Von Ernestine Mahlmann an Johann Siegfried Mayer. Leipzig, 16. März 1802, Dienstag

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Leipzig den 16ten März 1802.

Mein theurer geliebter Vater,

In dem Augenblick da ich willens war, Ihnen zu schreiben und mein langes Unrecht, wo möglich, wieder gut zu machen, empfang ich Ihren Brief , und ward [...] nun ganz muthlos! – Ach, mein bester Vater, können Sie mir denn wohl verzeihen! Es kränckt mich so sehr, Ihnen durch mein Stillschweigen so viel Unruhe gemacht zu haben!

Es war mir aber gewißermaaßen, moralisch unmöglich, Ihnen früher zu schreiben! – Ich will nichts von dem Eindruck sagen, welchen Ihr letzter Brief nebst der Beilage auf mich gemacht haben! – Beydes schickte ich Ihrem Verlangen gemäß an Caroline, nachdem ich mir vorher eine Abschrift von dem genommen hatte, was der Abdruck eines nunmehr seeligen Geistes ist; – es war mir ein süßer, wenn gleich auch schmerzlicher Genuß! für mich –. –Sie erhalten hier einen Brief von Caroline , welchen ich vor wenig Tagen erhielt, als Einlage in einem für mich bestimmten! –

Außerdem quälte mich in dieser Zeit noch immer die Besorgniß, wegen meines Mannes Gesundheit. In meinem Innern war diese; vielleicht durch zu große, doch aber so natürliche Besorglichkeit, noch immer nicht gehoben, und nagte an |2 meinem Gemüth. – Doch jetzt hat eine Verwandlung äußrer Umstände wieder gut gemacht, was eben diese im Grunde nur vorher schlimm machten.

Es stürmten nemlich in diesem Winter Sorgen mancherley Art auf meines Mannes Gemüth! – Ihnen, die Ursachen davon auseinanderzusezen, mein guter Vater, wäre zu weitläuftig, und nicht intereßant! – Als eine kurze Erläutrung sage ich Ihnen nur, daß mein Mann sich von Voss trennt . Vielleicht schon auf Ostern. –

An der Stelle dieses Verhältnißes ist ein andres getreten, von welchem mein Mann sich für die Zukunft viel Gutes verspricht – und das auch jetzt seinen Wünschen angemeßner ist. – Er hat das Glück gehabt, auf eine sehr vortheilhafte Art, eine der bedeutendsten Buchhandlungen an sich kaufen zu können . Diese ist nun mehr sein Eigenthum! – Um aber nicht seine beßre Existenz den kleinlichen Geschäften dieses Gewerbes zu opfern – ist er mit noch jemand in Verbindung getreten; Mit einem braven rechtlichen Manne, welcher die eigentlichen Geschäfte des Handels durchaus allein übernimmt; so daß mein Mann |3 an Zeit und Freiheit unendlich gewinnt.

Gewiß, mein guter Vater nehmen Sie frohen Antheil an diesem Ereigniß – daswelches in der That wichtig genug ist, da es doch dem innren und äußern Leben meines Mannes eine neue Richtung giebt. Ich wenigstens, bin wieder recht voll Muth und froher Hoffnung, da ich jetzt schon gleichsam den Seegen dieses Unternehmens gewahr werde. Mein Mann ist wieder ganz der Alte, wieder froh und heiter, und voll Lebenslust! – Es kann wohl nichts drückender seyn, als wenn die Verhältniße, welche täglich wieder kehren, von der Art sind, daß sie unsrem ganzen Sinn und Gemüth wiederstreben! Diesen Druck erfuhr mein Mann, und ich danke nur dem Himmel daß sich bald wieder eine frohere Aussicht für ihn eröfnet hat!

Jetzt, mein guter Vater, entschuldigen Sie vielleicht mein langes Schweigen. Wenn das Gemüth nicht frey ist, so ist Mittheilung fast unmöglich, noch weniger wohlthuend für den welcher sie empfängt! Und die Geschichte dieser letzten Zeit, was enthält sie andres, als ein ewiges Schwanken zwischen Furcht |4 und Hoffnung? den Kampf zwischen dem Hange zur Freiheit, und der Nothwendigkeit der Beschränkung derselben? überhaupt die ernstere, ich möchte sagen feyerliche Stimmung, welche jedem Entschluße vorangeht, welcher auf ein ganzes Leben Einfluß hat! –

