaftlichen Unterhaltung fait zu machen. Wenn es auch in gewißer Rücksicht Pflicht wäre darin der Convenienz zu folgen, und – zu spielen – weil eimal alles spielt – so ist es auch wieder in anderer Hinsicht |3 nicht so ganz vernünftig. Hat man es eimal gethan, so darf man nicht mehr ausschließen – und es gehörte eine sehr reiche Börße dazu um es den Frauen, welche alle enorm hoch spielen, mit kaltem Blute gleich zu thun! —

Dem Himmel sey Dank, daß es noch andre Reßourcen für geselligen Genuß giebt als diese! – Wäre das nicht – so würden wir wohl noch eingezogner leben, als es jetzt, ganz nach dem Sinne meines Mannes der Fall ist. – Mein Mann hat jetzt ein Lieblings-Studium, seiner frühern Jahre, die Astronomie wieder ergriffen. Das feßelt ihn so, und macht ihn so ganz glücklich, daß er keinen trüben Augenblick hat, als nur wenn der Horizont etwas verdunkelt ist, und er dadurch in seinen nächtlichen Betrachtungen gestört wird. Ich nehme auch Stunden darinn, und das sind |4 köstliche Abende, wenn mein Mann mich unterrichtet. –Außerdem ent erlaubt mir mein guter Mann, noch Unterricht im Singen zu nehmen, weil dies Talent weit geselliger ist als das bloße Klavierspiel. – Auch die Guitarre soll diesen Winter gelernt werden. – Da es scheint als wolle mir der Himmel das Glück Mutter zu seyn, ganz versagen, so habe bedarf mein Gemüth eines Trostes über die Verfehlung meiner eigentlichsten Bestimmung, die aber das Schicksal so zu wollen scheint; und wo könnte ich diesen Trost sicherer finden, als wenn ich mein Auge zu den Sternen erhebe, und die Künste zu meinen Vertrauten mache. –

Leben Sie wohl, mein geliebter Vater und – zürnen Sie nicht daß ich noch nicht an Henriette geschrieben habe. Mit der morgenden Post schreibe ich gewiß. Leben Sie wohl, bester Vater

ewig Ihre
E. M.

Die Schnupftücher sind an der Zahl: 16: weil sie nicht Duzendweise, sondern Stückweise verkauft werden und jedes Stück enthält einmal 8 Tücher. Acht Tücher nur wäre aber doch zu wenig, darum nahm ich: 16:

Zitierhinweis

Von Ernestine Mahlmann an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Leipzig, 26. Oktober 1802, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0588


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.