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Lindenau bey Leipzig 30 May 1809

Mit einem recht schönen Eindruck im Herzen bin ich glücklich wieder in die Heimath zurückgekehrt. Ihr Bild, Liebe, hatte den mächtigsten Antheil an dieser erhabeneren aber sanften Stimmung meines Gemüths! Die Ferne hatte es früher unklar werden laßen aber mit neuer Frische steht es nun wieder lebendig vor meiner Seele. Möchte meine Erscheinung doch auch so auf Sie gewirkt haben! Aber dieses darf ich nicht hoffen, denn ich bin nicht so sanft und mild wie Sie, und keine andre Gewalt [...] in einem Weibe wenn sie sich ihrer auch rühmen dürfte, wirkt so eindringlich und unauslöschlich, als der Zauber , den Wesen Ihrer Art aushauchen. Es war recht schön bey Ihnen und unter Ihnen, denn zu Ihnen gehört Alles was Sie umgiebt, von den Kindern an, bis auf die Geräthe in Ihren Zimmern. Alles das, ist mir recht gegenwärtig, und |2 lieb geblieben.

So wäre also durch meine Anwesenheit so kurz sie auch war, für meinen Entschluß W[...] oder vielmehr, für meine Idee, Weimar zu meinen Asyle zu wählen , für diesen Gedanken, meine ich, wäre mehr geschehen entschieden als dagegen. Wenn es nämlich allein davon abhienge ob es mir gefallen hätte Aber daran liegt weniger, — als A a n Vielem was Ihr Mann für entscheidend hielt, liegt weniger, als an einem einzigen Worte, das Sie dazu sagen: Ob ich Ihnen nämlich etwas seyn konnte? Darnach verlangt mein Herz, und meinem Herzen, das seit langem keine Ansprüche machte, gebührt auch endlich einmal sein Recht. Mir fehlt ein Wesen das mich lieben könnte, das ich wieder liebe; alles in mir, in diesem Augenblick, deutet darauf hin daß es kein Mann, sondern ein Weib seyn müßte. Ich habe in meinem Leben nur eine Freundin gehabt, dies |3 war die Sander, die ich abgöttisch geliebt habe. Seit zwei Jahren ist sie mir untergegangen — ich habe den Glauben an sie verlieren müßen, so sehr ich mich auch sträubte. Ihr Mann verwieß, und verweißt mich mit Recht für das Bedürfniß der Ergötzung und Unterhaltung, an Madam Sch . Er hat Recht. Von dieser wird alles ausgehen was mein äußres Leben erfreulich machen dürfte, aber für mein Innres verweise ich selbst mich an Sie. An Sie allein, die Sie so still, so beruhigend, durch jede Bewegung Ihrer zierlichen Gestalt, durch jedes Wort das Ihre reinen jungfräulichen Lippen hervortönen, die Seele anreden. —

Thun Ihnen diese Geständniße wohl – denn so muß ich fast meinen Brief nennen, so sagen Sie mir es mit wenigen Worten, und ich bin Ihre, Weimars, der Sch . den Bäumen und Vögeln Ihres Parks, allen – die mir freundlich entgegen treten.

Ach wie so sehr habe ich gefühlt, als ich |4 so nahe Ihnen war, wie reich Sie in Ihrer Beschränkung sind! Wie viel Sie sind indem Sie blos da sind. – [...] Ich habe hier ein paar Zeilen für die Sch . beigelegt. Sie hat mich intereßiert, hinlänglich intereßiert um den Beruf an sie zu schreiben, aus mir selber, nicht aus fremden Motiven herzunehmen

Falk grüße ich herzlich – er ist sehr liebenswürdig in seiner Lebendigkeit, aber an Ihrer Stelle würde es mich quälen, sein Innres so in ewiger Gährung zu sehen. Wann ist er denn ruhig? –

Ich hoffe die Bekanntschaft mit Herrn Brockhauß, soll Falk nicht blos angenehm sondern auch nüzlich geworden seyn. Es sollte mich freuen wenn er ihm etwas in Verlag gäbe. Nun schließe ich mit einigem Wiederstreben, nicht weil das Papier daran erinnert, sondern weil ich Sie zu ermüden fürchte. Alles was ich noch sagen möchte, dränge ich in dem einzigen Worte zusammen

Ihre ganz Ihre

Minna Spazier

llen Sie doch die Addreße an Madam Schoppenh . mit ein paar Federzügen aus, ich traue meinem Gedächtnis im Nahmenbehalten nicht all zu viel.

Zitierhinweis

Von Minna Spazier an Karoline Falk. Lindenau bei Leipzig, 30. Mai 1809, Dienstag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0593


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Textgrundlage

H: GSA, 15/II,1D,14
1 Dbl. 8°, 4 S.