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Heidelberg, Pfingstmont 1820.

..... Aber unsres J. Paul neuesten Roman, der Michaelis kommt, Der Komet genannt, sollen sie lesen. Er enthält eine Überfülle des reichsten Wizes, diesmal sehr rein von Schlacken, und die köstlichsten Situationen. Eine prächtige Episode ist darin: Der magnetische Schmaus. Ein kräftigster Magnetiseur empfängt s. Gäste mit vielem (magnetischen) Scharren und Händedrücken, und läßt sie an eine lange wohlgedeckte Tafel niedersizen, u. sich alle brüderlich die Hand geben, worauf sie durch die Kraft seines Willens plözlich in Schlaf sinken u. Clairvoyanten werden. Nun nimmt er einen Napf Sardellenbrühe und schlurft behaglich, alle Gäste mit; ein Bauer von unten ruft: „so was hab' er noch nie gekostet, u. schwazt und schwazt, herzhaft die leere Luft einschlurfend. Dann folgt Moskauer Rindfleisch und eine Krebspastete mit Froschragout, jenes für die Protestanten, dies für die Katholiken, denn es ist grade Fasttag. Der freigebige Wirt nimt ein Mundvoll Rindfleisch; sogleich kauen alle Protestanten mit, schlucken Luft hinunter, u. schreien: „welch prächtiges Rindfleisch!“ Dann einen Mundvoll Krebspastete, die durch die Kraft des Willens bloß die Katholiken mitgenießen; dem Bauer ekelt vor den Fröschen, sogleich werden sie ihm durch kräftiges Wollen entzogen. Ein Prälat wittert das Rindfleisch. „Mir auch davon“, ruft er, „ich habe Dispensation“, und sofort wird er durch die Kraft des Willens zum Rindfleisch gelassen. Unzählige andere Gerichte folgen. Beliebt den Herrn noch eine Portion? fragt der freigebige Wirt. „Mir noch etwas Mosk. Rindfleisch!“ ruft ein Professor des Code Napoleon, und sogleich schüttet der Magnetiseur noch eine Portion in seinen eigenen Wanst hinab, daß dem Professor vor Eßwollust schier die Sinne vergehen. Dann wird eine Flasche Wein gebracht; der Magnetiseur stürzt ein Glas hinunter, und noch eins, und dann noch vier, die Gäste schlürfen im Traum mit und jubeln. Dann folgt besserer Wein in großer Menge, und endlich gluckst der Magnetiseur noch Likör – daß mehrere Gäste ganz betrunken werden. Endlich entläßt er seine Gäste, nachdem er dem Wirth (das Gasthaus heißt die Stadt Wien) die Eine Portion und den Wein bezahlt. Die Gäste, wieder zur Prosa erwacht, gehen auch nach und nach, aber erst nachdem sie für ihr Geld jeder eine tüchtige Portion zu sich genommen; denn sie sind nach ihrem Schmause entsezlich hungrig geworden. – Ungefähr mit folgenden Worten schließt das Kapitel (ich schreibe aus dem Gedächtnis) „Nie war wohl ein ähnlicher froher Congreß, wie in der Stadt Wien, und wo kam wohl so viel auf die Zunge, wenn auch nicht in den Magen?“ – Satire ist keine im Buche; wenigstens sagt Jean Paul es in der Vorrede, und dem Schalk muß man schon glauben, weil er dabei fast so ehrlich aussieht, als der kleine Gustav Herrmann .....

Neulich war Jean Pauls Schwiegermutter hier. Sie sprach mit unendlicher Liebe von ihrem Sohn, und dessen Kindern, deren Erziehung ihm wie ihrer (Stief-)Tochter so viel Ehre mache. Sie reiste zu ihrer Mutter in Basel, die sie in 13 Jahren nicht gesehn. Hier war sie nur kurz, und in Gesellschaft, so daß die Eltern sie gar nicht gesehn. Wenn doch J. Paul im Herbst seinen Sohn selbst herbrächte!

Zitierhinweis

Von Heinrich Voß an Sara Boie. Heidelberg, 22. Mai 1820, Montag. In: Digitale Edition der Briefe aus Jean Pauls Umfeld, bearbeitet von Selma Jahnke und Michael Rölcke (2020–). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/umfeldbriefbrief.html?num=JP-UB1002


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Textgrundlage

D: Bäte: Kranz um Jean Paul, S. 54-56.