Darstellung und Funktionen des "Kritischen und kommentierten Textes" sind für Medium- und Large-Screen-Endgeräte optimiert. Auf Small-Screen-Devices (z.B. Smartphones) empfehlen wir auf den "Lesetext" umzuschalten.



|1
Meiningen den 11n Jun. 1808.

Wie soll ich Ihnen, Trefflicher, würdig genug für Ihren so gar lieben Brief danken? – Ich, zürnen auf einen so geplagten Freund? O wie erkennen Sie mein Herz! Wenn der Staatsmann mein kleines Buch liest, mit so vieler Liebe liest, so ist ja dieß in unsrer Zeit schon ein halbes Wunder – aber, wenn mich der Freund, auch mitten in meinem (vielleicht allerdings sträflichen) Enthusiasmus lieber dadurch gewinnt, welch unaussprechliches Glück!

Ja, allerdings komme ich, um Sie ans Herz zu drücken und in die blauen Augen Ihres lieblichen Minchens zu sehen, wenigstens auf ein Paar Tage nach Liebenstein , und hoffe, daß dort die starken Arme meiner geliebten Freunde meine Schwäche stützen werden. Studniz hat mich 2 mal besucht, und kommt auch dort hin.

Die Kunstschulplansache geht immer weit über Erwarten gut. Ich freue mich recht innig, mit Ihnen und Studniz ( zwey Zweiflern der ersten Grösse ) ein Stündchen darüber zu scherzen, und mich bey'm Weine bekehren zu lassen!

Im Urtheil des erhabnen Göthe über mich, das Sie die Güte haben mir in einigen Worten zu geben, fühle ich gar wohl den juckenden Stich dieser heiligen hybläischen Biene , der in den Kopf meines Planes eindringt, ohne sein Herz zu verletzen! (was er ohnehin gewiß nie thut, dieser, ach, schon längst nur in den höchsten Höhen spielende und dort Blumen und Spottblitze handhabende Geist!) Aber untröstlich würde ich seyn wenn Er (man sollte ihn stets mit einem grossen Buchstaben schreiben) in dieser Operation nicht bloß ein liebendes herzliches Streben, sondern einen Anspruch ( vel quasi , als glaubte ich "ich könne Etwas") sähe! – Mich treibt der Geist – kann man ihm widerstehen? – Wenn ich irgend eine Tugend habe, so ist es Bescheidenheit. Daher wagte ich an Ihn auch noch keine Bitte um Theilnahme. – Aber, sobald mir der Himmel Etwas Grosses und Zusammenhängendes beschert – dann verzeiht Er mir gewiß, wenn ich sage: Sieh freundlich her, du Grosser – das ist mir geglückt – diese Baukosten sind zur Disposition erworben; nun betrachte meinen Plan: er ist liberal, meynt es rein so, wie er spricht und ist noch empfänglich für jedes Gute: nun fange an und |2 vollende, du schöner Riese!" – Das, edler Freund, war von jeher mein Plan, schon als die Propyläen entstanden. – Ich selbst habe nie Geschick und Kraft dazu gefühlt, noch weniger das Begehren zu hegen gewagt, auf irgend eine Art bey solchem "artistischen Schnepfenthal" (wie es Herr Böttiger verruchter Weise und zu meinem bittersten Ärger nennt) angestellt zu werden. Will man einst meinen Kindern die 420 xx., die mich alle Versendungen kosten, aus dem Fonds zurückzahlen, so – muß ich dieß wohl als ein armer Vater wünschen, hoffe aber, daß meine Kinder keine armen Kinder bleiben werden.

Sehen Sie, Bester, der Gedanke, G. könnte in meinem Streben eine Anmaassung sehen – ist mir unerträglich und wahrhaft fürchterlich – und wenn Sie mich von ihm auf irgend eine Art befreyen könnten, so würde ich wie neugeboren seyn!

Aber kein Wort mehr vom Kunstplan – wir sehen uns ja. Ich wünschte nur, den Tag Ihrer Ankunft in L. zu erfahren, damit ich mich danach einrichten könne. Panzerbieter sagt, Sie würden später kommen.

Des armen Minchens Winterübelseyn hat mir Kummer gemacht. Ich küsse ihre Hände tausendmal.

Schwendlers freuen sich auch herzlich auf Sie. Sie werden Ihnen geschrieben haben.

Dem guten Bertuch sagen Sie doch meinen herzlichen innigen Dank für seine freundliche Anzeige im Modejournal . Ich hoffe es in L. mündlich zu wiederholen.

Ewig

Ihr

treuerJEWagner.

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Friedrich von Müller. Meiningen, 11. Juni 1808, Sonnabend In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0882


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage

H: GSA, 68/618, Bl 9-10
1 Bl. 8°, 2 S.


Korrespondenz

B: Von Friedrich Theodor Adam von Müller an Johann Ernst Wagner. Weimar, 23. Mai 1808