Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Charlotte von Schiller an Johann Ernst Wagner. Weimar, 19. Januar 1810, Freitag

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Weimar den 19ten
Jänner 1810.

Ich wollte Ihnen schon längst begrüßen durch einige Zeilen, aber so vieles kam mir im Weg, und überhaupt bin ich oft in Stimmungen wo ich meinen Freunden lieber verschweige wie es in mir aussieht. Auch hält mich bey der ungewißen Witterung im Winter öfter meine Gesundheit ab meiner Neigung zu folgen, selbst die liebe Schwester Reinewald wird es Ihnen sagen, wie saumselig ich oft denen erscheine die ich am liebsten von mir möchte wißen lassen. Die traurige Entscheidung der Krankheit meines geliebten Schwagers wißen Sie ? Ich stehe von neuen allein in der äußern Welt, meinem Gefühl nach; denn seine Liebe für mich und meine Kinder machte mir über die Rauhen Wege des gewöhnlichen äußeren Lebens, eine gefälligere Ansicht, |2 und der Gedanke daß Er meinen Kindern eine Stüze sein würde, wenn ich nicht mehr bin, gab mir eine Zuversicht mehr. — Obgleich mein Glauben an die unsichtbare hand, die uns lenkt, mich nie verläßt, so war mir sein Daseyn, ein Bürge mehr, für die Erfüllung meiner liebsten Wünsche, in Ansehung meiner Kinder. Auch die Existenz meiner geliebten Schwester ist schmerzlich zerrißen. —

Ach warum rechnen wir nur Glück in der Welt! warum halten wir uns nur für vom Schicksal begünstigte wesen. während Alles in der Natur uns andeutet daß wir dem ewigen Gesetz der Veränderung unter worfen sind. —

Dieser neue verlust in meiner Familie hat alte wunden meines herzens wieder schmerzhaft berührt. – Obgleich mein Schmerz wieder |3 so Einzig, und Ewig wie mein verlust ist, und wie meine Liebe –

Auch Sie sind wieder kränker sagt mir Ihr Freund H. v Müller, diese Nachricht that mir recht weh. Die mildere luft wird vielleicht Ihnen wieder heilbringen, die jezige Kälte hat so etwas erstarrendes, und greift die Nerven so an. Sie haben schon so viel Geduld und Faßung bey Ihren Uebel gezeigt, daß ich hoffe, Ihr thätiger Geist wird auch diesmahl die Flügel wieder heben; Wenn man Muth hat zu leben, so verläßt auch die Kraft nicht; Sie lieben Ihre Familie, so innig. Möge die liebe für diese Sie erhalten!. –

Eine Bitte der Freundschaft wage ich an Sie, Wenn Sie dem leben nicht viel mehr abgewinnen können, so halten Sie doch dem Glauben recht fest, daß das Schicksal, daß Gott Ihre Kinder nicht verlaßen wird. —

|4 Unsre Liebe, die in sich die Ewigkeit ihres Gefühls kennt, möchte auch im leben fortwirken wo sie nur durch den Tod es kann. Und eben darum sehen wir mit Sorge auf das was wir verlaßen sollen, weil wir das Leben nur kennen, und doch sollen wir eben so gläubig und vertrauend auf die kräftige hand der vorsicht auf das leben, nach uns blicken. – Ihre Kinder wird der Seegen Ihres eignen herzens noch beglücken, und der Wille Ihrer Freunde wird sie nicht allein stehen laßen, diese hofnung möchte ich in Ihren herzen recht lebendig machen können; möchte einem freudigen Eindruck Ihnen dadurch geben. —

Ich wünsche und hoffe daß Ihnen dieser Brief ausspricht was ich Ihnen gern sagen möchte, meine herzliche innige Theilnahme, mein guter Wille, |5 Ihnen, auch nur einen freundlichen Moment zu geben, mögen Ihnen diese zeilen andeuten. Sagen Sie mir bald daß Sie sich wieder stärcker fühlen. Daß Sie das leben heiter ansehen; Meine Schwester trägt mir die herzlichsten Grüße auf, sie nimmt immer gleichen Antheil an Ihnen, und wünscht Ihnen Freude und Friede und Muth. Gott seegne Sie!

Charlotte von Schiller.

Zitierhinweis

Von Charlotte von Schiller an Johann Ernst Wagner. Weimar, 19. Januar 1810, Freitag In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0918


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Textgrundlage

H: Faksimile Baumbachhaus Meiningen (ehemals Slg. König),
1 Dbl., 1 Bl., 4½ S. S. 6 Adr.: Dem | Herrn RegierungsSecretair Ernst | Wagner.