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Meiningen den 13n Jul. 1809.

Alles was mich betrifft, ehrenfestester von allen Freunden, das mögen Ihnen die süssen geweihten Lippen eines liebenswürdigen Mädchens zulispeln, die Ihnen dieß Brieflein giebt und Ihrem Herzen durch ihre Liebe zu mir mein Andenken werther machen wird, als es so arme, aus Galläpfeln und mit Händen gemachte Zeilen vermögen würden. Nur so viel: Ich bin heute dato um 10 p.c. netto gesunder, als bisher – und falls ich noch neun solcher Portionen Gesundheit mehr erwerbe – vollkommen gesund. Und dieß verdanke ich, mit dem guten Gott, unserm vortrefflichen Könitz, in|dem ich überhaupt den sinnigen Geist und den reinen deutschen Menschen immer mehr so herrlich bestätigt finde, wie Sie mir ihn geschildert. Er ist mein Lebensretter, wenn ich auch sterben muß – darauf schwöre ich! Denn er hat das richtige Mittel, was die Erde für mich besitzt, gefunden, erkannt und dargebracht. Ist es aber zu spät , (was freylich noch wahrscheinlich bleibt) so ist das nicht seine Schuld. Ihm wollte ich mein Leben tausendmal lieber danken, als all den grossen Hufelanden und Consorten. Übrigens vertraue ich Gott wie bisher, bin daher nicht heiterer als sonst – d. h. recht heiter – und dankbar blicke ich täglich zum Unaussprechlichen, und hüte mich zu vor grössern und unbescheidnern Hoffnungen, als mir mein eigner beweglicherer Körper täglich selbst aufnöthigt.

Daß Sie mit Wernern endlich auf dieses Urtheil, was Ihr lieber Brief enthält, kommen müssten, wußte ich längst; Sie wollten es mir nur nicht glauben. Daß Sie über meinen treulos angesonnenen Catholizismus noch beruhigt, und von Herzen zu meiner Religionsansicht treten werden, weiß ich eben so gewiß – und – prophezeyhe es Ihnen hiermit. (Gottlob, daß Hendrich mir den verhassten Villers abgenommen hat – ich wollte nur, er läse ihn erst in Italien aus!) Ich hätte Ihnen dieß Opfer – gebracht!

Aber den Menschen Werner hätten Sie ans Herz drücken sollen, so fest, so weinend, wie er und ich uns drückten! Sein Geist ist überaus herrlich und groß – aber seine Wege sind und bleiben nicht meine Wege.

Mit heutiger Post erwarte ich den fertig gedruckten Ferdinand Miller von Cotta. Da meine Schriften viele Güte bey den Deutschen finden, und diese besonders den Deutschen gewidmet ist, um den Deutschen Afterpatrioten mit ihrem ewigen Nationalgeschrey das Maul zu stopfen, so sollen mir die Deutschen Herren Brüder dießmal auch etwas mehr bezahlen; ich bin daher dießmal Ihrem Rathe gefolgt und habe für etwa 14 gedruckte Bogen 300 rth – verlangt!!! Aber, es ist wohl nicht ganz recht – und wie wird der gute Cotta zurecht kommen?

Doch ich darf Sie, Allerbester durch Lesen nicht abhalten vom – Küssen! Aber mein Geist soll sich in Eure Küsse küssend mischen und wie Bienengeflüster je zwischen 4 geliebten Lippen sanftglühend mitflüstern !

Ewig

Ihr

getreuer JEWagner.

Zitierhinweis

Von Johann Ernst Wagner an Christian Freiherr Truchseß von Wetzhausen. Meiningen, 13. Juli 1809, Donnerstag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB0903


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Textgrundlage

H: Faksimile Baumbachhaus Meiningen (ehemals Slg. König)
1 Bl. 4°, 1 S. Auf S. 2 Adr.: Herrn | Major Freiherr von Truchseß | Hochfreiherrliche Gnaden | in | Bettenburg. | Durch | die Gnade des gnädigen | Frölens Antonette.

Überlieferung

D: Briefe über den Dichter Ernst Wagner, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 2, Schmalkalden: Varnhagen 1826, S. 127–129 (ungenau, unvollständig).

D: Ernst Wagner’s sämmtliche Schriften, hg. von Friedrich Mosengeil, Bd. 12, Leipzig: Fischer 1828, S. 239–241 (ungenau, unvollständig).


Korrespondenz

A: Von Truchseß von Wetzhausen an Johann Ernst Wagner. Bettenburg, 20. August 1809

Durch ein Fräulein Antonette überbracht.