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Korrespondenz

Von Caroline Mayer an Ernestine Mayer, nach dem 13. November 1800

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Wie dank ich Dir, meine geliebte Tine, für Deinen lezten Brief , ich fühlte in dem Augenblik da ich ihn zuerst las, lebhaft wie Du, wie wir so fest und unzertrenlich an einander hängen. Wenn mich unglücklich fbin[...] bist du meine Zuflucht, du und Arbeit und das Annähern an eine andre reine erhabne Seele, das tröstet und erhebt über jeden Schmerz. Meine gute liebe Tine, es giebt Augenblike da ich gradezu dieden Ent Zwischenraum überspringen möchte der mich von dir trent – da ich nur allein an deinem Herzen Nachsicht – gleiches Gefühl – Verzeihung finden kann. Wir gehören auch zusammen – [...]

ich möchte dir recht viel von meinem Leben erzählen das Du Dir ganz anders denken magst als es ist. Es würde schöner seyn wenn Du es mit mir theiltest – Eine Freundin neben dem Geliebten – der beides nicht seyn kann. ich genieße eigentlich wenig Schönes. Wenig sag ich, denn ich meyne das Maaß, nicht den Inhalt des Genußes. Zugetröpfelt erhalt ich nur mein höchstes Glück. J. P. seh ich nicht alle Tage , und die Tage wo ich ihn sehe wird die Freude in 3 kurze Stunden zusammen gedrängt – und diese wie zerrißen w ein jeder schneidet sich ein Stück dieser Zeit ab. Da kömmt Papa mit seinen philosophischen Disputationen – Guste mit ihren frölichen Schänkereien, u Wilhelm mit seinen lateinischen Exercitien die er in unsrer Nehe treibt. Mich tröstet nicht die Aussicht des künftigen ungestörten Beisammenlebens – das kann ich mir gar nicht recht denken – und es kostet mir viel – freudig u liebend das zu ertragen – u doch muß ich es, wenn ich gut seyn, u der kurzen Freude werth seyn will. Dürft ich nur immer zu Hause bleiben, so würde ich glücklicher seyn – aber nun die unerträglichen Gesellschaften, die troz ihres größten interesses mir immer eine Pein sind – die bringen mich aus dem glückliche Gleichgewicht das die häusliche Ruhe giebt, u geben neues Anstrengen – Ermattung – u kosten mir oft Thränen.

Und doch immer heiter-heiter lachend u liebend oder man gilt in sich nichts, und anderen nichts.

|2 Es ist Die Kette von kleinen Pflichten u Bekämpfungen ist unendlich die die höhere Moralität uns auferlegt – die Anstrengung in diesen scheinbaren Kleinigkeiten über alles schwer und die Art wie wir überwinden das aller schwerste. Lächeln wenn das Herz blutet u es sich sehnt zertreten zu werden. Wundre dich nicht über meine Stimmung u das was ich dir sage – es sind vorübergehende Schmerzen die die Zeit u die Vernunft heilt, aber sie wollen sich Luft machen – ich bin ein Kind das weißt du, ein Kind meiner Phantasie – und d s ie Abs spielt mit mir – da quäl ich mich nun mit der Möglichkeit herum, daß J. P. mich einmal nicht mehr lieben könnte – weil es beßre Menschen giebt, u ich ihn eigentlich nicht mehr verdiene – u ich arbeite an mir das würdig u gut zu ertragen. ich will nicht weinen, und doch drängen sich die Thränen in der dunkeln Nacht – sind sie sündlich, wenn sie niemand sieht, u sie keinem weh thun?

Es erleichtert mich ordentlich indem ich den innern Gemüthszustand auf dem Papier male. in den So wie ich es übersehe dünkt mir die Farbe u die Sprache zu hart – als wäre es in mir sanfter – auch das ist recht gut, daß es ein Mittel giebt mich stiller zu machen – ein leichteres ach, als der absichtliche Zwang des Herzens wo man die Gefühle zusammen kneifen muß. ich werde aber doch bald zu meiner alten Anspruchslosigkeit zurückkommen, die nichts will nicht einmal Anspruchslosigkeit, sondern natürliche innige Stille der Seele – Stille durch Seeligkeit der Liebe zum Leben gewekt – nun wieder zur Stille – Ruhe – zum Frieden.

Aber alles was ich da sage – schattet u ist finster wie Eigennuz. ich bin aber nicht eigennüzig. Du weißt ich habe nie glücklich seyn wollen, als durch mein eignes Herz – gut werden – jede Rüksicht ist verachtend fest durchs Leben zu gehen. Nun hat mich der Himmel so seelich zu einem andren Laufe gewekt. er schenkte mir ja die Seeligkeit um die zu bitten ich für Vermeßenheit hielt. Das hob mich in mir u außer mir. |3 ich war auf einmal da, wo so wenige sind, nicht auf dem Wege sondern am Ziel des Glücks von wo aus ich einem neuen höhern Ziel entgegen gehe nachstreben wollte, u mein erreichtes Ziel war wieder ein süßes schönes Mittel zum neuen großen. ich dankte der Vorsicht mir eine solche Stüze gegeben zu haben. ich war also glücklich – –

nun soll es mich keinen Schmerz kosten von dem Berge worauf ich stand, einen Stein nach dem andren herunterrollen zu sehen – keinen? u ich soll nicht einmal seufzen, wenn das geliebte Herz immer weiter u weiter von meinen rückt? Also nur diesem Entfernen gilt mein Schmerz den ich auch für Freunde haben würde wie für mich. – [...]

