Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Caroline Richter an Caroline und Johann Gottfried Herder mit Nachschriften von Jean Paul. Meiningen 22. Juni 1801, Montag

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Meiningen den 22ten Juni

unsere Herzen haben Ihnen früher, ehrwürdige Mutter den Dank gesagt, den sie doch nicht aussprechen können, und beßer als wir habehat Ihres, die spätere Nachricht entschuldigt, die wir Ihnen von unserer Reise und der Ankunft, und der kleinen häuslichen Einrichtung geben wollten: sie ist erst seit gestern auf der Schwelle der Vollendung, daher war ich bis [...]dahin so durchaus beschäftigt, weil ich selbst ordne, und Hand mit an lege – Thätigkeit die mir so wohl thut, weil sie sich mit ihren Wirkungen um das Herz meines geliebten Mannes herumschlingt – – dieser arbeitet jezt schon so ruhig, als wäre er nie gestört worden – so anhaltend, daß er heute erstenmal aus freyem Drang eine Reise um unsre Meinungensche Welt angetreten hat. Sie sehen daraus daß das Haus etwas befriedigendes und anziehendes haben muß. Menschen hat er noch weniger aufgesucht, und doch waren wir am zweiten Tag unserer Ankunft schon umringt von allem was es hier hohes gebildetes u elegantes giebt. Nemlich ain den Zimmern der Herzogin die meinen Mann, auf seine Bitte um eine Stunde, zum ganzen Mittag lud – und mich, seine Frau späterhin zum Thee.

|2 wir haben uns gefallen bei der Herzlichkeit der beiden Fürstinnen , bei der Achtung mit dem uns der ganze Adel empfing. man fürchtet hier noch den Jean Paul als ein Wesen höherer Art.

Der Herzog bewohnt jezt schon sein Lustschlos Liebenstein – man erwartet dort Richter, und er wird die Wartenden nicht täuschen, sondern nach einiger Zeit hingehen.

unsre Reise konnte blos, durch den Sonnenschein im Wagen für die Orkane von außen, nicht zur ermüdensten und beschwerlichsten werden – der Weg wurde endlich so schlecht, daß unsre ohnehin schon vom Frohnleichnamsfest zu Erfurt – kaum mehr laufen konnten. Wir kamen erst Dienstags Abends um 7 Uhr hier an. Unseren Plan sogleich in die bestimmteeigne Wohnung auszupacken, musten wir aufgeben – denn keine von den dreyen zu wählenden, war nach unserem Sinne; und am wir blieben die Nacht im Wirthshause und am folgenden Morgen suchten wir weiter, und fanden endlich in ein, wie das stille Verdienst, verborgnes unscheinbares Winkelchen so viel |3 Zimmer wie wir begehrten, so viel Stille so viel häusliche Bequemlichkeit, daß wir uns kindisch freuten – für 50 rtl Miethe jährlich "4 Stuben eine Kammer Küche (nebst Rauch) Keller Holzgelaß Waschhaus – großen Hof kleinen Garten gutmütige Wirtsleute e.t.c." ich sollte lieber sagen "Meinungesche" denn die Gutmütigkeit [...]ist hier so allgemein a l'ordre du jour, daß die Leute sich wundern wenn man ihnen dankt. So frug ich einmal gelegentlich eine Hofmarschallin, nach der nächsten Bleiche – ohne sie weiter zu kennen! "Wenn ich nicht Zuspruch erwartete, willwollte ich Sie gleich begleiten". war ihre Antwort.

Wenn wir so seelig allein beieinander sind, und wir – gegenseitig glaube ich – unser Glück täglich höher steigen sehen, durch die sorgende handelnde Liebe dann wünsche ich nichts mehr als daß des großen Herders segnendes Auge uns anblicke niemals kann ich den Blick vergeßen. und an Ihr mütterlich Herz möchte ich mich anschmiegen, seltne Frau. Ihr Bild schwebt mir zwar als ein Ideal vollendeter weiblicher Würde vor, und ich habe den reinsten Willen mich dem zu nähern, aber ich möchte durch Sie in alle [...]Schattirungen des Bildes erhalten – denn es ist leichter im Großen gut, als im Kleinen vollendet werden.

|4 Ihrer Luise habe ich auch noch zu danken – nur dafür, daß sie da ist, und ist, wie sie ist. Ein reines Bild der Menschheit, ist das höchste was Menschen geben können. mehr als Liebe als Freundschaft – etwas für sich bestehendes heiliges –, und doch gebend, und wirkend.

ich schreibe bald an Ihre zarte Luise – sie liebt mich auch ein wenig – und sie würde es noch mehr, wenn sie wüßte wie dankbar ich dafür bin.

