Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Heinrich Voß an Caroline Richter. Heidelberg, 5. September 1817, Freitag

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Heidelberg d. 5 Sept. 1817.

Ich hab' eine große Bitte, und damit sie erfüllt werde, wende ich mich an die theure Gattin des theuersten Mannes, und das ohne allen Umschweif. Ich muß eine Haarlocke haben von dem mir so heiligen Haupte: und die senden Sie mir ; ich bitte herzlich darum. Oft wollte ich meinen Jean Paul selbst darum bitten, und immer hielt mich etwas davon ab –, ich weiß nicht, war es Schüchternheit, oder Furcht, den Zudringlichen beigezählt zu werden, die sich diese Freiheit wohl oft genommen haben. Aber der Wunsch nach dieser Haarlocke schweigt nicht in mir. Ich besize einen Wilhelm Tell, mir an einem meiner Geburttage von Schiller geschenkt: Drin liegt eine Locke von Schiller. Neben dieser soll Jean Pauls Locke ruhen, wenn Sie mir meine Bitte nicht versagen. O thun Sie es ja nicht.

Welche herliche Tage hat uns der theure Mann geschenkt ! Wir können noch gar nicht aufhören, von ihm zu sprechen, und ich kann im ernstesten Sinne des Wortes sagen, wir Heidelberger führen ein Leben in Jean Paul. Sehen sich ein Paar seiner Freunde, gleich ist das Losungswort zu einem endlosen Gespräch gegeben. Ich bin dankbar gegen die Vorsehung, daß sie mich diesen Mann finden lies. Und soll ich Ihnen eins sagen,? und mein theurer Jean Paul mags auch lesen: – ich hatte ein wenig Scheu –, bis ich ihn gesehn hatte. Ich liebte ihn unaussprechlich, so sehr man ein nie gesehenes Wesen lieben kann; dabei aber fürchtete ich, er möchte im Leben doch etwas anders sein als in den Schriften; und das dank' ich einem der schlechtesten Menschen, die die Erde trägt, einem Doctor Hartung, |2| der meine Eltern und mich einmal eine Stunde über Jean Paul unterhielt, und unter andern sagte: Jean Paul sei ein Barbar*) gegen seine Kinder . Das hab' ich nun freilich nie geglaubt; aber meine Fantasie war vergiftet. Mein Vater hat seitdem den Doctor Hartung nie wieder vorgelassen; "denn wer so sprechen kann über einen, den er seinen Freund nennt (ist sein Wahlspruch), der ist ein gefährlicher Mensch". – Nun begreift mein theurer Jean Paul, wie es mich rühren mußte, wenn ich ihn von seinen Kindern reden hörte, und von seiner geliebten Gattin. – Ich bitte Sie, lassen Sie diesen Dr. Hartung nie wieder ins Haus. Wer das gesagt hat über diesen Mann, den halt' ich jeder Schlechtigkeit fähig.

*) Für mich die gräßlichste Verläumdung! Sollte man nicht unbekümmert schlecht scheinen den bairheuter [...] Hunden u. Hündinnen um ihnen nur [...] die Verläumdung zu ersparen?

Wie leid thut mirs, daß wir Sie hochverehrte Frau, nicht zugleich bei uns sahen. Der lezte Brief aus Baireut machte uns Hofnung, Sie würden den theuren Mann abholen . Das hat diesmal nicht so sein sollen. Aber das nächstemal. An meiner Mutter werden Sie eine treue Freundin finden, das versprech' ich Ihnen.

Im Herbst 1818 komm' ich auch auf ein Tag zu Ihnen; dann entführe ich Sie alle, die Kinder mit, auf die Bettenburg zu meinem Truchseß. Das muß bis dahin möglich gemacht werden. Die Reise ist gar nicht so weit, als wie Jean Paul denkt: Ich hab' auf der Karte nachgesehn. Höchstens sinds 1 ½ Tagereisen, und nicht über Hildburgshausen geht der Weg. Die Burg ist auch für Frauen eine Burg, wie meine Mutter bezeugt, die vier selige Tage dort gelebt, und in wenigen Wochen wieder hinreiset.

Mit Ehrerbietung nenne ich mich, den Jean Paul brüderlich an sein Herz drückte, ganz den Ihrigen.

Heinrich Voß.

Zitierhinweis

Von Heinrich Voß an Caroline Richter. Heidelberg, 5. September 1817, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0653


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Textgrundlage

H: Goethe-Museum Düsseldorf, Sammlung KippenbergNr. 3320 (KK 4692)
1 Bl. 8°, 2 S. Über dem Brief vfrH: An Jean Pauls Gattin.


Korrespondenz

A: Von Caroline Richter an Heinrich Voß. Bayreuth, 28. September 1817