Edition Umfeldbriefe Korrespondenz

Von Friedrich Arnold Brockhaus an Ernst Karl Friedrich Ludwig. Muiden oder Amsterdam, 23. März 1811, Sonnabend

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Hätte der Vater, wie ich ihn sonst zu nennen pflegte, oder, wie ich ihn jetzt ferner nennen werde, Herr Geheime Rath Mayer mich gewürdigt, genaue Kenntniß von meinen Verhältnissen zu nehmen, wozu das Schicksal seiner unglücklichen Tochter ihn wol hätte bewegen sollen, so konnte sich Alles schön und edel für mein und der armen Minna Schicksal lösen. Mich würde Dankbarkeit – der hervorstechendste Zug meines Herzens – an ihn und an sie dafür gefesselt haben, und kein Opfer, das ich der Welt und meinem Innern hätte bringen müssen, wäre mir dann zu hoch oder zu groß gewesen! Minna wäre auch genesen dann, und bei bürgerlich ganz geordneten Verhältnissen und mit edeln Menschen, besonders edeln Frauen, umgeben, würde sie auch edel gewesen sein – und anstatt daß jetzt durch ihr grauses Schicksal das ihrer Kinder ewig mit zerrissen wird, anstatt daß selbst ins Leben des Vaters kaum wieder reine Freude zurückkehren kann und auch seine eigenen Verhältnisse dadurch furchtbar gestört bleiben müssen, wäre ein ursprünglich gewiß herrliches und reiches Gemüth, das in den Collisionen mit der Welt zu Grunde gegangen war, wieder neu geboren worden, eine Seele war gerettet; wieder dem Leben zurückgegeben, konnte die unglückliche Tochter durch Uebung und Erfüllung von Pflichten Alles mit sich versöhnen, ihre Kinder ehren und deren Laufbahn ordnen, dem Vater selbst wieder die schönsten Blumen auf den Pfad seines Lebens streuen!

So wollen Sie es, edler braver Ludwig, so wollte ich es! Und nun werfe man noch einen Stein auf uns.

Daß ich es nicht verstand, wie Karoline mir vorwarf, den Vater, außer meiner Persönlichkeit, auch sonst zu interessiren für mein Schicksal, kann ich mir nicht zum Vorwurf machen lassen. Es ist freilich wahr, und es ist mit ein Grund auch meines allgemeinen Schicksals, daß ich es so wenig versteh mich geltend zu machen. Von der einen Seite fühle ich, daß ich einigen Werth habe, und wenn ich mich dann verkannt oder mishandelt sehe, so ist meine Erwiderung entweder stolzes in mich Zurückziehen, oder es sind – Thränen! Karoline sagte darum auch wol nicht mit Unrecht: Sie sind halb Weib, halb Mann! Von der andern Seite bin ich wenig beredt über mich selbst; ich weiß auf keine Anklage etwas zu antworten, weil ich mir, wenn sie gegründet auch nur in etwa, immer zehnmal mehr Vorwürfe mache als Andere; ich bin furchtsam, ängstlich, dränge mich nirgends hervor oder ein, weiß mit meinem Pfunde nicht zu wuchern, und welche negative Eigenthümlichkeiten ich denn mehr habe.

So wie ich nun also bin, konnte ich dem Vater freilich nichts anders als das simple Factische ohne Schmuck und Beredtsamkeit vorbringen, aber mich dünkt, daß den wahren Menschenkenner diese Einfachheit eher für die Wahrheit gewinnen als davon entfernen muß.

Allerdings war ich nun auch bald stolz gegen ihn, und gewiß würde ich es noch mehr sein, wenn sich weitere Gelegenheit finden möchte in Contact zu kommen. Diese Gelegenheit wird sich aber wol nicht weiter finden.

Ich habe seit meiner Abreise von Altenburg weder von Berlin noch von Baireuth Briefe, aber auch von Altenburg selbst noch keine. Der armen Minna habe ich meine Reise aber gemeldet, damit sie wenigstens weiß, wo ich bin. Die arme Minna!

Zitierhinweis

Von Friedrich Arnold Brockhaus an Ernst Karl Friedrich Ludwig. Muiden oder Amsterdam, 23. März 1811, Sonnabend In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=JP-UB0957


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Textgrundlage

D: Brockhaus, Leben 1, S. 211-212 (unvollständig).


Korrespondenz

Zum Abfassungsort: Brockhaus hielt sich im März in Muiden und Amsterdam auf, um die Amsterdamer Verlagsbuchhandlung aufzulösen und zu verkaufen.