Von Emma Richter an Odilie Richter. Bayreuth, 29. Mai 1822, Mittwoch

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Mittwoch, den 29 ten Mai
1822.

Jetzt wird Dein Wunsch erfüllt, meine geliebte gute Odilie, und Du bekommst einen Baireuter Kuchen; beinahe hätte ihn Deine Subse selber gebracht, aber denn die Mutter war so gut ihr das Mitreisen mit Frl. Ritter anzubieten , aber ich dachte daran daß der Vater bei seiner Rückkehr keines von seinen Kindern weiterhe sehen sollte und das bestimmte mich noch zu bleiben, obgleich Dein letzter Brief mich wieder nach Würzburg zog. Aber Du weist selber wie der Vater ist, und was für ein Gefühl es ihm geben würde wenn er aus dem geräuschvollen Dresden nach seiner ersehnten häuslichen Einsamkeit zurückkehrt, und statt dieser das Haus als Einöde findet. Früher in schönern Zeiten war so etwas eher angegangen, aber bei seiner jetzigen gedrückten Stimmung ist es nicht so leicht zu thun. Doch deßwegen soll der Sommer nicht so ganz ungenutzt vergehen; Fanny und ich haben uns einen herrlichen Plan gemacht, der aber freilich vor der Hand nur unser Gedanke ist. Ihre Mutter sie und Marie |2 werden wahrscheinlich diesen Sommer (Ende Juni) eine eine Reise nach Kitterich am Rhein auf das Gut des Bruders von Fr. von Welden machen, und über Würzburg gehen Frl. Ritter dort abzuholen, und k da kann ich dann herrlich den vierten Platz, da keine Bedienung mitgenommen wird, einnehmen. Das ist unser Plan, und ich glaube nicht daß Fr. v. Welden etwas gegen ihn hätte, so wenig wie der Vater, der wenn er wieder eingewohnt ist, mich leicht auf einige Zeit entbehren wird. Aber das Herz wird mir ordentlich schwer wenn ich daran denke daß Du mich vielleicht mit der Ritter erwartest.

Für die Mutter habe ich mir eine Arbeit ausgedacht, aber ich will sie Dir noch nicht sagen bis sie fertig ist, und wenn sie es nicht wird, soll sie v ungekannt und ungenannt vergehen.

Gestern war Kränzchen bei Fanny Muffel wo es recht hübsch war. Wir spielten blinde Kuh nach dem Tanzen errathen aus dem zuletzt ein bloßes Tanzen wurde. Zwei recht angenehme Mädchen aus Bamberg, die eine die |3 Tochter von Riboudet waren auch da da. Ich erkundigte mich nach Amöne Hake und ließ sie grüßen. Wenn ich nur erst auch einmal die Mädchen gebeten hätte, ich schäme mich so oft sie mich einladen. Therese Schmidt spricht immer mit Extase von Dir.

Helene sehe ich recht oft. Sie s ist sehr gutmüthig, und ich habe weniger Langweile wie sonst in ihrer Gesellschaft. Ihre Schwester wird bald wiederkommen, aber sie weiß noch nichts davon, und da mir die Tante das sagte habe ich nicht den Muth es ihr wieder zu erzählen, obgleich ich weiß daß es ihr eine unendliche Freude machen würde.

Die kleine Lotte war recht oft bei mir. Sie ist sehr gut, und ich sprach viel mit ihr, obwol ich nicht recht wußte von was, denn Kinder von dem Alter sind zu groß für die Nekereien b die bei Kleinen angehen, und das Gespräch der Großen paßt auch wieder nicht recht für sie.

Am ersten Feiertag gingen die Mutter, Otto , Stein, und Reitzenstein und Helene und ich nach |4 der Pottaschhütte . Es war ein sehr heißer Tag. Die Frau hatte keinen Rahm und lief in die Nachbarschaft welchen zu holen, dann wurde angeschürt und Helene und ich standen mit Argusblicken beim Feuer auf das Kochen war des Wassers Acht gebend, aber da mußten wir ca. 1½ Stunde warten, Endlich bequemte es sich dazu und abermals nach einer St halben Stunde war der Kaffee fertig. Aber wieder eine Noth. Wie wir schon mit unsern Blicken ihn verschlangen und nur auf Tassen warteten: kam die Frau und sagte daß sie solche verliehen und weiter keine habe. Was war zu thun? Wir nahmen 6 Töpfchen – groß und kleine, schön und häßlich von Gestalt alle waren einerlei – und tranken daraus. Und Amöne die gerade recht heiter wahr war nahm ihr blechernes Büchschen als Tasse und einen Ziegel als Untersatz und ließ sichs schmecken. Weiter aber fiel nichts vor in den Feiertagen als am zweiten eine Gesellschaft bei Weldens wo ich auch war, und wo es beim Spielen mehrere Fälle gab.

In die Schachtel kannst Du die Briefe von Vater thun und sie mit dem Kutscher zurück schicken.

Lebe recht wohl, meine Dieze

Deine Subs.

Zitierhinweis

Von Emma Richter an Odilie Richter. Bayreuth, 29. Mai 1822, Mittwoch. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0810


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Textgrundlage

H: Privatbesitz Christine Pritzlaff,
1 Dbl. 8°, 4 S.

Überlieferung

D: Pritzlaff, S. 135–137 (ungenau).

D: Pritzlaff, S. 135–137 (ungenau).