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Korrespondenz

Von Ernestine Mayer an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Leipzig, 29. Dezember 1800, Montag

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den 29. Dezembr 1800.

Endlich mein geliebter Vater, wende ich mich wieder zu Ihnen mit dem Gefühl des erneuten Lebens – der vollen wiedergekehrten Gesundheit und des frohen Muthes! – Meine Krankheit war wohl an sich nicht sehr bedeutend aber Gemüthsbewegungen aller Art worunter die frohen den ersten Platz einnahmen und gerade am aller angreifendsten sind – brachten einige Rückfälle hervor welche bey einem immer fieberhaften Zustande gefährlich schienen. Doch jetzt ist alles alles wieder gut und ich ganz froh, und ganz glücklich!

Das Weinachts-fest habe ich noch im Bette zugebracht was hier kle keine Kleinigkeit ist – wenn ich Ihnen sage daß man hier vier Tage feyert. – Aber [...] alle die frohen Überraschungen die Pflege der guten Minna die ich nicht dankbar genug erkennen kann haben mich nicht allein meinen Zustand erträglich sonder mehr als das gemacht.

Für ihr gütiges Weinachtsgeschenk, mein geliebter Vater sage ich Ihnen noch einmal den herzlichsten Dank. – Das was Sie für Minnas Kinder bestimmt hatten – habe ich ihrer disposition überlaßen weil ich wußte daß es ihr so am angenehmsten war. Nichts hat mich im Genuß meiner Freuden gestört. als |2 das drückende Gefühl des Empfangens ohne wieder geben zu können. daß meine dumme Krankheit mich meine Freiheit so beschränkt hat daß ich nicht fähig war für Sie mein guter, guter Vater etwas zu arbeiten – schmerzt mich am meisten – doch Sie vergeben mir auch aus diesen Gründen wenn ich es noch nachhole. –

Auch jetzt bin ich so unglücklich nicht aus dem Zimmer gehen zu dürfen. Alles um mich her genießt dieser schönen Zeit – die bey jeder Wiederkehr uns zurück führt in die seeligen Tage der Kindheit und uns wieder mit zu Kindern macht. – Ich habe für mich einen ernstren Genuß. Der Wechsel des Jahres – wirkt ernst und feyerlich auf mein ganzes Gemüth! – Mit dem neuen Jahrhundert fängt zugleich ein neuer Abschnitt meines Lebens an und der wichtigste. – Nur der Blick in eine heitre lachende Zukunft – die mich für oede Jahre meines Lebens entschädigen kann, z[...] zieht mich mächtig ab von dem Rückblick in die lezten vergangne Jahres [...], die reich waren an Erfahrungen, und auf meine [...] innere Bildung auf mein ganzes Wesen den bestimmtesten Einfluß hattenWas ich alles empfinde |3 was ich für Sie empfinde mein über alles geliebter Vater, was ich für Sie vom Himmel erfehe erflehe – mein guter Vater – meinen Dank, meine Verehrung meine Liebe können Worte Ihnen nicht ausdrücken!

Ich beschließe diese Zeilen mit den innigsten Wünschen für Ihr Wohl – und für die Fortdauer Ihrer Liebe die in keinem Verhältniß entbehren kann.

Ihre
ewig treue
Tochter

Ernestine.

Zitierhinweis

Von Ernestine Mayer an Johann Siegfried Wilhelm Mayer. Leipzig, 29. Dezember 1800, Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0657


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 8°, 2½ S.