Und nun, mein liebster Vater, von einer frohen, von der frohsten Aussichten, die es für uns geben kann, nemlich von der, Sie recht bald wieder zu sehen! Sie sprechen in Ihrem Briefe von der Wahrscheinlichkeit einer Vereinigung mit allen Ihren Kindern, in diesem Frühjahr. Wann werden Sie uns denn endlich die Gewisheit ankündigen, die Gewisheit, daß wir Sie hier in L. aufnehmen dürfen?. Ach, liebster Vater, laßen Sie doch Ihren nächsten Brief ganz entscheidend seyn, und zerstören Sie ja nicht unsre schönsten Hoffnungen und Pläne! Wir denken jetzt an nichts andren – tausend kleine Einrichtungen werden schon gemacht. – denn wir sind auch so stolz, zu hoffen, daß Sie [...] dann bey uns wohnen werden. Richter ist, wie es scheint auch noch nicht ganz entschieden. Das ist recht ärgerlich! Doch ist Caroline voll Hoffnung – nur macht sie Schwierigkeiten wegen |5 des, bey uns wohnens. Doch, wie es scheint, mehr aus der Furcht, uns zur Last zu fallen, als aus andern Gründen. Im Anfang war ich wirklich ein wenig empfindlich darüber. Doch hat mein Mann einen Riß von unsrer ganzen Wohnung entworfen, wovon welchen wir ihnen schicken wollen. Daraus können sie sehen, daß es uns nicht an Plaz feht. Das Stübchen das für Sie, liebster Vater, bestimt ist, so wie das für Richters , ist darinn bezeichnet, und sie mögen nun selbst beurtheilen, ob es ihnen so bequem genug ist.

Mein Mann hat sich vorgenommen, selbst an Sie zu schreiben, mein liebster Vater! – Es würde ihn, recht kränken, wenn Sie ihm die Bitte abschlügen welche der Brief enthalten wird! –

Ach, thun Sie es doch ja nicht! –

Minna ist gesund, auch die Kinder. Nach Briefen von Ihnen hat sie mich oft gefragt. Schreiben Sie ihr doch ja selbstbald, liebster Vater, das ist ja die größte Freude die Sie ihr machen können!

|6 Den Profeßor Weber habe ich einige mal seit seiner se Zurückkunft gesprochen. Er ist voll von der guten Aufnahme, die er bey Ihnen empfangen hat, und von Berlin überhaupt. – Zu meiner Freude versicherte er mir daß Sie sehr wohl aussähen, und wie er hinzusezte, so sehr jung, daß er seiner Sache gar nicht gewiß zu seyn, geglaubt hätte, und sich verirrt zu haben, geglaubt hätte! – Er sprach auch von Ihrem Plane, mit uns gemeinschaftlich nach Dresden zu reisen. Der Plan ist gar zu schön, und ich denke auch daß er realisirt werden kann. Zwar wenn Sie nach L: reisen, wählen Sie doch die Zeit der OsterMeße ! – Und dann sind freilich meines Mannes Geschäfte am häufigsten und ihm das Reisen fast unmöglich! – Doch muß es sich ja alles noch einrichten laßen! Die Meß-Zeit, f würde für Ihren Aufenthalt in L., liebster Vater, unstreitig die angenehmste und Ge intereßanteste Zeit seyn; auch ist dann die schönste Jahreszeit! –

Nun, mein liebster Vater, von Ihrem nächsten Briefe erwarte ich recht viel. Seyn Sie so |7 grosmüthig gegen mich Sünderinn, und schreiben Sie recht bald, mein guter liebster Vater! –

Ist Tante Merzdorf noch in Berlin? und was macht die Tante Siegfried ?

Aus den Zeitungen habe ich erfahren, daß unser guter Hausen einen Sohn hat. Der Glückliche Grüßen Sie ihn doch recht herzlich von uns! –

Nun muß ich schließen, mein liebster Vater! Noch möchte ich Sie an etwas erinnern, und Ihnen doch gern jede wehmüthige Erinnrung ersparen!

Sie wollten uns ein Bild geben, deßen es zwar nicht bedarf, um das, was immer in unsrer Seele lebt aufzufrischen, aber uns doch unaussprechlich werth seyn müßte würde! –

Leben Sie doch recht wohl, mein geliebter theurer Vater! – Ich sehne mich nach Nachrichten von Ihnen wie noch nie – und erwarte die Bestätigung von so viel Schönem, und Erfreulichen recht bald von Ihrer lieben Hand. Mein Mann ist zwar nicht zu Hause, doch kann ich aus seiner Seele eine herzliche Empfelung hinzufügen. Leben Sie wohl mein geliebter Vater!

Ihre
E.'

Zitierhinweis

Von Ernestine Mahlmann an Johann Siegfried Mayer. Leipzig, 16. März 1802, Dienstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0768


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H: BJK, Berlin A
2 Dbl. 8°, 7 S.