Aber es giebt ein Glück das mir theurer ist, als meines u jedes. Ein Glück für das ich bluten u sterben, schmerzlich sterben möchte. u noch mehr als sterben – an deßen Erhaltung ich mein Herz langsam dem Gram verzehren sehen könnte. Das ich Wenn ich eines finde das seiner mehr werth ist als ich, das sein Herz erreicht das zu dem eine Klarheit eine Liebe – eine Erhabenheit den Stoff gegegeben haben – dann möchte ich beide vereinigen, daß er glücklich befriedigt belohnt würde, der herrliche Mensch! Und ich würde – ja ich würde mir Mühe geben – wenn es einen kleinen Zusatz seiner Glückseligkeit seyn könnte – freudig zu werden – o die Belohnung eines solchen Opfers muß ja der innre Friede, die himmlische Heiterkeit seyn, die man sonst wohl nur in einem andern Leben findet. Die heimlichen Thränen verzeiht Gott – sie sind der Ausdruck des Mitleids das wir mit uns selbst haben dürfen, ohne kleiner zu seyn werden.

Als ich das erstemal die Stubenrauch sah war mein Herz nicht ganz rein von jener Empfindlichkeit die nur kleinen Herzen eigen ist. Der Gedanke flog wie ein Blitz durch meine Seele daß J.P. von ihren höhren Vorzügen endlich ergriffen durch mich einen kleinen Druck empfinden könnte – denn er gieng nicht mit der Liebe von mir, mit der er zu mir kam. Warum ich war den Tag ohne Vorwurf gut gewesen hatte mich bemüht den Menschen u ihm Freude zu machen, u [...] hatte gehofft auf einige süße Minuten allein mit ihm – u der Abend floh u mein Hoffen u mein Glück. |4

Einige Minuten zuckte die Empfindlichkeit in mir. aber verhaßter Zustand um den ich mich selbst verachten würde – ich riß mich los von Dir u öfnete meinem Herzen ein freyeres schöneres Feld – seine Heimath – das des Selbstvergeßens des Hergebens. ich faßte ward wirklich froh u heiter – der Schmerz sank fast bekämpft zurück. Am Abend wurde ich nur durch die Bemerkung Richters wieder kraftloser, doch eigentlich nur verlegen, daß er mich errathen hatte. Am andern Tag hat ich mich zu jener Ge M Gemäßigkeit hingearbeitet, zu jenem glücklichen Mittelzustand der Seele, da man dankbar das geschenkte Glück empfängt u es sanft ins Herz preßt, ohne es stürmisch zu begehren – u da man den Verlust oder die kleineren Einschränkungen liebend ertragen kann. – [...] In dieser Stimmung konnte es mir leicht seyn am Abend in die glänzend Gesellschaft zu treten wo ich den einzigen geliebten Menschen in der Mitte von tausend Gegenständen der Vergleichung bei denen allen ich nur verlieren konnte, sah. O wie freu ich mich über mein Herz, daß es so gut so sanft so bescheiden war – so ganz natürlich – ohne alle Uberwindung. Adelaidens himmlisch leuchtende Liebe rührte mich unendlich – ihr Antheil – das ganz eigne Empfinden des fremden Glückes – spricht ihr Auge ihr Lächeln. – Der Stubenrauch kam ich wieder so nahe, sah so tief in ihre klare Seele, daß ich wieder ganz die heilige Verehrung empfand die ein vollendet edles Wesen in mir erregt. Sie ist über alles edel – geläutert – empfindungsvoll! ich begreife nicht, wie Richters scharfes Auge sich sie nicht gleich durchschaute – ihr Ton hat keine Veränderungen – aber eine einfache fortklingende rührende Melodie mit halben Tönen, die mein Innres auflösen können so schmerzlich schön. O die Gute wie sie mich so ganz in sich hineinzog, wünschte ich ein höherer Genius höbe mich hinweg, oder die tiefe Erde öfnete sich unter mir, und ich verschwände. u über den Herrn leren Plaz rückten beide einander näher. Keine Wonne ist der zu vergleichen, wenn [...] -wir [...] für auf der Erde die Gestalt seinesunseres idéals finden. [...]

Zitierhinweis

Von Caroline Mayer an Ernestine Mayer, nach dem 13. November 1800. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0684


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Textgrundlage

H: BJK, Berlin A
1 Dbl. 4°, 4 S. Schluß fehlt. Über dem Brief vfrH Empfängername und Datum: An Ernestine Mahlmann, 1801.

Überlieferung

D: Müller, Hoffmann, S. 98-100 (unvollständig).


Korrespondenz

Vermutlich nicht abgesendet. Zur Datierung: Nachdem Ernstine Mayer von der Verlobung Jean Pauls mit Caroline Richter erfahren hat (13. November 1800) und vor der Hochzeit der beiden (27. Mai 1801).