Sie kluge Mutter wißen am besten, ob es nicht zu gewagt ist, wenn ich mich mit dem kleinen Blatt an Ihren Patriarchen wendedränge.

Geben Sie es – wenn es nicht zu kühn ist.

Ewig bleib ich
Ihre
Seelentochter.
Caroline.

N. S. Hier, geliebte Freundin, komt der Titan u Fixlein. Entschuldigen Sie gütig bei Böttiger, dem ich hier auch einen Fixlein schicke, das Wegbleiben des Titans mit meinem Mangel daran. Er sol ihn noch nachbekommen, da ich ihm für sein Bücher-Lombard dochso sehr Ein gegebnes Buch schuldig bin. – Haben Sie den innigsten Dank, den alle Gefühle geben können, für das Weimarsche 14tägige Himmelreich, wozu nur Sie uns den Elias Wagen gaben. Möge kein Weim. Maifrost in die immer ofnen Blüten aller Ihrer Herzen fallen!

Postskript zum Postskript. Unter allen Ständen, sogar dem mehr geadelten (der sonst nicht adelnd ist) blüht deutsche Bieder- u. Offen- u. Gutherzigkeit.

|5 Es ist nur ein Vögelchen oder ein Täubchen, was in Ihrer Abendlaube zwitschert, heiliger Mann. Es singt sein Lied, wenn Sie es auch nicht hören wollen. Sie dürfen Sich aber nur entfernen, so verhallt der Ton – so dürfen Sie auch dis Blättchenn unter andere Papiere schieben – wenn Ihnen die Stimme unbescheiden klingt.

Warum legten Sie so sanft Ihre Hand auf meine Stirn, warum drückten Sie mir so viel Liebe aus? ich kann es nicht laßen, daß ich mich gerade vor Ihre Seele stelle, und Ihnen danke – nicht mit der Beschreibung des lebendigsten Gefühls, sondern mit einer ernsten frommen Versichrung, daß ich meine Seele immer würdiger Ihrer Achtung machen will – daß ich mich reinige und erhebe so weit ich kann.

Nicht Weimar, aber Herders leben mit mir. ich sehe zu Ihnen auf! – niemand hat gewis ein ofneres empfänglicheres Herz für Güte und Größe so habe ich lebendige Ideale mit mir genommen, und diese begleiten mich durch mein Leben.

Segnen Sie mich weiter Ehrwürdiger) Ihr Seegen ist mir heilig.

eine Ihnen geweihte Seele.

|6 Nachschrift.

Ich bin jezt im frohen Fal, Ihr postskribierendes Muster nachahmen zu können, Verehrtester. – Meine Frau ist die Magdeburger Zenturiatorin ; ich habe blos den Denker dabei zu machen. – Wir leben hier seelig, was schwer ist, wenn man es 14 Tage lange bei Ihnen gewesen ist. – Leider hab' ich aus Versehen unter Hamans recht Werken eines, was Ihnen gehört, – die Übersezung von Bolingbroke – eingepakt; es sol bald zurükfliegen. – Möge die Adrastea bald als die 3te Grazie kommen ! Möge mein Titan u. dessen Postskript in Ihrem Hause das Seltene finden – den Leser im 2ten Stok – u. das noch Seltsamere – den Richter, der mir etwas darüber nach Meiningen schreibt –! – Leben Sie wohl, darunter mein’ ich immer das viele Schreiben stat des vielen Unterschreibens!

R.

Zitierhinweis

Von Caroline Richter an Caroline und Johann Gottfried Herder mit Nachschriften von Jean Paul. Meiningen 22. Juni 1801, Montag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0710


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: GSA, 44/216, Bl 2-3
1 Dbl. 8°, 4 S. 3½ S. von Caroline Richter, ½ S. von Jean Paul.

H: GSA, 44/75, Bl 1
1 Dbl. 8°, 2 S. 1 S. von Caroline Richter, 1 S. von Jean Paul.

Überlieferung

D: Herders Nachlaß

D: 3. Abteilung, Bd. IV, Nr. 152 und 153 (nur von Jean Paul).

D: Stapf, Nr. 131 und 132, S. 90-92 (unvollständig).


Korrespondenz

A: Von Johann Gottfried und Caroline Herder. Weimar, 15. Juli 1801 (4. Abt., Bd. IV, Nr.158)