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Freitag den 20 Sept.

Geliebte Odilie!

Ich muß Dir heute des Vaters Ankunft wieder abschreiben, aber dafür die meinige Dir auf die nächste Woche verheißen . Wie Du mich dauerst gutes Kind, da Du Dich gewis so unendlich darauf gefreut hast kann ich Dir nicht sagen, und doch muß ich es Dir sagen. In dem Augenblik wo ich dieses schreibe erhältst Du vielleicht meinen vorigen Brief und bißt außer Dir vor Freude, und nun muß ich Dir auf einmal alle Deine schönen Hoffnungen nehmen und Deine Anstalten sind vergeblich! Dienstag wo ich Dir es schreiben mußte, trieb mich der Vater, und am anderen Morgen war ihm alles wieder leid. Er findet die Morgen und Abende jetzt schon zum Reisen zu kalt, und Gott weiß, welch ein Heer von Bedenklichkeiten! und diesmal schien sein Vorsatz so fest zu sein. Eine einzige Sache beruhigt mich, daß der Vater vielleicht |2 Manches getadelt hätte was in dem Heineschen Institut eingerichtet und unumgänglich nothwendig ist, wenigstens sagen Weldens einstimmig, es wäre besser wenn ich zu Dir gienge, ich könnte Dir mehr nützen. Und so beruhige Dich, liebes Kind, ich kann nichts dafür, und hätte bei Gott, lieber den Vater mit Emma bei Dir gesehen.

Ich weiß noch nicht den Tag wann ich abreise aber darauf kannst Du Dich verlassen, daß ich Dich nicht täusche. Heute, ob es gleich der Emma Geburtstag ist, habe ich Sauerkraut eingemacht, und will morgen Pflaumen einkochen, damit ich keine häusliche Sorge hinter mir lasse. Könnte ich nur ganz bei Dir bleiben bis zu Deiner Rückehr. So lange es schön war dachte ich ohne Unruhe an Dich, aber so wie es kalt und trübe wird ist es mir als wenn Du mehr das väterliche Haus vermissen würdest, und weniger zufrieden dort sein könntest. Überhaupt ängstigt mich Dein langes |3 Schweigen außerordentlich, den einzigen Grund den ich mir davon denken kann, ist, daß Du vielleicht durch eine Arbeit für Emma, beschäftigt nicht sobal eher hast schreiben wollen, bis Du siediese abschicken kannst. Denn ich hoffe doch, daß Hecht unmittelbar nach Würzburg wird gereißt sein, und der unglückseelige Pflaumenkuchen nicht wird verdorben sein, wenigstens bekam er alles in dieser Voraussetzung mit – und ohne einen Grund, würdest Du uns doch gewis gleich geschrieben haben. Krank wirst Du doch nicht sein! Das wäre entsetzlich. Oft denke ich mir das Aergste, denn nachdem was wir erlebt haben, können wir irgend eines Glücks gewis sein? Möchte meine Angst vergeblich sein und wenn ich dann zu Dir komme, wirst Du mir noch einmal das feierlichste Versprechen geben, uns auch von dem leichtesten Krankheitsanfall zu unterrichten. Die arme Donauer wäre auch beinahe durch eine solche |4 Schonung ohne das Geringste zu ahnen um ihren jüngsten Sohn gekommen. Er war am Tode an einer Lungen Entzündung. Er ist seit 3 Monaten krank, und noch so schwach daß er, nur in warmen Sonnenschein von Erlangen bis hieher reisen kann, und von einer Festlichkeit, wieder ein Fieber mit nach Hause brachte.

Nun will ich Dir sagen, was ich für Emma gekauft [...], Krepp zum Kleide, 2 Ellen weißen Atlas zur Garnirung, grünen Levantine zum Spencer , und 1 paar kurze Handschuh. Gestern backte ich einen Kugelhopfen, von dem ich Dir ein Stück wünschte. Gesellschaft bitte ich nicht aber Luise, Fanny Welden, Helene und, Mathilde Plotow habe ich zum Caffée auf der Bürgerreuth eingeladen, und Abends soll Emma mit Weldens ins Schauspiel gehen. So ist der Tag glücklich für sie, hingebracht.

Nun lebe wohl mein Engel und möge die Täuschung Dir nicht zu schwer zu ertragen sein!

Ewig Deine

über Alles, Dich liebende
Mutter Caroline

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Odilie Richter. Bayreuth, 20. September 1822, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0594


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 4 S.