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Morgens 7 Uhr

Guten Morgen, lieber Emanuel! Es schläfft noch alles um mich her, so daß ich in der schönen heiligen Stille des Morgens Sie ungestört begrüßen kann. Daß wir Sie gestern am Abend verfehlten, hat uns Alle schmerzlich betrübt; ein sonderbahres Zusammen treffen macherley Umstände hielt uns gestern über die gewöhnliche Zeit – trotz der unfreundlichen Witterung in der Harmonie auf, und darüber wurden wir gestraft weil der Freund kam und ungesehen von uns wieder ging. Sie glauben es mir aufs Wort Einziger, daß ich gerade gestern, nach der heiligen Stunde am Morgen, noch einge Minuten am Abend an diese angereihet hätte. Wer sich durch offne Mittheilung so nahe wird, wie wir uns da waren wie gern wiederhohlet man dann nicht den Dank dafür. Ja, Emanuel, Sie sind ein außerordentlicher Mensch! ohne Zweifel sagte dieß schon öfters die Freundinn dem Freunde, es ist allso blos ein fortgesetzter Zuruff. NurAber dadurch, daß ich der Erfahrungen im Leben so viele machte, daß ich der edlen Menschen viele kenne, und daß ich aus der Mitte dieser Sie Einzig heraushebe in der vollendesten Individualität, in sofern |2 soll es mehr als Wiederhohlung für Sie seyn —

Ohngeachtet ich Ihr tiefes Gemüth und Ihr frommes kindliches Herz noch nicht ganz begreife, so fühle ich doch bestimt, daß ich mich zu beyden erheben kann, und darum ist mir Ihr Wesen so theuer, Ihr Umgang so werth. Es kann auf ein Erden kein höheres Verhältniß geben, als die Freundschaft über Zeit und Raum über das Geschlecht reicht sie hinaus! —

Ich bitte Sie, geliebter Freund, geben Sie mir so viel Zeit als es seyn kann während meines Hierseyns . s S eit Sie mich näher kennen, bedarf diese Bitte keiner weitern Erklärung. Ich werde Sie wöchentlich einigemahl besuchen, weil ich Sie am ungestörtesten in Ihrem Hause sehen kann, und ich überhaupt mit einem Manne Ihrer Denkart am liebsten allein bin. Sonderbahrer Weise sagte ich das letztere noch keinem Manne, es lag nicht an meiner Freymüthigkeit aber an der Berichtigung meiner Begriffe.

Heute am Morgen gehe ich mit Dovenek zu Langermann, meine Nacht war abermals schlafflos weil |3 mein fatales Herzklopfen mich erst am Morgen [...] Vielleicht bringt Sie der Nachmittag in meine Nähe, zur häuslichen Caroline und zu Ihm, ich werde Sie dann sehen, oder erst am Abend, Sie heute gar nicht zu sehen, diesen Gedanken kann ich in diesem Augenblik nicht ertragen. Antonia grüßt, darff Pauline auch ohne die Mutter zu den schönen Spielsachen und zu dem Edlen Geber kommen? Mit Liebe sehe ich einigen Zeilen von Ihnen entgegen, ich werde öfters schreiben, jedoch mit Rücksicht daß der Geschäfftsmann dem Freunde zuweilen die Antwort erschwert oder gar unmöglich macht.

Noch einmahl, Guten Morgen Einziger!

Henriette.

Zitierhinweis

Von Henriette Schwendler an Emanuel. Bayreuth, 13. Juni 1808, Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0789


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Textgrundlage

H: Jean Paul Museum Bayreuth, Hs JP 26-2
1 Dbl., 2½ S. Auf S. 4 Adr.: Herrn | Emanuel. Siegelreste; Briefnummerierung vfrH.


Korrespondenz

Präsentat: 13 Juni 8